HOME

Magen und Darm: Fünf Meter durch die Finsternis

Im Laufe eines Lebens verarbeitet unser Verdauungssystem 30 Tonnen Nahrung und 50.000 Liter Flüssigkeit. Das Kraftwerk des Körpers muss Giften, Mikroben, Säuren und Laugen trotzen. Warnsignale sollten ernst genommen werden.

Darf es vielleicht "Gefülltes Kohlrabischnitzel mit Kartoffel-Avocado-Salat" sein? Oder eine "Terrine von provenzalischem Gemüse mit Pesto"? Oder doch lieber "Carpaccio vom Tunfisch mit Thymian-Vinaigrette"? Ganz schön abgefahren und lecker, was Biolek, Lafer und Co. immer wieder in TV-Studios und Restaurantküchen aushecken, um unsere Gaumen zu beglücken - und alles nur zur Versüßung einer Pflicht.

Wir müssen essen, um zu existieren. Tag für Tag, das ganze Dasein lang. Immer wieder schmausen, mampfen, knabbern, futtern. Enorm, welche Mengen da zusammenkommen: Etwa 40 Schweine, einige hundert Hähnchen, 6,5 Tonnen Gemüse, 980 Kästen Bier und 90.000 Tassen Kaffee verschlingt der Durchschnittsdeutsche im Laufe seines Lebens - ein Berg von mehr als 30 Tonnen fester Nahrung, ein See von 50.000 Liter Flüssigkeit.

Schwerstarbeit für den Organismus, der aus diesen Rohstoffen sämtliche Energie und Bausubstanz bezieht. Ein eigenes Kraftwerk braucht er dafür, das fast die gesamte Höhle des Bauches füllt. "Gastro-intestinaltrakt" nennen es die Mediziner, zu Deutsch: Verdauungssystem. Im Prinzip ist es eine simple Konstruktion: ein offenes Rohr, das an den Lippen beginnt und am After endet; ein Tunnel, in dem die Stoffe der Außenwelt durch uns hindurchfließen und nach Verwertbarem abgesucht werden - doch im Detail ein Meisterwerk der Evolution, das sein Besitzer für den reibungslosen Dauerbetrieb und eine möglichst lange Lebensspanne sorgsam pflegen und warten sollte.

Salzsäure hilft beim Verdauen

Die Futterverwertung beginnt im Mund. Schneide- und Mahlwerkzeuge zerkauen alle Nahrung zu Bröckchen. Speichel macht sie glitschig, um das Schlucken zu erleichtern. Dieser Schleim ist mehr als ein Schmiermittel: Er tötet Bakterien ab und zerlegt schon im Mund zahlreiche Kohlenhydrate.

Dann geht alles auf eine gut fünf Meter lange Fahrt durch die Finsternis. Die Speiseröhre hinab rutschen Essen und Trinken in den Vorratsbehälter Magen. Stundenlang knetet der Muskelsack selbst das teuerste Menü zu unansehnlichem Brei und mixt es mit den Sekreten seiner Drüsen. Mehr als vier Milliarden davon sitzen in der Magenwand. Deren Ausschüttungen, vor allem aggressive Salzsäure, dauen die Nahrung an. Damit der ätzende Saft nicht auch die Magenwände angreift, bilden andere Drüsen eine Schutzschicht aus Schleim, die den ganzen Hohlraum austapeziert. Zudem hat der Körper ein optimales Reparatursystem ersonnen: Alle drei bis fünf Tage tauscht er die Zellen der Schleimhaut durch neue aus.

Hochaktiver Bioreaktor

Die Mischmaschine Magen drückt das Gemenge portionsweise in den Zwölffingerdarm. Dort fließen Enzyme aus der Bauchspeicheldrüse und Säuren aus der Galle zu. Dann geht es in den eigentlichen, drei Meter langen Dünndarm. Ein hochaktiver Bioreaktor, in dem die Verdauung erst richtig loslegt. Milliarden feiner Zotten vergrößern seine Fläche auf 200 Quadratmeter, etwa die Größe eines Tennisfeldes. Durch die Oberfläche dieser Fältchen dringen Eiweiße und Kohlenhydrate ins Blut und Fette in die Lymphe. Alles wird zur Leber geschafft und dort in Bausteine zerlegt, die die Körperzellen verwerten können. Damit nicht auch Bakterien aus dem Nahrungsbrei diesen Weg nehmen, muss das Immunsystem ständig auf Hochtouren arbeiten.

Letzte Station der ausgelaugten Essensreste ist der 1,20 Meter lange Dickdarm. Dort wird ihnen Wasser entzogen, und spezialisierte Bakterien machen sich über unverdauliche Ballaststoffe her, um auch aus denen noch die letzte Energie herauszuquetschen. Dann wird alles zum Ausgang geschoben - da kommt es ungefähr nach 24-stündiger Bearbeitung, manchmal aber auch erst Tage nach der Mahlzeit an.

