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Multiple Sklerose: Wirkstoff-Kombi beendet Lähmungen

Dank einer neue Kombi-Behandlung gegen Multiple Sklerose können Gelähmte wieder gehen - das zumindest ist das Ergebnis einer Pilotstudie. Die Patienten erlebten aber teilweise schwere Nebenwirkungen.

Vor vier Jahren konnte die Multiple-Sklerose-Patientin Karen Ayres ihren Körper vom Hals abwärts nicht bewegen. "Ich lag in meinem Klinikbett, konnte nicht einmal die Zehen krümmen und beneidete jeden, der gehen konnte", erzählt die 28-Jährige. Dann unterzog sich die Patientin einer Experimentalbehandlung, und binnen Wochen konnte sie das Krankenhaus auf eigenen Beinen verlassen. Seitdem hatte sie keinen Rückfall mehr, inzwischen arbeitet sie an ihrer Doktorarbeit in Psychologie.

Damals, im Jahr 2002, gehörte Ayres zu 27 Patienten mit aggressiver Multipler Sklerose (MS), die das Krebsmittel Mitoxantron zusammen mit dem MS-Präparat Copaxone erhielten. Ebenso wie bei Ayres besserten sich bei auffällig vielen dieser Patienten die Beschwerden so sehr, dass die kleine Liverpooler Studie nun in größerem Rahmen überprüft wird: In Großbritannien startet gerade in zehn Kliniken eine Drei-Jahresuntersuchung mit der Arzneimittelkombination.

Synergieeffekt zweier Wirkstoffe

Bislang ist die Ursache der unheilbaren Autoimmunerkrankung, bei der körpereigene Abwehrzellen im zentralen Nervensystem die schützenden Hüllen von Nervenbahnen zerstören, nicht bekannt. Gewöhnlich verläuft die Krankheit in periodisch wiederkehrenden Schüben, bei denen die Betroffenen Probleme etwa beim Gehen oder Sehen haben.

Der Neurologe Mike Boggild vom Liverpooler Walton Centre kam auf die Idee, das extrem potente Krebsmittel Mitoxantron mit dem langsam wirkenden Copaxone zu kombinieren. Da Mitoxantron sehr toxisch ist, bekamen die Patienten das Mittel in durchschnittlich fünf kürzeren Intervallen. "Wir beschlossen, beide Therapien überlappen zu lassen, damit Copaxone seine Wirkung aufbauen kann", erläutert der Mediziner. Die Wirkung war laut Boggild dramatisch. "Patienten, denen es am allerschlechtesten ging, reagierten bemerkenswert positiv", sagt der Mediziner nüchtern. "Wir glauben, wir sind auf einen Synergieeffekt der beiden Medikamente gestoßen, der mehr bewirkt als die Summe der einzelnen Teile."

Kleine Studie, keine Kontrollgruppe, schwere Nebenwirkungen

Mit wenigen Ausnahmen sind die meisten behandelten Patienten laut Boggild weitgehend "beschwerdefrei". Allerdings erkrankte ein Teilnehmer an Leukämie, verursacht wahrscheinlich durch Mitoxantron. Viele Experten bewerten die Studienergebnisse noch mit Vorsicht. "Es ist eine kleine Studie ohne Kontrollgruppe", sagt Robyn Wolintz, Kodirektor einer MS-Klinik in New York. "Außerdem bekamen verschiedene Personen unterschiedliche Mengen Mitoxantron, das ist ungewöhnlich."

Gerade diese verschiedenen Dosierungen machen es dem Experten zufolge schwierig, die Resultate zu überprüfen. "Wir sprechen über eine frühe kleine Untersuchung", meint auch David Harrison von der britischen MS-Gesellschaft. Die Ergebnisse seien zwar ermutigend, müssten aber in einer größeren Studie mit der Gabe anderer Mittel verglichen werden.

Kombi-Verfahren auf dem Vormarsch

Dennoch schätzen etliche Mediziner den neuen Ansatz als richtungsweisend ein. "Einzelne Medikamente können das Ziel nicht erreichen", sagt John Richert, Vizepräsident der Forschungsabteilung der amerikanischen MS-Gesellschaft. "Wahrscheinlich werden künftig immer häufiger Kombinationsverfahren eingesetzt."

Hoffnung könnte das neue Verfahren gerade Patienten mit besonders aggressivem Krankheitsverlauf bieten, schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der MS-Betroffenen. "Die Menschen, die davon profitieren könnten, haben keine andere Möglichkeit", sagt Wolintz. Aber falls die Behandlung bei dieser kleinen Gruppe greift und die Risiken vertretbar sind, sollte der Ansatz nach Ansicht von Boggild auch bei weniger gravierenden Fällen eingesetzt werden können. Dafür plädiert Richert schon jetzt: "Obwohl die Daten nicht für eine formale Empfehlung ausreichen, gibt es genügend Informationen zu sagen, dass die Option vernünftigerweise verfügbar sein sollte."

"Das war alles wert, was ich durchgemacht habe"

Für Ayres war die Therapie trotz der möglichen Nebenwirkungen wie Leukämie oder Herzproblemen das Risiko wert. Noch immer injiziert sie sich Copaxone. "Ich hatte kaum eine Wahl", sagt sie, "und jetzt ein normales Leben führen zu können, war alles wert, was ich durchgemacht habe."

Maria Cheng/AP / AP
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