Medizin und Psychologie Die Defekte des Täters...


... - die Folgen für die Opfer
Von Heike Dierbach, Frank Ochmann, Astrid Viciano

Was für ein Mensch ist Josef Fritzl?

Gutachter werden Monate brauchen, eine Antwort zu finden. Was bekannt wurde, deutet auf eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung hin. Symptome: grandiose Selbstüberschätzung, Glaube an die Ausnahmestellung der eigenen Person, gleichzeitig aber auch das Bedürfnis, anerkannt und gelobt zu werden. Ein herrisches, arrogantes Auftreten ist ebenfalls Kennzeichen der Störung.

Haben solche Täter Gewissensbisse?

Skrupel kann man nicht ausschließen. Von vielen Sexualstraftätern ist bekannt, dass sie sich im Konflikt zwischen einer verführenden und einer bremsenden inneren Instanz wähnten. Nicht so bei „Psychopathen“ oder „Soziopathen“, zu deren Profil ein eingeschränktes Einfühlungsvermögen gehört. Sie sind vollkommen unberechenbar. Doch selbst solche Menschen wirken zunächst oft „charmant“. So können sie mit „kalter Berechnung“ Gewalt über andere gewinnen.

Wie kommt es zum Vater-Tochter-Inzest?

Seine Basis ist die naturgegebene Schwäche des Kindes und die kulturell verwurzelte Dominanz des Mannes, erklärt Harvard- Psychiaterin Judith Lewis Herman, Pionierin der modernen Inzestforschung. Wie viele Mädchen sexuelle Übergriffe ihrer Väter erleiden, ist nicht bekannt, Schätzungen reichen von weniger als einem bis zu etwa 25 Prozent. Die Opfer brechen selten das Schweigen. Wodurch es zum Inzest kommt, ist nach wie vor unklar. Die gelegentlich propagierte These, eine sexuelle Vater- Tochter-Beziehung müsse nicht schädlich für das Mädchen sein, ist widerlegt: Waren betroffene Frauen bereit, über ihre Erfahrungen zu reden, ordneten sie diese fast durchweg als negativ ein. Das Alter der Opfer beim ersten Übergriff liegt im Durchschnitt zwischen neun und zwölf Jahren.

Wie entwickelt sich die Psyche, wenn jemand von Jugend an eingesperrt und isoliert wird?

Bei ähnlichen Fällen oder auch bei Häftlingen und Kriegsgefangenen zeigte sich, dass aufgezwungene Einschränkungen von Freiheit (und oft auch Sinneswahrnehmungen) zu einer Schädigung führen. Die reicht von Überempfindlichkeit der Sinne über Halluzinationen – zum Beispiel dem Gefühl, sich körperlich aufzulösen –, Bewegungszwang und Panikattacken bis zu versuchter Selbsttötung. Das Trauma wird von den Betroffenen oft aber nicht eingestanden, wie USPsychiater Stuart Grassian bewies. Einzelne Isolationsopfer fielen ins Delirium und reagierten nicht mehr auf äußere Reize. Zu solch schweren Störungen kommt es selbst dann, wenn eine kleinere Gruppe isoliert wird, wie Erfahrungen von Polarexpeditionen oder Schiffbrüchigen zeigen.

Wie wirkt sich das Leben im Keller auf die Kinder aus?

Allein das Miterleben der Gewalt, die von Josef Fritzl ausging, kann Traumata auslösen. Zudem litten die Kinder Mangel an vielem, was für eine normale Entwicklung notwendig ist: Fehlen von natürlichem Licht kann Schäden im Knochenaufbau bewirken, wenn nicht für erhöhte Zufuhr von Vitamin D gesorgt wurde (etwa durch Fisch). Mangel an Außenwelt- Kontakt bewirkt, dass sich das Immunsystem nicht gegen Krankheitserreger wappnen konnte, denen die Kinder künftig ausgesetzt sind. Viele körperliche Schäden kann die Medizin reparieren, etwa durch Impfungen oder zahnärztliche Versorgung. Schwer wird die psychosoziale Therapie: Umgang mit Gleichaltrigen, Überwindung der Furcht vor der Welt und Erlangung der sozialen Kompetenz, den richtigen Menschen zu vertrauen und gegen andere das rechte Maß an Misstrauen zu entwickeln.

Erhöht Inzest das Risiko für eine Erbkrankheit?

Im Erbmaterial liegt jedes Gen doppelt vor. Schwächelt eines, kann das zweite den Defekt ausgleichen. Wenn beide versagen, droht eine Erbkrankheit. Das Risiko, so weiß man etwa aus Studien im Iran, ist bei Kindern von Onkel und Nichte, Cousin und Cousine um das Zwei- bis Dreifache erhöht. Gesicherte Daten über Erbleiden bei Kindern von Vater und Tochter gibt es nicht.

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