Vollwertig essen, genug trinken

Um das ausgeklügelte System ein Leben lang fit zu halten, kann jeder eine Menge tun. Das Wichtigste: ausgewogene Ernährung. Schließlich mutet man seinem Automotor ja auch nicht irgendeine Mixtur zu; nur die optimale Oktanzahl ist da gerade gut genug. Der beste Treibstoff für den Menschen - das haben zahlreiche Studien gezeigt - sind Ballaststoffe, viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukte. Und nicht zu viel Fleisch. "Man muss auf keinen Fall auf Genuss und Spaß am Essen verzichten", sagt Thomas Rösch, Gastroenterologe und Professor für Innere Medizin am Münchner Klinikum rechts der Isar, "aber man sollte unbedingt Übergewicht vermeiden." Denn Dicke haben ein deutlich höheres Risiko für Magen-Darm-Erkrankungen als Dünne.

Auch ausreichend trinken tut Not, etwa 1,5 Liter Flüssigkeit täglich. Darüber hinaus ist Bewegung für eine funktionierende Verdauung unerlässlich: Schon ein Spaziergang bringt viel, regelmäßig Gymnastik oder Sport sind besser. Vor allem aber gilt: Alkohol und Nikotin meiden! Diese Gifte ramponieren selbst den robustesten Gastrointestinaltrakt. Zwar wissen Mediziner noch nicht, wie all diese Faktoren die Zellen schädigen - dass sie es tun, ist aber gesichert.

unbedingt zum Arzt!

Doch trotz bester Vorsorge kann es zu Störfällen kommen. Jeder hat einige davon schon erlebt. So lassen seelische Probleme, Stress und Angst Magen und Darm krampfen. Auch Zwicken und Zwacken durch Infektionen aus vergammelter Nahrung sind weit verbreitet. Hinter anhaltenden und wiederkehrenden Beschwerden können sich allerdings sehr ernsthafte Leiden verbergen. Dann sollte der Geplagte unbedingt zum Arzt gehen und die Ursache abklären lassen.

Blinddarmentzündungen etwa sind nicht selten - in einem solchen Fall muss schnellstens operiert werden. Auch schwerere Krankheiten, die unser Verdauungssystem befallen können, und sogar Krebs vermögen Mediziner heute zu heilen oder sogar ganz zu verhindern. Doch immer nur dann, wenn der Patient auch rechtzeitig kommt.

Sodbrennen ist eine Zeitbombe

Beispiel: Sodbrennen. Etwa jeden fünften Deutschen quält gelegentlich oder dauerhaft der brennende Schmerz im Brustraum. Er entsteht, wenn saurer Mageninhalt in die Speiseröhre zurückschwappt und sie dabei verätzt. Das passiert, weil der Schließmuskel am unteren Ende der Röhre ausleiert und nicht mehr richtig abdichtet. Üppige Mahlzeiten, Übergewicht, Alkohol- und Nikotingenuss helfen dabei kräftig mit.

Was von vielen als bloße Lappalie abgetan und mit säurebindenden Mitteln bekämpft wird, ist eine Zeitbombe. Denn wenn die Schleimhaut immer wieder gereizt wird, kann ein bösartiger Tumor entstehen. An dieser Form des Speiseröhrenkrebses sterben hierzulande mehr Menschen als an Aids. "Es ist wie eine neue Epidemie", sagt Professor Manfred Stolte, Pathologe am Klinikum Bayreuth, "deshalb müssen Ärzte und Patienten die Refluxkrankheit sehr ernst nehmen. Sie ist kein Fall für die Selbstbehandlung."

Wer mehrmals im Monat oder phasenweise unter Sodbrennen leidet, sollte unbedingt zum Arzt gehen und per Endoskopie den Zustand seiner Speiseröhre abklären lassen. Zur Schlund-Inspektion schluckt der Patient einen dünnen Schlauch mit einer Minikamera, Ängstliche können dabei eine Kurznarkose bekommen. Mit dem Blick in die Tiefe stellt der Doktor fest, ob Entzündungen vorliegen und wie weit mögliche Verletzungen bereits fortgeschritten sind. Mit richtiger Lebensführung, Medikamenten gegen die Säurebildung und ärztlichen Kontrollen können die meisten Patienten ein beschwerdefreies Leben führen.

Heißes essen schadet

Es gibt noch ein anderes Tumorrisiko in der Speiseröhre, das eng mit Nikotin- und Alkoholkonsum zusammenhängt. "Wer nicht raucht und nur geringe Mengen Alkohol zu sich nimmt, minimiert die Gefahr, an diesem so genannten Plattenepithelkarzinom zu erkranken", sagt Friedrich Hagenmüller, Professor für Innere Medizin am Allgemeinen Krankenhaus in Hamburg-Altona. Wer ständig zu heiß isst und trinkt, vergrößert dagegen die Gefahr für diesen Krebs. Also: Vorsorge ist möglich!

