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Kopfschmerzambulanz: Das Leiden nehmen

Erst hatte er starke Kopfschmerzen und dann konnte er plötzlich nicht mehr richtig sehen. Tobias Schäfer leidet schon im Alter von 14 Jahren unter Migräne.

Tobias Schäfer ist 14 Jahre alt. Vor ein paar Wochen hatte er starke Kopfschmerzen. Außerdem konnte er nicht mehr richtig sehen: dunkle Flecken behinderten sein Sichtfeld. Die Kopfschmerzen gingen, die Sehstörungen blieben. Ein Besuch beim Augenarzt brachte keine Befunde, dafür überwies ihn der Mediziner in die Kopfschmerzambulanz des Universitätsklinikums Eppendorf in Hamburg.

Seit zweieinhalb Jahren arbeitet die Neurologin Ulrike Bingel in der Kopfschmerzambulanz. Zu ihr kommen Patienten mit starken, ausgefallenen oder chronischen Kopfschmerzen - jedoch nur auf Überweisung eines niedergelassenen Facharztes. Die Warteliste ist lang, denn es gibt nur wenige Spezialisten für Kopfschmerzen in Deutschland. Neben Hamburg haben unter anderem die Universitätskliniken in Regensburg, Münster, Göttingen, Erfurt und Köln diese Einrichtungen. Bisher arbeitete Ulrike Bingel alleine in der Ambulanz, erst seit kurzem stehen ihr zwei Kollegen zur Seite.

Große und kleine Patienten

Hauptsächlich behandelt die 28-jährige Ärztin Erwachsene. Zu ihren Patienten gehören aber auch zwölf Kinder und Jugendliche, darunter Tobias Schäfer. "Mit Kindern arbeite ich besonders gerne, weil man ihnen gut helfen kann", erklärt Bingel. "Es ist ein gutes Gefühl, wenn man mit der Behandlung etwas erreicht". Jeden Donnerstag ist sie für ihre Patienten da und nimmt sich für sie viel Zeit. Im Mittelpunkt der Behandlung steht das Patientengespräch. "In 95 Prozent der Fälle kann auf diese Weise die richtige Diagnose gestellt werden", weiß Professor Cornelius Weiller, Leiter der Neurologischen Klinik und Chef von Ulrike Bingel.

Bingel interessiert sich besonders für die Art der Kopfschmerzen und ihre zeitliche Entwicklung. Tobias Schäfer klagt über klopfende, pochende Schmerzen in der Stirn, begleitet von Übelkeit und Erbrechen. Für Bingel steht ziemlich schnell fest, dass Tobias unter Migräne leidet. In seiner Familie haben Großmutter und Vater gelegentlich Migräne-Attacken. Bis vor einem Jahr blieb Tobias verschont. Doch mit dem Beginn der Pubertät setzten die Schmerzen ein. Ungewöhnlich ist seine Sehstörung. Diese ist in den Wochen seit dem letzten Anfall besser geworden, aber immer noch vorhanden. "Der klassische Fall aus dem Lehrbuch kennt typischerweise nur Auren vor den Schmerzattacken. Ich habe aber auch schon Patienten erlebt, bei denen es genau anders herum war oder die nur eine Aura hatten", beruhigt Bingel. Eine Aura ist ein neurologischer Ausfall, der das Sehen, Sprechen und Fühlen beeinträchtigen kann.

Zunge raus und wackeln

Um auf Nummer Sicher zu gehen, macht sie eine neurologische Untersuchung mit Tobias. Das ist ein bisschen wie Grimassenschneiden: Zunge raus strecken und mit ihr wackeln. Außerdem muss er die Augen schließen und abwechselnd die Zeigefinger an die Nasenspitze führen. Dann haut Bingel ihm leicht mit einem Hämmerchen gegen Ellbogen, Knie und Ferse. Am Ende kratzt sie noch mit einer Metallspitze über seine Fußsohle. Auf diese Weise will sie die Kraft, Gefühle, Reflexe und das Sehen von ihrem jungen Patienten testen. "Die neurologischen Befunde sind in Ordnung", schließt Bingel.

"Bei kleinen Kinder ist Schlaf das beste Mittel gegen Kopfschmerzen", erläutert Bingel. "Aber je älter man wird, desto weniger reicht das Schlafen aus". Tobias ist mit seinen 14 Jahren schon eindeutig zu alt. Also muss er sich mit Schmerzmitteln begnügen. "Aspirin hat mir nicht geholfen, Paracetamol dafür ganz gut", schildert Tobias. Deswegen verschreibt ihm die Ärztin Paracetamol, Tropfen für den Magen-Darm-Trakt und ein Nasenspray mit Triptanen gegen die Migräne-Anfälle. Die Tropfen sind nötig, damit die Schmerzmittel überhaupt wirken. "Das Gehirn steuert die Verdauung", erklärt Bingel. "Bei Migräne funktioniert das nicht und im Magen bleibt ein Speisebrei stehen".

Verdauung steht still

Aus diesem Grund ist den meisten Migräne-Patienten bei einem Anfall auch übel oder sie müssen sich erbrechen. Triptane sind starke Migräne-Mittel. Bingel empfiehlt Tobias, sie nur bei einer schweren Attacke zu nehmen. Dennoch hält sie es für sinnvoll, dass er sie in seiner Nachttischschublade hat. "Patienten haben ein besseres Gefühl, wenn sie wissen, dass im Fall einer Attacke ein wirksames Arsenal an Medikamenten vorhanden ist".

Eine vorbeugende Therapie lehnt Bingel im Fall von Tobias ab, da die Anfälle noch nicht so häufig sind. Dafür gibt sie ihm ein Kopfschmerztagebuch, in dem er genau Buch über seine Migräne-Attacke führen soll. Das kleine Heftchen enthält für jeden Monat eine Tabelle. Sobald er Kopfschmerzen oder Sehstörungen hat, soll Tobias dort den Schweregrad, die Begleitsymptome, die möglichen Auslöser und die genommenen Medikamente eintragen. "Nur so können wir sehen, ob die Mittel wirken und abschätzen, ob eine Prophylaxe in Frage kommt", erklärt Bingel.

Besonders in jungen Jahren ist es wichtig, die Auslösefaktoren zu identifizieren. "Kinder setzen sich den Triggern am laufenden Bande aus". Zu diesen zählen Überanstrengung, Schlafentzug, Aufregung, Nahrungsmangel. "Es reicht oft schon ein Klassenausflug, auf dem das Kind vergisst, sein Butterbrot zu essen", betont Bingel. "Das kindliche Migränegehirn ist sehr empfindlich". Wenn alles gut läuft, wird Ulrike Bingel ihren jungen Patienten nie wieder sehen. Bei der Behandlung kann ihn nämlich ein niedergelassener Allgemeinmediziner betreuen, solange die Schmerzen nicht häufiger oder heftiger werden. Auf jeden Fall wird es ihm in Zukunft besser gehen: "Wir können Patienten nie komplett die Schmerzen nehmen, aber wir können das Leiden lindern", weiß Bingel.

Irena Güttel