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Leukämie: Tim Lobinger über Chemotherapien, Hiobsbotschaften und Kuscheln auf Distanz

Er war der Popstar der deutschen Leichtathletik. Dann erkrankte Tim Lobinger vor einem Jahr an Krebs. Ein Gespräch über das Leid während fünf Chemotherapien, den Sport als Kraftquelle und das Ende seiner Ehe.

Von Anika Geisler und Mathias Schneider

Tim Lobinger über Chemotherapien und Hiobsbotschaften

Tim Lobinger: "Wenn der Krebs erst einmal in Schwung kommt, ist es schwer, ihn zu bändigen. Deshalb stand die Angst im Raum, dass wir sofort wieder mit der Chemo würden starten müssen."

Etwa ein Jahr ist es her, dass der ehemalige Weltklasse-Stabhochspringer Lobinger, 45, im März 2017 eine der schlimmsten Diagnosen erhielt, die sich ein Mensch vorstellen kann: Plasmazell-Leukämie – Blutkrebs. Es war ein Schock, nicht nur für ihn und seine Familie. Denn Lobinger avancierte in den Neunzigern und frühen Zweitausendern mit seinem wie gemeißelt erscheinenden Körper und seinem langen Haar zu einer umschwärmten Popfigur des Sports. Zum Anführer eines laut inszenierten Körperkults. Optisch perfekt. Unverwundbar.

An diesem Tag stört kein Geräusch die Nebenstraßen-Idylle in München. Der zweijährige Sohn Okkert ist mit der Oma draußen. Lobinger nimmt am Esstisch Platz, seine Frau Alina im Hintergrund, in der Küche. Zwei Stunden wird er sprechen, mal voller Selbstironie, mal voller Schmerz. Am Vormittag hat ein Freund ihm die Haare geschnitten – zum ersten Mal seit den Chemotherapien, der durch sie verursachten Glatze und dem Wiederwachsen der Haare. Ein Schritt mit Symbolwirkung.

Herr Lobinger, ist es ein ermutigendes Zeichen, dass wir Sie mit voller Haarpracht antreffen?

Es ist zumindest ermutigend, mal nicht gleich als Kranker angesehen zu werden. Wenn die Augenbrauen nach der Chemotherapie fehlen, hast du einfach den Krebs-Look. Jeder definiert dich darüber.

Vergangenes Jahr mussten Sie fünf Chemotherapien, eine Stammzelltransplantation und Bestrahlungen durchstehen. Die Therapien schienen erfolgreich, doch im Januar erhielten Sie den niederschmetternden Befund, dass der Krebs zurückgekommen ist ...

... deshalb war es für mich so wichtig, von den Ärzten zu erfahren, dass die ganze Prozedur, die ich im Jahr zuvor durchgemacht hatte, nicht gleich wieder auf mich zukommt.

Wie haben Sie die erneute Hiobsbotschaft verkraftet?

Fast eine Woche lang steckte ich im Niemandsland. "Wir müssen jetzt beten, dass die Krebszellen wegen der aggressiven Therapien nicht beleidigt sind und sich wieder rasend vermehren", hatte mir der Arzt mitgeteilt. Die zwei Krebszellenarten, die vergangenes Jahr erkannt wurden und vernichtet werden konnten, sind diesmal auch nicht mehr nachgewiesen worden. Dafür ist eine leicht mutierte Form zurückgekehrt. Nach dieser Nachricht war ich knapp eine Woche in einem Zustand, den man nicht allzu oft erleben sollte. Furchtbar. Eine große Leere war in mir, ein Loch. Trauer legte sich über die ganze Familie.

Ein Körper wie gemeißelt: In seiner aktiven Zeit als Stabhochspringer – hier bei einem Wettkampf 2009 in Stuttgart – avancierte Tim Lobinger zur umschwärmten Popfigur der Leichtathletik

Ein Körper wie gemeißelt: In seiner aktiven Zeit als Stabhochspringer – hier bei einem Wettkampf 2009 in Stuttgart – avancierte Tim Lobinger zur umschwärmten Popfigur der Leichtathletik

Sie mussten erneut befürchten, in kürzester Zeit zu sterben.

Jetzt geht es ganz rasant, das war die Sorge. Wenn der Krebs erst einmal in Schwung kommt, ist es schwer, ihn zu bändigen. Deshalb stand die Angst im Raum, dass wir sofort wieder mit der Chemo würden starten müssen.

Warum kam es dieses Mal anders?

Die Blutwerte sind erst einmal nicht schlechter geworden. Zumindest bis heute nicht.

Dürfen Sie die Hoffnung haben, den Krebs nicht nur in Schach zu halten, sondern ihn ganz zu bändigen?

