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Mittel zur Vorbeugung von Aids: Die Gefahren der HIV-Pille

In den USA ist ein Medikament zur Aids-Prävention zugelassen worden. Regelmäßig eine Pille einnehmen - und schon ist man vor der Ansteckung mit HIV geschützt. Was gut klingt, ist nicht so einfach.

Von Lea Wolz

Ob Tablette, Impfung oder Gel - Wissenschaftler suchen schon lange nach Möglichkeiten, Infektionen mit HI-Viren zu verhindern. Zwar vermelden sie immer wieder Erfolge, doch der große Durchbruch ist bis jetzt noch nicht gelungen. Nun hat die US-Arzneimittelbehörde FDA in den USA ein bekanntes Kombinationspräparat auch zur Aids-Prävention bei bestimmten Gruppen zugelassen.

Als einen Meilenstein im Kampf gegen HIV bezeichnet eine Sprecherin der FDA diesen Schritt. Die Tabletten, die unter dem Namen Truvada bereits auf dem Markt sind, sollen gesunde Menschen mit hohem Infektionsrisiko davor schützen, sich mit HI-Viren anzustecken. Zu der Hochrisikogruppe zählen etwa Personen, deren Partner bereits positiv getestet ist.

Das Kombinationspräparat ist in den USA bereits seit 2004 zur Behandlung von HIV-infizierten Erwachsenen und Kindern, die älter als zwölf Jahre sind, zugelassen. Auch in Deutschland ist es schon auf dem Markt, zur Vorbeugung darf es aber nicht eingesetzt werden.

Kein sicherer Schutz

Truvada besteht aus den beiden Wirkstoffen Tenofovir und Emtricitabin. Die Wirkstoffe führen dazu, dass das HI-Virus die Zellen schlechter infizieren und sich nicht mehr ungehindert vermehren kann. Das Risiko, sich anzustecken, sinkt daher. Es ist aber nach wie vor vorhanden, die Pillen bieten keinen sicheren Schutz vor dem Virus.

Mit der Zulassung folgt die FDA dem Rat eines Expertenausschusses. Dieser hat Mitte Mai empfohlen, das von dem US-Pharmaunternehmen Gilead Sciences produzierte Medikament auch zur Aids-Prävention zuzulassen. Zugleich betonte die FDA, dass Truvada nur Teil einer Präventionsstrategie sein könne und etwa den Gebrauch von Kondomen und andere Vorsichtsmaßnahmen nicht ersetze.

Die US-Arzneimittelbehörde stützt sich bei der Zulassung vor allem auf zwei Studien, denen zufolge Truvada das Risiko der Ansteckung mit HIV sowohl bei heterosexuellen als auch bei homosexuellen Menschen deutlich mindert. Weitere Studien mit der Wirkstoffkombination laufen noch.

"Mich wundert die Zulassung", sagt der Bochumer Aidsforscher und Sprecher des Kompetenznetzes HIV und Aids Norbert Brockmeyer stern.de. "Sie erfolgt auf einer nicht eindeutigen Datenlage." So hätten manche Studien gezeigt, dass das Mittel eine Ansteckung verhindere. Andere hätten hingegen keinen Effekt gefunden. Vor allem bei Frauen sei unsicher, ob das Kombipräparat das Ansteckungsrisiko ausreichend senke.

Gesunde Menschen nehmen Medikamente

Wie andere Kritiker befürchtet auch Brockmeyer, dass sich Menschen, die die Pille einnehmen, in einer trügerischen Sicherheit wiegen könnten - und daher zum Beispiel auf Kondome verzichten. "Das wäre die falsche Botschaft." Ein weiteres Problem: Die Tabletten müssen regelmäßig - bestenfalls einmal täglich - eingenommen werden, um sicher zu wirken. Doch in einer Studie zeigte sich bereits, dass gut die Hälfte der Teilnehmer lax mit diesen Vorschriften umging.

Kritisch sehen Experten aber vor allem eines: "Wir behandeln hier gesunde Menschen mit Medikamenten, die auch Nebenwirkungen haben", sagt Brockmeyer. So ist aus der HIV-Therapie bekannt, dass bei der Einnahme von Truvada - wenn auch selten - Nierenfunktionsstörungen auftreten können. Eine regelmäßige Einnahme könnte auch das Risiko für Osteoporose erhöhen. Zu den bekannten Nebenwirkungen zählen daneben leichte Übelkeit, Durchfälle und mitunter Hautausschläge. Zudem befürchten Ärzte, dass die Erreger Resistenzen gegen das - auch in der Therapie eingesetzte - Medikament entwickeln.

Günstig ist die präventive Therapie ebenfalls nicht: In den USA kostet die Jahresdosis Truvada bis zu 14.000 Dollar. In Deutschland schlagen 30 Tabletten laut Apothekenpreisliste mit 819 Euro zu Buche.

"Wir müssen uns schon fragen, ob dies der richtige Weg ist", sagt Brockmeyer. Zwar könne Truvada ein zusätzlicher Baustein in der Prävention sein, doch dies nur für eine eng definierte Hochrisikogruppe. Sinnvoller sei daher ein anderer Ansatz: "Wir sollten erst einmal dafür sorgen, dass alle Infizierten einen Zugang zur HIV-Therapie haben." Denn auch dies könne die Partner schützen, indem die sogenannten antiretroviralen Medikamente bei regelmäßiger Einnahme die Virenanzahl im Blut und damit auch das Übertragungsrisiko senken.

Auch die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) warnte in einer Stellungnahme vor zu großen Hoffnungen. Truvada schütze bei weitem nicht so zuverlässig vor HIV wie Kondome. Zudem machte sie auf einen weiteren wichtigen Punkt aufmerksam: Bei Truvada handele es sich nicht um eine "Pille gegen Aids". Wer daher denkt, dass er das Medikament einmal schlucken muss, um dann geschützt zu sein, liegt falsch. Und das kann ein tödliches Missverständnis sein.

mit DPA

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