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Interview

Der Hundeprofi: "Sie schrie, fluchte, warf Tassen": Martin Rütter über die Demenz seiner Mutter

Vor fünf Jahren erhielt Martin Rütters Mutter die Diagnose Demenz. Im Gespräch mit dem stern verrät er, wie die Krankheit seine Familie veränderte. Und warum die Diagnose auch Erleichterung mit sich brachte.

Martin Rütter (48) besucht seine Mutter im Pflegeheim

Martin Rütter (48) besucht seine Mutter im Pflegeheim. Durch die Krankheit habe sich seine Mutter "völlig verändert" - sie sei früher sehr extrovertiert gewesen. Heute sei sie in sich gekehrt. 

Herr Rütter, Ihre Mutter ist an Demenz erkrankt. In einer TV-Reportage auf Vox geben Sie Einblick in ihren Alltag, besuchen sie im Pflegeheim und berichten über die verschiedenen Facetten von Demenz. Wie alt war Ihre Mutter, als sie erkrankte?

Meine Mutter ist jetzt 78 und die Diagnose haben wir bekommen, als sie 72 Jahre alt war. Sie leidet an einer frontotemporalen Demenz. Diese Form der Demenz zerstört innerhalb des Gehirns die sozialen Kompetenzen und bringt es mit sich, dass die Betroffenen oft nicht mehr sozial adäquat reagieren können.

Wie haben Sie gemerkt, dass mit Ihrer Mutter etwas nicht stimmt?

Die Diagnose erhielten wir vor gut fünf Jahren. Ich bin aber der Meinung, dass meine Mutter bereits viel früher erkrankt ist. Um ganz genau zu sein, hatte ich diesen Eindruck bereits von Kindesbeinen an. Meine Mutter war schon als junge Frau sozial sehr unangepasst, sie reagierte oftmals unangemessen. Ich erinnere mich da beispielsweise an die Trauerfeier für meine verstorbene Cousine. Da tröstete meine Mutter deren Mutter mit den Worten: "Ja, ich kann verstehen, wie traurig Du bist, der Martin ist ja auch nicht oft Zuhause." Das war schon ganz schön bizarr. Eingeprägt hat sich auch ein Erlebnis bei einer meiner Live-Shows vor gut zehn Jahren. Da war sie, neben 3000 anderen Menschen, im Publikum und ging fünf Minuten vor Showbeginn an der Security vorbei auf die Bühne und fing an, den Menschen in der ersten Reihe zuzurufen: "Ich bin die Mutter von Martin Rütter, bitte verlassen Sie die erste Reihe, denn hier sitzt nur die Familie." Das war natürlich völlig absurd, auch, weil meine Familie noch nie in der ersten Reihe gesessen hat. Dieses sozial völlig unangemessene Verhalten gab es also schon viele Jahre.

Eine Demenz kann Menschen grundlegend verändern. Was war Ihre Mutter für eine Frau – vor der Diagnose?

Sie war eine extrem lustige und sehr, sehr extrovertierte Person. Eine kraftvolle und energiegeladene Frau. Aber eben auch ein Mensch, der unfassbar schwankend in seinen Stimmungen war. Als Kinder wussten wir eigentlich nie so genau, bleibt aus dieser Fröhlichkeit nun Fröhlichkeit oder kann das in das totale Gegenteil kippen. Durch die Demenz hat sich meine Mutter sehr massiv und radikal verändert. Sie wurde von einem total extrovertierten zu einem introvertierten Menschen. Man kann durchaus sagen, dass sich ihre Persönlichkeit völlig verändert hat.

Wie reagiert man als Angehöriger, wenn man merkt, die eigene Mutter ist krank, man kann ihr nicht helfen?

Zu Anfang will man es einfach nicht wahrhaben. Man ist ein aufgeklärter, halbwegs gebildeter Mensch, liest etwas über diese Erkrankung und denkt sich: Nein, bei uns ist das bestimmt anders, die Mama ist jetzt einfach etwas tüddelig geworden.

Bewegende Demenz-Doku  : "Wenn dich deine eigene Mutter nicht mehr erkennt"

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie mit der Diagnose konfrontiert waren?

Ich persönlich war auf eine Art auch erleichtert, diese Diagnose zu hören. Denn sie hat für mich einige der eben beschriebenen Vorkommnisse erklärt. Wir konnten Dinge, an denen wir uns immer gerieben haben, plötzlich einordnen. Auf die Erleichterung folgten dann recht schnell natürlich auch die Traurigkeit und die Verzweiflung aufgrund dieser Diagnose. Das ist natürlich schon etwas, was einen wahnsinnig traurig macht, wenn man so mitangucken muss, wie es der eigenen Mutter zunehmend schlechter geht.

Hat sich der Umgang mit der Krankheit im Laufe der Zeit verändert?

Wir haben die Krankheit sehr schnell angenommen, als das, was sie ist. Und wir haben sehr kopflastig reagiert. Wir haben viel gelesen, versucht uns dahingehend zu bilden. Meine Schwester und ich haben sofort an einer Studie der Uni Bonn teilgenommen, haben uns checken lassen. Letztlich kann ich sagen, dass ich mit dieser Erkrankung und diesem ganzen Thema Frieden geschlossen habe. Aber diese Krankheit bleibt natürlich ein allgemein gruseliges Phänomen, weil eine Demenz die betroffene Person als solche einfach total verändert.

In der Reportage berichten Sie auch von Aggressivität. Was ist da passiert?

