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"Teilweiser Lockdown" Die Niederlande sind der bittere Beweis: Wer Freiheit liebt, dem fliegt Corona um die Ohren

Barbesucher in Amsterdam
Barbesucher in Amsterdam während der Pressekonferenz des niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte, der die starke Einschränkung des öffentlichen Lebens verkündet
© Remko de Waal / ANP / AFP
Die Niederlande haben monatelang versucht, dem Coronavirus mit der ihnen eigenen Antiautorität zu begegnen. Jetzt wird deutlich, dass sie damit krachend gescheitert sind. Für den weiteren Umgang mit der Pandemie ist das eine traurige Erkenntnis, meint unser Autor – nicht nur für unsere Nachbarn.

Im Prinzip hatte Mark Rutte keine Wahl. Die Niederländer legen traditionell einfach so viel Wert auf persönliche Freiheit und Eigenverantwortung, dass ihnen der Ministerpräsident zu Beginn der Pandemie gar nicht erst mit strengen Maßnahmen zu kommen brauchte. Also gab Rutte sich in der Kommunikation betont antiautoritär und beschwichtigend, wobei sein spöttischer Kommentar über Hamsterkäufer zum kleinen Klassiker geriet: "Wir haben so viel Klopapier, wir können zehn Jahre kacken."

Über Monate verfolgten die Niederlande eine weniger strikte Corona-Politik als ihre europäischen Nachbarn. Dass dieser Umgang mit dem Virus viel zu nachlässig war, wird dieser Tage so offenkundig, dass – so weit ist es schon gekommen – selbst die notorisch liberale Bevölkerung langsam mit den Hufen scharrt: Der öffentliche Druck zugunsten einer generellen Maskenpflicht ist zuletzt immer größer geworden.

Niederlande: Die Lage ist "alarmierend"

Denn die Lage ist in fast allen Teilen des Landes "alarmierend", so Rutte, der von seiner lockeren Wortwahl in Sachen Corona längst abgekehrt ist. Am Dienstag wurde mit fast 7000 neuen Infektionsfällen ein neuer Rekordwert gemeldet. Zum Vergleich: Während der ersten Welle der Pandemie waren es maximal 1300 am Tag. Und gemessen am Inzidenzwert liegt das Land inzwischen bereits vor Spanien – und in der gesamten Europäischen Union nur noch hinter Belgien und der Tschechischen Republik.

"Als het water zakt, kraakt het ijs" (dt.: "Wenn das Wasser sinkt, bricht das Eis"), lautet ein niederländisches Sprichwort, das sinngemäß bedeutet: Alles, was passiert, ist die zwingende Folge von dem, was vorherging. Bezogen auf Corona erntet die niederländische Politik mit den aktuellen Zahlen also, was sie mit ihrer frühen Reaktion gesät hat.

Und weil es mittlerweile in den Metropolen Amsterdam und Rotterdam je etwa 410 Infektionen pro 100.000 Einwohner gibt, wird nun versucht, mit einem hektischen "Teil-Lockdown" gegenzusteuern: Die bisher nur "dringend empfohlene" Maskenpflicht gilt künftig in öffentlichen Räumen wie Geschäften, Museen oder Bibliotheken. Bars, Cafés und Restaurants sollen schließen, dürfen Speisen und Getränke nur noch zum Mitnehmen anbieten. Selbst mit öffentlichen Verkehrsmitteln sollte man laut Empfehlung des Ministerpräsidenten nur noch in dringenden Fällen fahren.

Die Schweden haben eine ähnliche Erfahrung gemacht

"Es tut weh, aber es ist der einzige Weg", sagt Rutte. "Wir müssen strenger sein." In seinen Worten klingt eine Lehre durch, die auch für alle anderen Länder eine bittere Mahnung bedeutet: Wer Freiheit liebt, dem fliegt Corona um die Ohren. Die Niederländer bezahlen ihre gelebte Unabhängigkeit gerade mit umso heftigeren Einschränkungen.

Das ist eine traurige Erkenntnis, weil sie belegt, dass der Pandemie offenbar wirklich nur mit Härte beizukommen ist. Die Schweden, sozusagen Geschwister im Geiste der Niederlande, haben bereits eine ähnliche Erfahrung gemacht.

Wer nun den Zeigefinger hebt und meint, dass diese Pointen vorhersehbar waren, macht es sich trotzdem zu leicht. Im Umgang mit einem neuen, unerforschten Virus sind unterschiedliche Herangehensweisen dringend legitim. Und wer es trotzdem besser zu wissen glaubt, für den gilt höchstens ein anderes niederländisches Sprichwort: "De beste stuurlui staan aan wal." Zu Deutsch: "Die besten Steuerleute stehen immer am Ufer."


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