Auch die übrigen Teile des Höhlensystems in unserem Leib sind von ernsthaften Defekten und Zwischenfällen bedroht. Einer heißt Magengeschwür. Verdorbene Speisen, Alkohol und Medikamente wie Aspirin und Rheumamittel können zu einer Entzündung der Schleimhaut führen. Dann kann die Säure angreifen und Krater in die Magenmuskulatur ätzen: Das Geschwür ist da. Bei fünf Prozent aller Mitteleuropäer entwickelt sich im Laufe ihres Lebens solch eine Magen- oder Zwölffingerdarm-Geschwulst. "Bauchschmerzen, die dann auftreten, wenn der Magen leer ist, und die einen nachts sogar aufwachen lassen, sind oft ein untrügliches Zeichen", sagt Hagenmüller.

Magengeschwür durch Helicobacter pylori

Es gibt offensichtlich eine familiäre Häufung von Magengeschwüren, doch vererbt wird die Erkrankung selbst nicht - wahrscheinlich stecken sich die Familienmitglieder untereinander an. Denn vor allem ein Bakterium spielt bei der "Ulcus"-Bildung eine Rolle. "Helicobacter pylori" heißt der Keim, entdeckt wurde seine Bedeutung erst vor 20 Jahren. Die Mikrobe nistet unter der Schleimschicht und vollbringt dort ihr zerstörerisches Werk. Millionen Menschen sind mit der Mikrobe infiziert, doch keineswegs jeder von ihnen wird auch krank. Es hängt offenbar von der Robustheit des Befallenen sowie der Virulenz des Erregers ab.

Statt wie früher die Säure selbst zu bekämpfen und, wenn nichts mehr half, die Geschwüre und säureproduzierende Magenteile mit dem Skalpell wegzuschneiden, verordnet der Arzt heute Antibiotika und Säurebildungs-Hemmer. Dann ist der Kranke oft in weniger als zwei Wochen sein Leiden los. Erfolgsrate: 90 Prozent. Ein Jahrtausendleiden könnte besiegt sein.

"Doch während die von Bakterien verursachten Geschwüre durch die neue Behandlung stark abnehmen, werden die von Medikamenten ausgelösten Geschwüre mehr", sagt Hagenmüller. Deshalb rät der Hamburger Gastroenterologe allen, die regelmäßig solche schleimhautangreifenden Mittel wie ASS (Aspirin), Diclofenac, Ibuprofen oder andere "nichtsteroidale Antirheumatika" nehmen, sich ärztlich überwachen zu lassen.

Ärger mit dem Stuhlgang

Auch für Krebs ist der Magen anfällig. "Eine gefährliche, allerdings hierzulande nicht sehr häufige Erkrankung", sagt Gastroenterologe Rösch, "meistens haben Betroffene nur diffuse oder gar keine Beschwerden, allerdings können Gewichtsabnahme oder ein Widerwille gegen Fleisch ein Indiz sein." Weil genetische Faktoren eine Rolle spielen, sollte man in seiner Verwandtschaft nach Erkrankungen suchen und, falls man familiär betroffen ist, zur Endoskpie gehen. Auch Rauchen und hoher Nitratgehalt in geräucherten und gesalzenen Speisen fördern die Entstehung des Karzinoms. Deshalb ist Magenkrebs vor allem in Fernost häufig, wo solche Nahrung verbreitet ist.

Last not least kann der Darm Probleme machen. Viele Menschen plagt Verstopfung - und dahinter kann sich viel verbergen. Harmloses und Gefährliches. Längst nicht jeder, der glaubt, darunter zu leiden, hat wirklich Ärger mit dem Stuhlgang. Das liegt oft an der falschen Vorstellung, die tägliche Sitzung sei notwendig. Ärzte sprechen von Obstipation erst, wenn weniger als drei Entleerungen pro Woche stattfinden und die meistens auch noch unter heftigem Pressen. Das Malheur passiert, wenn der Körper den Nahrungsresten im Dickdarm zu viel Flüssigkeit entzieht. Sie werden immer trockener und fester, bis der Transport stagniert. Die Überbleibsel können gären und Faulgase bilden, die schmerzhafte Blähungen verursachen.