Viele Angehörige von demenziell veränderten Menschen berichten, dass eine Phase der Aggressivität eintritt. Das passiert oft dann, wenn der Patient im Grunde spürt, dass etwas anders geworden ist und dies nicht wahrhaben will und kann. Das war bei meiner Mutter nicht anders. Es gab viele aggressive Momente. Sie schrie, fluchte, warf Tassen. Das hat sich aber wieder geändert, da die Demenz mittlerweile so weit fortgeschritten ist, dass sie heute milde und lieb ist und viel lacht.

Können Sie sich an eine Situation erinnern, die besonders aufwühlend für Sie war?

Das war, als wir mit meiner Mutter erstmalig zu einem Spezialisten gegangen sind. Dagegen hatte sich meine Mutter zuvor natürlich mit Händen und Füßen gewehrt. Die Ärztin stellte meiner Mutter zwei Fragen und bat dann darum, kurz alleine mit uns, ihren Angehörigen, sprechen zu können. Ich werde es nie vergessen, als sie dann fassungslos zu uns sagte: "Es kann nicht euer Ernst sein, dass ihr hier sitzt und nicht ansatzweise ahnt, was mit ihr los ist. Sie ist so weit fortgeschritten mit ihrer Demenz, das sieht ein Blinder mit dem Krückstock." Das war für mich sehr, sehr aufwühlend und schlimm. Wir waren in dieser Situation regelrecht gefangen und wollten die Veränderungen der eigenen Mutter nicht wahrhaben. Hinzu kam, dass meine Mutter ja schon immer ein wenig spezieller war. Bei einem Außenstehenden hätte ich wahrscheinlich schon x-mal gesagt: Irgendwas läuft hier schief. Deswegen war es mir auch so wichtig, diese Reportage zu machen. Weil ich den Menschen da draußen sagen möchte: Hey, sobald ihr solch einen Ansatz feststellt, lasst euch professionelle Hilfe zukommen, geht in Gruppen und lasst euch beraten und nehmt wirklich schnell Hilfe von außen an.

Ihre Mutter lebt in einem Pflegeheim. Ist Ihnen die Entscheidung für ein Heim schwer gefallen?

Natürlich denkt man sich zunächst einmal: Du schiebst da jemanden ab, deine eigene Mutter. Und so hat es sich auch erst einmal eine ganze Weile angefühlt. Der entscheidende Punkt war, dass wir alle gespürt haben, dass die Pflege zuhause ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr möglich war. Wir konnten ihr nicht mehr gerecht werden. Es hat lange gedauert, bis wir uns eingestanden haben, dass ein Pflegeheim die beste Lösung ist. Rückblickend war das eine absolut richtige Entscheidung, denn sie fühlt sich dort wohl und angekommen.

Wie oft besuchen Sie sie dort?

Genau so oft, wie ich es gemacht habe, bevor sie im Pflegeheim lebte. Manchmal schaffe ich es nur zwei Mal im Monat, manchmal drei Mal in der Woche. Also so, wie alle Menschen, die auch eine eigene Familie haben und mitten im Leben stehen. Das Schöne ist: Besuch bekommt sie jeden Tag vom meinem Stiefvater, der seit 30 Jahren an ihrer Seite ist.

Sie sagen: Die Familie hat sich durch die Krankheit total verändert dadurch. Wie genau?

In den Phasen, als es darum ging, ob wir Mama untersuchen lassen oder später, ob sie in einem Pflegeheim vielleicht besser aufgehoben wäre, gab es natürlich unterschiedliche Positionen. Wir haben unheimlich viel diskutiert. Aber das ist ganz normal, ganz typisch. Alle waren überfordert. Heute haben wir uns als Familie wieder gefunden.

Was war für Sie am Überraschendsten in Bezug auf die Krankheit?

Natürlich wünscht man sich nicht, dass die Mutter eine solche Diagnose bekommt, aber ich habe das Gefühl, dass uns die Demenz eher zusammengeschweißt hat. Sicherlich ist der Schrecken einer Demenz groß, aber wir haben heute auch unheimlich viel Spaß zusammen, es gibt wahnsinnig viele lustige Momente.

Bei Demenz spielen auch erbliche Faktoren eine Rolle. Gibt es ein erbliches Risiko in Ihrer Familie?

Bei der Form, die meine Mutter hat, liegt die Wahrscheinlichkeit, diese Demenz zu vererben, bei 50 Prozent. Also die Chancen waren tatsächlich relativ hoch, dass man es bekommt. Ich nehme aber, wie gesagt, an einer groß angelegten Studie der Uni Bonn teil, lasse mich regelmäßig untersuchen und alle meine Gentests haben ergeben, dass ich nicht betroffen bin. Das wird mich natürlich nicht davor schützen, eine andere Form der Demenz zu bekommen, wenn ich alt bin.

Warum haben Sie sich entschlossen, darüber zu reden?

Weil es mir wichtig ist, den Leuten Mut zu machen: Das ist eine Krankheit, eine Volkskrankheit. In 20 Jahren wird wahrscheinlich jeder dritte Deutsche einen Demenzpatienten in der Familie oder im näheren Umfeld haben. Das ist ein Thema, das totgeschwiegen wird. Alle haben den gleichen Grad an Überforderung, aber keiner spricht drüber.

Was würden Sie anderen Betroffenen raten?

Bitte nicht zögern, wenn es darum geht, professionelle Hilfe zu suchen! Das ist meine Kernbotschaft.

Sendehinweis: "Der Hundeprofi unterwegs", Samstag, 15.12., 19 Uhr auf Vox

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