HOME

Stern Logo Gefahrenzone Krankenhaus

stern-Krankenhausreport: Gesundheitssystem: Was läuft schief in Deutschlands Krankenhäusern?

Als Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands weiß Jürgen Graalmann genau, wo die Probleme liegen. Hier seine Diagnose - und die Therapie, die er den Krankenhäusern verordnen würde.

Jürgen Graalmann, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, weiß, wo die Probleme von Krankenhäusern liegen.

Jürgen Graalmann, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, weiß, wo die Probleme von Krankenhäusern liegen.

"Bislang ist unsere Krankenhauslandschaft nicht konsequent am Wohl des Patienten ausgerichtet, nicht an der Qualität der Behandlung - sondern zu sehr daran, die bestehenden Strukturen zu erhalten. Ein Beispiel: 50 Kilometer um Essen herum gibt es 100 Kliniken, die Hüften operieren. Da kann mir keiner sagen, dass das notwendig sei - und natürlich sind die auch nicht alle gleich gut, wir haben ja die Daten. Das Problem ist, dass jeder Landrat lieber ein Krankenhaus eröffnet, als eins zu schließen. Ich kann das zwar nachvollziehen, aber darum darf es nicht gehen.

Es ist auch nicht im Interesse der Patienten, dass wir Krankenhäuser oft isoliert betrachten. Das deutsche Gesundheitswesen krankt daran, dass wir es nach Sektoren einteilen. Es gibt eine Krankenhausplanung - dafür sind die Länder zuständig. Und es gibt eine Bedarfsplanung für den ambulanten Bereich. Wenn Sie ein urologisches oder orthopädisches Problem haben, brauchen Sie aber einfach einen guten Arzt. Ob der bei der Kassenärztlichen Vereinigung angemeldet und niedergelassen ist, oder ob der Arzt im Krankenhaus ist, ist Ihnen im Zweifel egal.

Kommunikation ist an vielen Stellen ein Problem

Wenn Sie sich mit Patienten unterhalten, die innerhalb eines Krankenhauses zwischen Abteilungen verlegt wurden, dann merken Sie, dass es selbst innerhalb eines Hauses so etwas wie Sektoren gibt. Dass die Urologen mit den Orthopäden nicht abgestimmt sind und die Kardiologen nicht mit den Gynäkologen. Kommunikation ist an vielen Stellen ein Problem: zwischen den ärztlichen Professionen, zwischen Ärzten und Pflegern - und zwischen Ärzten und Patienten. Es gibt eine Internetseite, die wir auch unterstützen: washabich.de. Da können Patienten die Diagnose ihres Arztes einsenden und bekommen sie dann in verständliche Sprache übersetzt. Dass es so eine Seite geben muss, zeigt: Wir haben noch ein riesiges Defizit in der Arzt-Patienten-Kommunikation. Nicht nur, aber auch in Krankenhäusern.

Auch beim Umgang mit Fehlern ist noch viel zu tun. In der Luftfahrtindustrie haben sie eine positive Fehlerkultur: Wenn es da einen Beinahe-Unfall gibt, dann ist das ein Ereignis, aus dem andere lernen können. Wenn Sie im deutschen Gesundheitswesen Fehler und Probleme ansprechen, dann denken viele noch immer, das habe etwas mit Vorwürfen zu tun - das macht man nicht. Wir als AOK haben schon vor Jahren eine Initiative für mehr Patientensicherheit ins Leben zu gerufen, um das Sprechen über Fehler in der Medizin selbstverständlicher zu machen. Aber bisher gibt es auf diesem Feld erst zarte Pflänzchen.