Mithilfe meines Stammzellenspenders werden mir aktuell dessen Lymphzellen infiltriert. Wie ein Booster für das Immunsystem soll das wirken. Die Ärzte wollen, dass es die alten Tim-Lobinger-Krebszellen noch einmal jagt, die die Chemos und die Stammzelltransplantation nicht ganz ausradieren konnten.

Klingt hoffnungsvoll.

Schon – aber die Nebenwirkungen! Ab der dritten Spritze ist mit schlimmen Hautreaktionen zu rechnen, hohem Fieber oder Durchfall. Die Schuhgröße geht manchmal von 43 auf 47 hoch, wegen der geschwollenen Füße. Entscheidender ist für mich aber, dass der Arzt gesagt hat: Jetzt haben wir wieder ein oder zwei Jahre gewonnen, um zu sehen, was es an neuen medizinischen Therapieoptionen gibt. Das hört sich anders an, als Woche für Woche zu bangen.

Können sich die Ärzte erklären, warum der Krebs zurückgekommen ist?

Offensichtlich ist bei mir eine Hauptsicherung im Körper falsch programmiert und produziert weiter diese kranken Zellen. Leukämie wird man häufig nie ganz los, speziell nicht bei meiner sehr aggressiven und seltenen Form.

Wie lange können Sie so leben?

Das können mir die Ärzte nicht wirklich sagen, aber sie wirken derzeit entspannt und raten mir: "Tu so, als ob du es nicht wüsstest. Du kannst vorsichtig alles machen." Das musste ich auch erst lernen, mir zu sagen: "Okay, ich habe Krebs, fühle mich aber gut." Es ist wichtig, dass ich mich auf das Weiterleben konzentriere – und nicht den ganzen Tag traurig darüber bin, dass ich nicht weiß, wie lange ich noch habe.

Wie haben Sie gelernt, die Lebensgefahr zu verdrängen?

Ich kann das erstaunlich gut. Es gibt Tage, da denke ich mir: Der Krebs ist fast weg. Ich fühle mich dann gesund, glaube, mein Körper hat es im Griff. Auf dieses Gefühl lasse ich mich ein, sonst habe ich ja von keinem Tag mehr etwas.

Muskelspiel: Nackt zierte die Olympia-Hoffnung Tim Lobinger im Jahr 2000 das stern-Titelbild

Muskelspiel: Nackt zierte die Olympia-Hoffnung Tim Lobinger im Jahr 2000 das stern-Titelbild

Was heißt das in Ihrem Fall: sich gesund fühlen?

Ich kann wieder 50 Meter in knapp über sieben Sekunden sprinten. Nicht toll, aber für mich wichtig – im letzten Jahr konnte ich nicht mal joggen. Da war noch der Tumor in der Schulter, die Krebszellen hatten sich auch im Knochen angesiedelt und drohten ihn zu zerfressen. Die Schulter musste bestrahlt werden. In der Zeit konnte ich mir nicht mal den Kopf waschen oder eine Tasse aus dem Schrank holen.

Wie geht es der Schulter heute?

Ich kann Krafttraining machen! Mein Körpergewicht von knapp 80 Kilo bewege ich schon wieder bei den Brustpressen an der Hantelstange. Da schöpfe ich Lebenskraft daraus – nicht alles dem Krebs unterzuordnen. Auch wenn mein Körper keine Muskeln mehr aufbaut, dazu schwimmt zu viel Medizin in ihm.

Sie sehen dünn aus.

Während der Chemotherapien im vergangenen Jahr wog ich nur 71 Kilo bei 1,93 Meter Körpergröße – mein Kopf wirkte so groß wie eine Melone. Jetzt wiege ich 79 Kilogramm. Heute kann ich als Athletiktrainer wieder alle Übungen mit meinen Sportlern selbst mitmachen.

Warum ist Ihnen das so wichtig? Jupp Heynckes rennt beim FC Bayern mit 72 Jahren auch nicht mehr selbst um den Platz.

Zunächst gibt es den Sportlern das Gefühl: Dem Tim geht es wirklich besser, der redet nicht nur. Am wichtigsten ist: Es macht mir Riesenspaß, mich zu bewegen – das verbinde ich mit meinem alten Leben.

Wie hat sich Ihr Körperempfinden verändert?

Meine Füße sind ziemlich taub – sie fühlen sich pelzig an. Das Gift der Chemos lagert sich in den Extremitäten ab. Ich merke kaum, ob ich in heißem oder kaltem Wasser stehe.

Bevor Sie die Diagnose Blutkrebs mitgeteilt bekamen – wie merkten Sie, dass etwas nicht stimmte?

