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Nieren-Lebendspende: Geschenk fürs Leben

Frank-Walter Steinmeier will seiner Frau eine Niere spenden. 600 Menschen entscheiden sich pro Jahr in Deutschland zu diesem Schritt. Doch nicht jeder darf sein Organ zur Verfügung stellen.

Von Nina Weber

Wenn die Nieren versagen, bleiben dem Betroffenen nur zwei Möglichkeiten: Dialyse oder eine Organtransplantation. Die Dialyse, bei der das Blut mehrmals pro Woche von Giftstoffen befreit wird, ist nicht nur ein zeitaufwändiger, sondern ein stark belastender Prozess. Doch Spenderorgane sind knapp. Mehr als 8000 Patienten benötigen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation eine Niere. Im Schnitt warten Patienten auf der Warteliste fünf bis sechs Jahre auf ein Spenderorgan, viele sterben ohne den rettenden Eingriff. Im Jahr 2009 verpflanzten Ärzte 2172 Nieren von toten Spendern. 600 Menschen trafen dieselbe Entscheidung wie jetzt SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier: Sie ließen eine ihrer Nieren freiwillig transplantieren.

Dieser Eingriff ist ein Grenzfall der Medizin, denn Ärzte setzen hier einen Gesunden dem Risiko einer Operation aus, entnehmen ihm ein Organ - und das ausschließlich zum Wohle eines anderen, des Empfängers. Im Transplantationsgesetz sind daher genaue Bedingungen festgelegt, unter denen diese Form der Organspende möglich ist.

Infrage kommt sie nur, wenn kein Organ eines toten Spenders verfügbar ist. Der Empfänger muss also auf der Warteliste eines Transplantationszentrums stehen. Die Spende kann nur freiwillig erfolgen, finanzielle Anreize dürfen beispielsweise keine Rolle spielen. Der Spender muss gesund sein; Minderjährige dürfen kein Organ zur Transplantation freigeben. Spenden dürfen laut Gesetz nur "Verwandte ersten oder zweiten Grades, Ehegatten, Verlobte und andere Personen, die dem Spender in besonderer persönlicher Verbundenheit offenkundig nahe stehen".

Die gleiche Blutgruppe ist nicht nötig

Bei der sogenannten Kreuzprobe werden im Labor Blutflüssigkeit des Empfängers und weiße Blutkörperchen des Spenders gemischt. Nur wenn sie nicht miteinander reagieren, hat die Transplantation Aussicht auf Erfolg. Die gleiche Blutgruppe müssen Spender und Empfänger nicht haben.

Die Operation selbst dauert höchstens zwei bis vier Stunden. Die Entnahme gilt allgemein als ungefährlich, berichtet die Stiftung Lebendspende. Wie bei anderen chirurgischen Eingriffen treten in seltenen Fällen Komplikationen auf, etwa Nachblutungen, Schmerzen im Narbenbereich oder ein Wundinfekt. Kommt es nicht zu Komplikationen, kann der Spender das Krankenhaus meist binnen einer Woche wieder verlassen und ist nach drei bis vier Wochen wieder arbeitsfähig.

Es ist extrem selten, dass eine Organentnahme tödlich endet - verschiedene Untersuchungen beziffern das Risiko auf 0,03 bis 0,06 Prozent, also auf einen Fall in 1600 bis 3000 Operationen.

Verantwortung gegenüber dem Spender

In der Regel lebt der Spender ohne Beeinträchtigungen weiter, da dem Körper eine funktionierende Niere reicht. Der Empfänger einer Spenderniere muss, egal ob das Organ von einem Lebenden oder einem Toten stammt, den Rest des Lebens Medikamente nehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Trotzdem kommt es vor, dass der Körper das fremde Organ abstößt. Die Chance, dass die Niere nach fünf Jahren noch arbeitet, ist nach einer Lebendspende höher: Sie liegt bei rund 83 Prozent gegenüber 70 Prozent, wenn das Organ von einem Toten stammt.

"Ein Grund dafür sind die besseren Operationsbedingungen", sagt Werner Lauchart von der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Der Eingriff ist planbar. Die Niere muss nur in den benachbarten OP-Saal transportiert werden und nicht in eine andere Stadt. Die Zeit, in der das Organ vom Blutkreislauf abgetrennt ist und eventuell Schaden nimmt, ist also denkbar kurz.

Lauchart nimmt an, dass sich später auch ein psychologischer Faktor bemerkbar macht: "Der Empfänger hat dem Spender gegenüber eine höhere Verantwortung, als wenn das Organ von einem anonymen, toten Spender stammt. Diese kann er erfüllen, indem er gesund lebt und regelmäßig die notwendigen Medikamente nimmt."

Frauen spenden häufiger

Auf die Ankündigung Frank-Walter Steinmeiers, seiner kranken Frau eine Niere zu spenden, folgte Zuspruch über die Parteigrenzen hinaus. "Mit seinem Handeln bei der Organspende ist Frank-Walter Steinmeier ein Vorbild, wenn es darum geht, das Thema stärker in die Gesellschaft zu tragen", sagte etwa Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP). Tatsächlich zählt Steinmeier hier auch zu einer Minderheit: Frauen trennen sich deutlich öfter als Männer von einer Niere, um einem kranken Partner, Verwandten oder Freund zu helfen.

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