Die Länder kommen ihrer Zahlpflicht nicht nach

Eines der ganz großen Probleme der deutschen Krankenhäuser ist ihre Finanzierung. Und ich kann versichern: Das liegt nicht daran, dass die Gesetzlichen Krankenkassen zu wenig zahlen würden. Wir haben im letzten Jahr ziemlich exakt 70 Milliarden Euro für Krankenhäuser ausgegeben - vor 15 Jahren waren es noch 45 Milliarden. Es sind die Länder, die nicht genug zahlen. Wir haben ja eine klare Aufgabenteilung: Wir als gesetzliche Krankenversicherung müssen den laufenden Betrieb der Krankenhäuser, also Personal- und Behandlungskosten, finanzieren und die Länder die Investitionskosten, also Gebäude und Medizintechnik. Schließlich machen sie ja auch die Krankenhauspläne, aus denen sich diese Kosten ergeben: Sie legen fest, wo es welche Krankenhäuser gibt, mit welchen Abteilungen und wie vielen Betten.

Nun ist es aber seit mehr als zehn Jahren so, dass die Länder ihrer Pflicht nicht ausreichend nachkommen. Ihre Investitionsquote hat sich seit dem Jahr 2000 nahezu halbiert: von 6,6 Prozent in 2000 auf 3,5 Prozent in 2013. Deshalb sind die Krankenhäuser nahezu gezwungen, für Investitionen jedes Jahr zwischen 1,5 Milliarden Euro und 3 Milliarden Euro von den Geldern abzuzweigen, die die Kassen für die Patientenbehandlung zahlen. Und sie versuchen, immer mehr Fälle zu behandeln - auch solche, bei denen ein Eingriff medizinisch nicht notwendig wäre."

Therapie

"Nicht alles lässt sich vor Ort in den einzelnen Häusern lösen. Es gibt zwei übergeordnete Punkte, die besonders wichtig sind und über eine Krankenhausreform angegangen werden müssen. Erstens: Die Finanzierung der Investitionskosten muss für die Krankenhäuser gesichert sein. Und da sehe ich nur zwei Möglichkeiten: Entweder, die Länder erhöhen wieder ihren Investitionskostenanteil. Oder sie geben Verantwortung ab - dann allerdings auch für die Planung der Krankenhäuser.

Und der zweite, noch wichtigere Punkt: Die Krankenhäuser müssen auf die Bedürfnisse der Patienten hin neu ausgerichtet werden. Wir müssen über die Sektorengrenzen hinaus denken und die Behandlungsqualität zum Maßstab machen. Dafür sorgen, dass Krankenhäuser nur noch dann Leistungen erbringen dürfen, wenn sie gewisse Mindestanforderungen erfüllen.

Es geht dabei nicht um die Schließung ganzer Häuser, sondern um den Wegfall schlechter Leistungen. Wieder das Beispiel Essen: Die Abteilungen mit schlechter Qualität sollten diese Leistungen nicht mehr anbieten dürfen. Das bedeutet mehr Geld für andere - und eine bessere Behandlung für die Patienten.

Ich bin der festen Überzeugung, dass man das der Bevölkerung sehr gut erklären kann. Wichtig ist: Auch wenn ein Krankenhaus keine Hüft-OPs mehr machen darf, muss in jedem Falle eine wohnortnahe Notfallversorgung sichergestellt bleiben. Das ist sicher die größte Angst, die Patienten haben: dass sie einen Schlaganfall bekommen könnten und das nächste Krankenhaus dann 65 km entfernt ist. Das darf nicht sein.

Ein Eckpunkte-Papier von Bund und Ländern zur Krankenhausreform sieht vor, Qualität auch zum Maßstab für die Bezahlung von Behandlungen zu machen: mit Zuschlägen für besonders gute und Abschlägen für besonders schlechte Leistungen. Letztere darf es auf keinen Fall geben. Ich will meinem Versicherten nicht erklären müssen, dass er zwar eine schlechte Hüfte bekommen hat, dass sie dafür aber günstiger war. Wer den Anforderungen nicht genügt, darf nicht behandeln.

Insgesamt gilt: Eine patientenorientierte Gesundheitsversorgung gelingt nur im Miteinander der Akteure: Ärzte, Pflegekräfte, Politik und Kassen.

Mehr zum Thema "Gefahrenzone Krankenhaus" lesen Sie im aktuellen stern.

print

Wissenscommunity