Schon im Herbst 2016 war ich sehr schlapp. Ich bekam leicht und häufig Nasenbluten und hatte Nasennebenhöhlenentzündungen. Das waren die ersten Symptome der Leukämie, die meine normalen Blutzellen verdrängte. Im Dezember 2016 konnte ich keine fünf Minuten mehr auf dem Ergometer-Fahrrad fahren. Ich habe gedacht, ich sei einfach platt – und bin weitermarschiert. Im Nachhinein betrachtet natürlich dumm.

Wie erlebten Sie den Tag der Diagnose, den 3. März 2017?

Es war ein Schock. Ich habe viel geweint. Komischerweise konnte ich nachts ganz gut schlafen. Am nächsten Tag bin ich aufgestanden, habe noch mal geweint, aber dann habe ich gesagt: Okay, ist jetzt so.

Haben Sie nicht gehadert: Warum ich? Ich habe doch gesund gelebt?

Nein, darauf wollte ich keine Energie verschwenden.

Das klingt extrem pragmatisch.

Ich habe anfangs schon überlegt, wo kann der Krebs herkommen bei mir? Vom Industriekleber, mit dem ich früher fürs Stabhochspringen meine Hände eingesprüht habe, damit ich besseren Halt hatte? Aber da wäre Hautkrebs wahrscheinlicher gewesen und nicht Leukämie. Generell fand ich aber schnell zu der Haltung: Was ist jetzt zu tun?

Wie haben Sie die fünf Blöcke Chemotherapie weggesteckt?

Da gab es verzweifelte Phasen. Die Nebenwirkungen machten mir schwer zu schaffen: Die Haare fielen aus, bis ich sie abrasierte. Mein Mund war so entzündet, dass ich kaum essen konnte. Dann die Schmerzen in der Schulter. Ich habe mehrere Wochen nur im Sitzen schlafen können, trotz stärkster Schmerztabletten.

Wie fühlt sich Chemotherapie an?

Das mit der Übelkeit ist halt so, das weiß man. Das mit den entzündeten Stellen im Mund war zumindest greifbar, dagegen konnte ich mit Tinkturen vorgehen. Schlimm waren die Phasen, in denen ich so platt war. Ich habe mich wie in einem ultraschweren Jetlag gefühlt. Als ob Sie nach einer Stunde Nachtschlaf aufstehen sollen. Das Duschen war so anstrengend wie zwei Stunden Krafttraining, das Eincremen danach wie ein Marathon. Schlafen konnte ich trotzdem kaum: Mein Körper war bleiern müde, aber mein Kopf kam nicht zur Ruhe. Die Symmetrie aus Körper und Geist war aufgehoben.

Durchlebten Sie jeden Chemo-Block auf die gleiche Weise?

Von den fünf Blöcken waren drei wirklich schlimm. Sie dauerten jeweils 96 Stunden am Stück. Ich war immer verbunden mit fünf Infusionsbeuteln, deren Flüssigkeiten durch einen Gefäßzugang am Hals in den Körper liefen. Auf dem Weg zur Toilette zog ich immer diesen Weihnachtsbaum (gemeint: Infusionsständer, Anm. der Redaktion) mit mir mit. Und ich musste dauernd zur Toilette, wegen der hohen Flüssigkeitszufuhr.

Wann hatten Sie am meisten Angst?

Auf der Isolierstation – dorthin musste ich vor und während der Transplantation der Stammzellen, die ich von einem passenden Spender als Infusionen bekam. Da gehen Sie durch zwei Schleusen rein, dann sind Sie quasi eingesperrt, angekettet an Kabel und Infusionsschläuche. Das muss aber so sein, weil das eigene Immunsystem vor der Transplantation der fremden Zellen plattgemacht wird, und dadurch jeder Keim zur tödlichen Gefahr werden kann. Die Zeit kroch dahin. Ich hatte Nächte mit fürchterlichen Albträumen.

Krankenhaus, Isolierstation – solche Orte können ein Nährboden für Neurosen sein.

In der Klinik habe ich viel mitbekommen, gerade auf der Iso. Da sind so einige Menschen schwer geprägt durch ihre Krankheit. Mir haben befreundete Ärzte gesagt, dass mancher, zu gut Deutsch, mit einer Klatsche wieder rauskommt. Da habe ich mir gesagt, das wird bei mir nicht passieren, auch wenn es eine lebensbedrohliche Krankheit ist.

Was war der Tiefpunkt?

