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Kinderlähmung: Möglicher Durchbruch im Kampf gegen Polio

Schlucken oder Spritzen - was ist besser im Kampf gegen Polio? Das wurde unter Forschern lang diskutiert. Eine Studie zeigt, dass die Vakzine kombiniert am besten wirken – und Polio ausrotten könnten.

Ein Schluckimpfung gegen Polio ist preiswert und leicht zu verabreichen

Ein Schluckimpfung gegen Polio ist preiswert und leicht zu verabreichen

Ein Spritze gegen Polio oder doch besser eine Schluckimpfung - das war bislang die Frage. Jetzt gibt es darauf möglicherweise eine Antwort: Beides. Zumindest legt das eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Fachmagazin "Science" nahe. Die Kombination der beiden Impfstoffe "Salk" und "Sabin" gegen Kinderlähmung könnte dabei helfen, den Erreger der Krankheit weltweit endgültig auszurotten. Ein Forscherteam um Hamid Jafari vom India National Polio Surveillance Project der WHO prüfte das Zusammenspiel der beiden Stoffe an insgesamt 990 Kindern im Alter von sechs Monaten bis zehn Jahren aus Nordindien.

Kinderlähmung ist der umgangssprachliche Name für Poliomyelitis oder Polio. Die Krankheit betrifft vor allem Kinder und kann dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge sehr unterschiedlich verlaufen. In 90 Prozent der Fälle haben die Betroffenen keine Beschwerden. Möglich sind aber auch Verläufe in denen Fieber, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen bis hin zu Gehirnentzündung auftreten. In seltenen Fällen kommt es zu schlaffen Lähmungen von Muskeln der Extremitäten und Hirnnervenausfällen. Häufig mit Spätfolgen.

Schlucken ist günstiger, spritzen ungefährlicher

Ausgelöst wird die Erkrankung durch das Poliovirus. Der kugelförmige Erreger, von dem es drei Typen gibt, wird durch Schmutz- und Schmierinfektionen übertragen. Gegen das Virus gibt es zwei gängige Impfstoffe. In Deutschland wird nur die Spritzimpfung "Salk" verwendet. Sie enthält Viren, die inaktiviert wurden, also nicht mehr funktionsfähig sind. Weltweit weitaus verbreiteter ist die Schluckimpfung "Sabin", die abgeschwächte, aber noch funktionsfähige Erreger enthält. Die Frage, welcher Impfstoff effektiver gegen Polio ist, führt seit Langem zu Kontroversen unter Wissenschaftlern.

Die Schluckimpfung "Sabin" ist preiswert und leicht zu verabreichen. Außerdem reagiert hier auch das Abwehrsystem der Darmschleimhaut stark auf den Erreger - der Mensch erlangt dadurch eine sogenannte Schleimhautimmunität und ist noch besser vor Polio geschützt.

Hat ein Kind die Schluckimpfung bekommen, scheidet es das abgeschwächte Virus eine gewisse Zeit mit dem Stuhl aus. Dies hat den weiteren Vorteil, dass sich Teile der Bevölkerung ebenfalls mit dem Impfvirus infizieren können und dadurch immun werden. In Ländern mit ungenügendem Polio-Impfschutz kann dies jedoch auch kritisch sein: Kursiert das ausgeschiedene Impfvirus dort zu lange, kann es zu einer gefährlichen, krank machenden Form mutieren.

Der größte Nachteil der Schluckimpfung ist, dass sie - obwohl sie abgeschwächte Viren enthält - in sehr seltenen Fällen selbst Polio auslösen kann. Aus diesem Grund wird "Sabin" in Deutschland seit 1998 nicht mehr verwendet. Eine weitere Schwäche der Schluckimpfung besteht nach Angaben der Forscher darin, dass die Schleimhautimmunität nach der Impfung schnell wieder verschwindet. Somit seien mehrere Dosen notwendig.

Der Impfstoff-Mix erhöht die Immunität

In der Studie prüfte das Team um Jafari, ob die Kombination verschiedener Impfstoffen die Schleimhautimmunität erhöht. Hierzu wurde fast 1000 Kindern aus dem nordindischen Staat Uttar Pradesh zunächst entweder "Salk", "Sabin" oder keine Impfung verabreicht. Vier Wochen später bekamen alle die Schluckimpfung.

Jene Kinder, die zuerst die Spritz- und dann die Schluckimpfung erhalten hatten, erreichten nicht nur eine höhere Schleimhautimmunität im Vergleich zu den anderen Gruppen - sie schieden auch weniger Viren mit dem Stuhl aus, heißt es in "Science". "Die Spritzimpfung sollte genutzt werden, um in Ländern, die nur schlechten Zugang zu Impfungen haben, die Ausrottung des Virus zu beschleunigen", bewertet Jafari die Ergebnisse.

Polioviren waren früher weltweit verbreitet. Durch die Einführung von Impfungen und eines ehrgeizigen WHO-Programms zur Polio-Ausrottung ist es jedoch gelungen, den Erreger massiv zurückzudrängen. So ist die Zahl der Länder, in denen Polio dauerhaft vorkommt, seit Beginn der Initiative im Jahr 1988 von 125 auf drei gesunken:. Nur Nigeria, Pakistan und Afghanistan waren noch nie poliofrei.

Allerdings kommt es nach RKI-Angaben vor allem in Afrika jährlich zu einer Vielzahl an verschleppten Erkrankungen und Ausbrüchen in eigentlich poliofreien Gebieten. In Deutschland wurde die letzte erworbene Polio-Erkrankung durch ein Wildvirus laut RKI 1990 erfasst. Die letzten beiden importierten Fälle seien 1992 registriert worden.

mh/DPA / DPA

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