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Neuer HIV-Impfstoff: "Das Ergebnis wird die Forschung beflügeln"

Erstmals zeigt eine Impfung gegen HIV Wirkung, wie Forscher in Thailand heute vermeldet haben. Für den Bochumer Aids-Forscher Norbert Brockmeyer ist dies ein Durchbruch. Bis zu einem zugelassenen Impfstoff wird es allerdings noch einige Jahre dauern.

Herr Brockmeyer, in Thailand haben Forscher einen Impfstoff getestet, der das Risiko einer HIV-Infektion deutlich senken soll. Ein Durchbruch bei der Suche nach einer Impfung gegen die Immunschwächekrankheit Aids?
Ich glaube, dass wir auf dem Weg zu einem Durchbruch sind, wenn es nicht sogar der Durchbruch selbst ist. Wie die Kollegen aus Thailand und den USA mitgeteilt haben, sind ungefähr 30 Prozent der Geimpften geschützt. Bei gut einem Drittel kann also durch die Impfung eine Infektion verhindert werden. Das klingt vielleicht erst einmal wenig. Wenn man sich aber überlegt, was selbst ein solcher Impfstoff weltweit bewirken könnte, ist das durchaus erheblich.

Die Forscher selbst sind zurückhaltender. Sie bezeichnen die Ergebnisse als wichtigen Schritt, von einem Durchbruch wollen sie noch nicht sprechen. Was macht Sie so zuversichtlich?
Wie es scheint, haben wir zum ersten Mal einen Ansatz gefunden, eine Immunität zu erzeugen, die bei einer Vielzahl von Menschen dazu führt, dass diese sich nicht mit HIV infizieren. Das war bis jetzt nicht möglich. Von daher kann man meiner Meinung nach von einem Durchbruch sprechen.

Die Zulassung wird allerdings in der Regel nur für Impfstoffe beantragt, die mindestens zu 70 Prozent wirksam sind. Wie weit sind wir davon noch entfernt?
Bis wir einen solchen Impfstoff haben, wird es sicher noch gut zehn Jahre dauern. Wenn der in Thailand getestete Impfstoff allerdings das hält, was er bis jetzt verspricht, sollte er ebenfalls zum Einsatz kommen. Dass man diese Wirksamkeit weiter verbessern muss, ist allerdings keine Frage.

Wie?
Durch weitere Forschung. Nach all den Dämpfern bei der Suche nach einem Impfstoff gegen HIV ist dies nun endlich eine erfreuliche Erfolgsmeldung. Erst 2007 unterbrach der US-Pharmakonzern Merck die Tests für sein Aids-Mittel. Der Impfstoff, auf den weltweit viele gesetzt hatten, zeigte nicht nur keine Wirkung. Die Infektionsrate war bei den Geimpften sogar höher als bei denjenigen, die ein Placebo erhalten hatten. Geldgeber zogen danach natürlich ihre Mittel zurück. Auch um die Studie, die nun zu diesen Teilerfolgen geführt hat, gab es 2004 große Diskussionen. Der in Amerika und Thailand angesiedelten Untersuchung waren kaum Erfolgschancen eingeräumt worden, Wissenschaftler kritisierten, dass der Impfstoff nicht ausreichend wirksam sei. In Amerika wurde die Studie daher abgebrochen. Die Thailänder hielten allerdings daran fest. Diese Hartnäckigkeit hat sich nun als Erfolg herausgestellt. Das Ergebnis wird die Impfstoffforschung beflügeln. Davon bin ich überzeugt.

Trotzdem noch mal kurz zu den Zahlen: Gut 16.400 Probanden nahmen an der Studie teil. Die Hälfte erhielt drei Dosen von zwei verschiedenen HIV-Impfstoffen, die andere Hälfte Placebos. Von den Geimpften erkrankten 51, von denjenigen, die Placebos erhielten, 74. Der Unterschied erscheint gering, oder?
Dabei muss man beachten, dass alle Teilnehmer aufgeklärt wurden, wie man sich vor Aids schützt. Auch die nicht Geimpften hat man natürlich nicht in ihr Unglück rennen lassen. Es ist daher davon auszugehen, dass sich viele verantwortungsvoll verhalten haben. Um überhaupt einen Unterschied festzustellen, müssen daher viele Probanden an einer solchen Studie teilnehmen. Wenn sich bei den Geimpften dann gegenüber den nicht Geimpften gut 20 weniger infiziert haben, ist dieser geringe Unterschied trotzdem statistisch signifikant.

Wie wirkt der Impfstoff?
Die Körperreaktion, die ausgelöst wird, richtet sich gegen ein Eiweiß aus der Hülle des Virus. Dieses Hüllprotein ist unter anderem auch dafür notwendig, dass das Virus in eine Zelle eindringen kann. Die Impfung ermöglicht einen Angriff des Immunsystems, bei dem das Virus zerstört wird. Der Körper wird also in die Lage versetzt, das Virus zu neutralisieren und an der weiteren Vermehrung zu hindern. Dadurch, dass zwei Impfstoffe verwendet werden, wird eine Immunantwort von Zellen und Antikörpern erzielt.

Der Impfstoff wurde speziell für Unterarten des HI-Virus entwickelt, die vor allem in Südostasien, Amerika und Europa vorkommen. Was bedeutet das?
Der Impfstoff ist wahrscheinlich nur in Südostasien, Amerika und Europa einsetzbar, da dort die Subtypen E und B vorkommen. In Afrika hat man mit der Impfung wohl keine Chance. Trotzdem ist durch die Studienergebnisse ein Grundgerüst eines wirksamen Impfstoffes vorhanden. Ähnlich wie bei der Grippeimpfung, bei der dieses Grundgerüst jedes Jahr an die auftretenden Virusstämme angepasst wird. An so einer Stelle könnten wir jetzt auch mit der HIV-Impfung sein. Das wäre eine gute Voraussetzung.

Warum ist es überhaupt so schwer, einen Impfstoff gegen Aids zu finden?
Zum einen, da das Virus immer noch sehr stark mutiert. Bei jedem Vermehrungszyklus verändert es sich, entstandene Antikörper können dann nicht mehr andocken. Das Virus hat also verschiedene Mechanismen entwickelt, der Immunantwort zu entkommen. Ein anderes Problem zeigte sich bei der Merck-Studie: Dort wurde zwar eine hohe Immunreaktion erzeugt, diese hat sich allerdings negativ ausgewirkt, da auf den Immunzellen viele Rezeptoren ausgebildet wurden, an die das Virus angreifen konnte. Das hat zu der absurden Situation geführt, dass sich die Geimpften leichter infizierten als die nicht Geimpften. Viele Faktoren auf der Virus- und der Wirtsseite spielen somit eine Rolle, und das Zusammenspiel beider Faktoren macht es so schwer, einen Impfstoff zu entwickeln.

Lea Wolz

Wissenscommunity