Leichenschau Jede zweite Tötung bleibt unentdeckt


Mindestens jeder zweite Mord oder Totschlag bleibt in Deutschland nach einer Hochrechnung des Münsteraner Professors Bernd Brinkmann unentdeckt. Grund ist die oftmals schlampig oder gar nicht durchgeführte Leichenschau, die - schlecht entlohnt - unter Medizinern als lästige Pflicht gilt.

Auf dem Bauch der Männerleiche liegt ein amtliches Formular, der Totenschein. Als "natürliche Todesursache" hat dort ein Arzt "Herzversagen" eingetragen, ungeachtet des Messers, das bis zum Schaft in der linken Brust des Toten steckt. Es sind krasse Beispiele wie dieses, die Rechtsmediziner wie den Frankfurter Professor Hansjürgen Bratzke regelmäßig in Rage bringen. Jetzt soll ein Vorstoß der Bundesärztekammer der "Liederlichkeit bei der Leichenschau" (Bratzke) in Deutschland ein Ende bereiten.

Studien haben bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass es schlecht steht um die Sache der Toten. Mindestens jeder zweite Mord oder Totschlag bleibt in Deutschland nach einer Hochrechnung des Münsteraner Professors Bernd Brinkmann unentdeckt. In seiner groß angelegten Querschnittsstudie, für die über 13 000 Obduktionen ausgewertet wurden, spricht er von bis zu 2400 unentdeckten Tötungen und etwa 4000 unregistrierten ärztlichen Kunstfehlern - pro Jahr.

15 Euro Honorar für eine Leichenschau

Als Quelle der meisten Fehler gilt die Leichenschau, zu der jeder Arzt verpflichtet ist. Mit einem Honorar von noch nicht einmal 15 Euro nicht gerade fürstlich entlohnt, gilt sie vielen Medizinern offenbar als lästige Pflicht. In den meisten Fällen erledigen die Haus- und Notärzte die dennoch notwendige Arbeit. Den wirklichen Fachleuten, den Rechtsmedizinern der Universitäten und den Pathologen der Krankenhäusern, kommt höchstens jeder 20. der jährlich rund 900 000 Toten unters Seziermesser. Im internationalen Vergleich ist das extrem wenig, die Quoten etwa in Österreich und den skandinavischen Ländern liegen um ein Vielfaches höher.

"Für jeden verbeulten Kotflügel wird in Deutschland mehr gutachterischer Aufwand getrieben als für einen toten Menschen", sagt der Gießener Rechtsmediziner Prof. Günter Weiler. Er fordert eine verbindliche Leichenschau von Amtsärzten für tote Kinder im Alter von unter einem Jahr und bei Todesfällen in Alten- und Pflegeheimen. "Das hätte eine enorme prophylaktische Wirkung. Der Heimarzt hütet sich bislang doch, Hinweise auf Pflegeschäden, Misshandlungen und mangelhafte Versorgung der Patienten zu geben."

Nichtssagende Todesursachen sollen verboten werden

Die Leichenschau ist in Ländergesetzen geregelt - und das recht uneinheitlich. Nur in Berlin gibt es die Kategorie "unerwarteter Tod im Rahmen medizinischer Maßnahmen", die bei Medizinern in anderen Bundesländern noch auf deutliches Misstrauen stößt. Die Bundesärztekammer (BÄK) hat nun mit einem Mustergesetz einen Vorstoß gemacht, mit dem sie die "Hoffnung auf eine gewisse Einheitlichkeit" verbindet, wie der Duisburger Pathologe Werner Schlake sagt. In den elf Paragrafen steht unter anderem, die Toten sollten zur Leichenschau entkleidet werden. Nach Angaben der Uni Münster unterbleibt dies bislang in drei Vierteln aller Fälle.

Nichtssagende Bezeichnungen der Todesursachen wie "Herzversagen" oder "Alterstod" sollen nach den BÄK-Vorstellungen künftig verboten werden. "Das ist bislang die absolute Regel", sagt der Gießener Experte Weiler. Als wichtigste Neuerung sieht er aber den Grundsatz, dass bei unklarer Todesursache nicht automatisch auf einen natürlichen Tod geschlossen werden darf. "Das ist den niedergelassenen Kollegen bislang nicht beizubringen."

Laut Schlake haben sich bereits einige Länder bei den Ärzten gemeldet, um in einen fachlichen Dialog zu treten. In Hessen sei die Meinungsbildung noch lange nicht abgeschlossen, heißt es im Wiesbadener Sozialministerium. Im Totenmonat November will sich eine Länderkonferenz der Fachbeamten mit dem Thema Leichenschau befassen.

Christian Ebner


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