An Tag fünf oder sechs auf der Isolierstation kam eine sehr erfahrene Schwester rein, mitten in der Nacht. Ich saß auf der Bettkante, tief verzweifelt, und habe nur den Kopf geschüttelt. Und dann hat sie nur ganz kurz ihre Hand auf meinen Rücken gelegt und gar nichts gesagt. Das war so ein Moment, bei dem ich gemerkt habe: Ich muss mich zusammenreißen. Das war, als würde sie einem kleinen Kind über den Kopf streichen. Mir wurde klar, entweder wirst du nach allem hier gebrochen sein und wirklich einen an der Klatsche haben – oder eben nicht. Ich wollte mich nicht brechen lassen.

Ärzte, Krankenschwestern, Besucher – auf einer Isolierstation tragen alle Kittel und Mundschutz. Händeschütteln und Umarmungen sind verboten.

Ja, das war krass, immer diese Distanz. Wenn jemand näher als zwei Meter an meinem Bett stand, war das schon wie Kuscheln (er gluckst kurz).

Kommen in so einer Umgebung irgendwann die großen Fragen des Lebens? Wie viel Zeit bleibt mir noch? Was wird aus meinen Kindern?

Bei meinem kleinen Sohn dachte ich mir: Fünf Jahre würde ich den schon noch gern sehen. Aber mit sieben den Vater zu verlieren, ist auch nicht so toll.(In dem Moment geht die Haustür auf, freudiges Getrampel im Flur, Okkert kommt vom Spaziergang mit der Oma heim. Mit einem Lachen begrüßt Lobinger seinen Sohn.)

Ihre beiden Kinder aus erster Ehe, Fee und Tyger, sind fast erwachsen.

Meine 23-jährige Tochter so hilflos zu sehen war eine andere Form von emotionaler Folter. Bei meinem Sohn Tyger denke ich: Der ist 19, er macht jetzt sein Abitur, ist sehr selbstständig und – so brutal das ist, aber: Der Weg ist für den Großen bereits ein Stück weit geebnet. Aber bei Okkert ist ja noch gar nichts geebnet. Fakt ist: Die nächsten Jahre meiner drei Kinder will ich nicht verpassen.

Belastet das eigene Leid stärker – oder jenes, das man hinterlässt?

Auch wenn ich mir sage: Du hattest ein Leben, einen Grad an Zufriedenheit erreicht, du kannst loslassen – was ein langer Prozess war mit vielen Tränen –, aber das Leid, das man hinterlässt ... (seine Augen werden feucht, die Stimme wird höher) ... das ist brutal. Das treibt mir auch jetzt die Tränen in die Augen. Da schreit es dann schon eher mal "Ungerechtigkeit" aus meinem Bauch heraus. Warum müssen meine Kinder die Scheiße miterleben? Warum meine Partnerin Alina? Warum die ganze Familie? Es reicht ja schon, dass ich die Krankheit habe.

Also haben Sie noch verbissener gekämpft?

Eher andersherum. Ich musste mich ganz schnell mit diesem Leid abfinden – auch um mein Umfeld nicht emotional noch mehr zu belasten. Ich musste meinen Frieden machen mit meinem Leben, dass ich sagen kann: Für diese 44 Jahre hat es sich gelohnt – jeder Streit, jede Träne, die Investition in den Sport, die Familie, drei Kinder. Wenn man das schafft, ist man bereit für das, was noch kommt: brutale Therapien, neue Hiobsbotschaften oder auch neue Herausforderungen. Dann ist man aufgehoben. Aber das ist tränenreich, das haut rein. Das war ein langer Verarbeitungsprozess. Zu denken: Dann sterbe ich – aber das ist okay. Ich konnte das Manuskript von meinem Buch wochenlang nicht noch mal Korrektur lesen. Wenn ich jetzt weine, ist es ... (er kämpft wieder mit den Tränen) ... eher eine Erleichterung. Es ist scheiße, aber es ist okay.

Viele Schwerkranke kommen zu all dem Leid auch noch finanziell in die Bredouille. Sind Sie in dieser Hinsicht abgesichert?

Die Preisgelder aus meiner Sportlerkarriere habe ich damals für meinen eigenen Trainer und die Trainingslager aufgebraucht. Ich könnte beruflich sagen: Warum bist du nicht bei RB Leipzig geblieben (dort war Lobinger bis 2016 fest angestellter Fitnesstrainer, Anm. der Red.)? Da warst du noch sozialversichert. Jetzt bist du selbstständig als Athletik- und Personal-Trainer, gehst erst mal runter auf null und kannst nichts mehr finanzieren. Aber ich habe wieder eine Perspektive, die nächsten ein, zwei Jahre. Deswegen ist das Weiterleben auch was Schönes. (Lobinger weint jetzt stärker, das Gespräch wird kurz unterbrochen.)

Risikofaktoren : Warum mutieren Körperzellen und werden zu Krebs?

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie von Anfang an alle Risiken und Nebenwirkungen der Medikamente in eine Art Abstellkammer in Ihrem Kopf geschoben hätten. Im Hochleistungssport sind oft ähnliche Strategien nötig. Hat Ihnen Ihr Vorleben da geholfen?

Ja, mit dem Ausblenden bin ich auch gut gefahren. Was soll ich mir noch mehr schlimme Szenarien ausmalen, wenn der Worst Case schon da ist. Bei den Olympischen Spielen musste ich früher auch vor dem dritten Versuch ausblenden, dass es danach, in der Pressekonferenz, der Horror sein würde, wenn ich jetzt ausscheide. Dieses ständige In-sich-Reinhören ist das Schlimmste, was man machen kann.

Sind Verletzlichkeit und Emotionalität, die Sie jetzt zeigen, erst mit der Krankheit gekommen?

Ich zeige Gefühle jetzt ehrlicher als früher. Damals, im Wettkampf, hatte ich dieses unsympathische Pokerface. Manche nannten es arrogant, andere konzentriert.

Nach der schweren Zeit, die hinter Ihnen liegt – bereuen Sie etwas aus Ihrem Leben?

Den einen oder anderen Spruch hätte ich mir in meiner aktiven Zeit sparen können. Außerdem hätte ich Freundschaften und Beziehungen, auch die eigene Partnerschaft, früher mehr wertschätzen können. In manchem Jahr bin ich zu 50 Wettkämpfen gefahren. Bei mir war das all tägliche Thema: funktionieren, erfolgreich sein und Egoismus. Anstatt zu sagen, ich setze mich mal mit meiner Frau zum Italiener und genieße das Leben, dachte ich: Zeitverschwendung. Ich hätte viel mehr Kompromisse eingehen können, die das Leben lebenswerter gemacht hätten – und ich wäre sicher genauso erfolgreich gewesen. Man muss für den Erfolg kein ignorantes Arschloch sein.

Ihr Buch ist eine Hommage an Ihre heutige Ehefrau Alina, die Sie offenbar rührend umsorgt hat. Sie beide wirken wie das perfekte Paar – durch dick und dünn. Dennoch deuten Sie im Buch zweimal an, dass Sie getrennt seien.

Wir wollten ehrlich sein. Nach 15 Jahren Beziehung sind genügend Dinge passiert, die leider dazu geführt haben, dass wir bereits vor der Diagnose kein Paar mehr waren. Es ehrt Alina sehr, dass sie trotzdem ihre ganze Kraft mobilisiert hat und für mich immer da war.

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Ihre Frau scheint sehr selbstlos.

Vollkommen richtig, sie macht die Maloche. Die schwierige emotionale Arbeit, sie ist das Auffangbecken. Das ist Schwerstarbeit.

Sie tragen Ihren Ehering noch.

Ja, das ist ein Zeichen von Dankbarkeit und Anerkennung.

Sie wohnen sogar gemeinsam in dieser Wohnung – um dem Kind Stabilität zu geben?

Man hätte mich letztes Jahr gar nicht allein lassen können.

Ihre Eltern wohnen in Meckenheim bei Bonn. Wo wollen Sie in Zukunft leben?

Ich bin hier in München sehr heimisch. Alle hier haben mich physisch und emotional gestützt. Meine Eltern hatten mehr Probleme mit der Situation, dass ihr Sohn krank ist, als meine Schwiegereltern. Die waren örtlich näher und vom ersten Tag an da, haben den Haushalt mitgeschmissen, haben etwas ins Krankenhaus gebracht. Das ist nicht selbstverständlich.

Warum taten sich Ihre Eltern schwerer?

Dadurch, dass sie so weit weg wohnen, fühlten sie sich bestimmt oft hilflos. Klar haben sie mich besucht, und wir haben regelmäßig telefoniert. Doch ich habe in unseren Gesprächen versucht, ihnen ihre Sorgen um mich zu nehmen. Ich war ja durch Familie und Freunde in München komplett aufgefangen.

Gibt es noch den berühmten Traum, den Sie in den nächsten Monaten doch lieber nach vorn ziehen?

Ich will keine Weltreise mehr machen oder so etwas. Ich will bei den Menschen sein, die mir viel bedeuten und mir täglich geholfen haben, und etwas zurückgeben. Man wird genügsam. Ich möchte lieber beruflich noch etwas bewegen, um meinen Kindern etwas zu hinterlassen. Etwas, das sie weiterführen können.

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