Lieber Vollkornbrot als Abführmittel

Wer zu oft Abführmittel (Laxantien) schluckt, bei dem klappt bald gar nichts mehr. Durch Gewöhnung und vor allem durch Kaliumverlust, der oft als Nebenwirkung der Präparate eintritt, wird der Darm noch träger. Daraufhin werden noch mehr und noch öfter Laxantien genommen. Folge: Die Muskulatur des Verdauungsschlauches verkümmert, Nervenzellen gehen zugrunde. Verhindern kann das vor allem ballaststoffreiche Kost, wie Vollkornbrot oder frisches Obst zusammen mit viel Flüssigkeit. Und auch Bewegung hilft. Zudem muss man auf das Stuhldrang-Signal achten und sich die Zeit nehmen, ihm immer gleich zu folgen.

Verstopfung kann aber auch ein Zeichen für Schlimmeres sein. So sollte bei plötzlichen Änderungen in den Toilettengewohnheiten, bei Gewichtsverlust, Blut im Stuhl oder Fieber sofort der Arzt aufgesucht werden. Er sucht dann nach einer Verengung im Darm. Das kann ein übler Tumor sein.

Dickdarmkrebs ist eine der häufigsten Krebsarten

Der Dünndarm macht in der Regel keine Probleme. Meist ist es der Dickdarm, der inspiziert werden muss. Denn dort können sich Polypen bilden: Zellverbände, die aus der Wand des Darms in den Verdauungskanal ragen. Ob jemand solche Wucherungen bekommt, ist teilweise genetisch bestimmt. Aber auch die Ernährung spielt eine Rolle - zu wenig Ballaststoffe im Essen begünstigen die "Gewächse".

Sind sie einmal entstanden, können sie entarten. Das Dickdarmkarzinom ist eine der häufigsten Krebsarten und belegt Platz zwei (hinter Brustkrebs bei Frauen und Lungenkrebs bei Männern) in der Todesstatistik der Tumorerkrankungen. "Aber es ist diejenige Krebsart, die durch Früherkennung am leichtesten zu verhindern ist", sagt Professor Jürgen Riemann, Gastroenterologe am Klinikum Ludwigshafen. Zu bannen ist das Übel durch regelmäßige "Koloskopie".

Darmspiegelung ist völlig harmlos

Bei der Darmspiegelung untersucht der Arzt mit einer Kamera, die in einen dünnen Schlauch eingebaut ist - ähnlich wie bei der Magenspiegelung -, die Darmwände und trägt dabei eventuell aufgefundene Polypen ab. Ein vollkommen harmloser Eingriff, für den man sich zur Erleichterung eine Kurznarkose verpassen lassen kann.

Zwar gibt es auch den so genannten Okkultbluttest, mit dem der Arzt im Stuhl eines Patienten nach verborgenen Blutspuren sucht, um auf diese Weise Geschwulste im Darm aufzuspüren. Doch die Experten warnen vor seiner beschränkten Aussagekraft. "Er ist besser als gar nichts", sagt der Münchner Spezialist Rösch, "aber auch nicht wirklich gut; oft fällt er selbst bei einem Karzinom negativ aus." Und wenn er anspricht, kann der Tumor schon sehr weit fortgeschritten sein. Zudem wird das Ergebnis oft missinterpretiert - und Hämorriden die Schuld gegeben. Selbst nach dem Genuss von Blutwurst kann der Test positiv ausfallen.

Bleibt also die Koloskopie! Jeder sollte sie um das 50. Lebensjahr machen lassen - und dann alle fünf bis zehn Jahre wieder. Wenn in der nahen Verwandtschaft jemand Darmkrebs hatte, auch schon deutlich früher. In der Regel zahlen allerdings die Kassen diese Vorsorgeuntersuchung erst bei Patienten ab 56, doch derzeit wird diskutiert, dieses Alter zu senken. In hoch gefährdeten Familien übernimmt die Krankenversicherung auch schon in jüngeren Jahren die Kosten.

Vorsorge kann Leben retten

"Wenn jeder Gefährdete diese Untersuchung machen lässt", sagt Riemann, "ließe sich das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, um 95 Prozent reduzieren und die Zahl der jährlich 30.000 Darmkrebstoten in Deutschland um 80 bis 90 Prozent senken. Es ist unsere einzige Chance, die Gefahr zu bannen. Wenn sie rechtzeitig erkannt wird, sind die Heilungschancen heute gut." Mit einer Kampagne ruft die Münchner "Felix Burda Stiftung" die Bundesbürger zur Vorsorge auf. Die Aktion konzentriert sich, wie erstmals im vergangenen Jahr, auf den "Darmkrebsmonat" März.

Eine gute Sache. Denn wer regelmäßig zum Darm-TÜV geht, kann sich Übles ersparen und möglicherweise manches Lebensjahr hinzugewinnen. Und auch im hohen Alter vielleicht noch "Petite Marmite von der Perlhuhnbrust mit jungem Gemüse in Trüffelfond" oder einfach nur ein paar leckere Bratkartoffeln mit großem Genuss verspeisen.

Horst Güntheroth / print
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity