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Nierentransplantation: "Das Ziel ist ein ganz normales Leben"

Ivan Klasnic zeigt, wie weit die Transplantationsmedizin heute ist - sogar Profisportler kann man mit einer Spenderniere bleiben. Allerdings sind nicht alle Chirurgen von der Entscheidung des Bremer Fußballers begeistert.

Von Nina Bublitz

Ein Profifußballer mit Spenderniere - das hat es vor Ivan Klasnic noch nicht gegeben. Zum einen zeigt das, wie groß der Wille des 27-jährigen Stürmers ist. Zum anderen auch, wie weit die Transplantationsmedizin vorangeschritten ist. "Wie gut man sich nach einer Transplantation erholen kann, wie gut man wieder Sport treiben kann - das zeigt der Fall von Ivan Klasnic", sagt Professor Jürgen Klempnauer. Der Leiter der Transplantationschirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover führte im März die Nierenverpflanzung bei Klasnic durch. "Das Ziel ist es ja, nach der Operation ein ganz normales Leben zu führen - abgesehen von den Immunsuppressiva, die man dauerhaft einnehmen muss. Auch Kontrolluntersuchungen sind lebenslang notwendig. Ansonsten können Menschen mit einer Spenderniere gesund und fit sein - wie man an Ivan Klasnic sieht", schwärmt Klempnauer. Bei der Hälfte der Patienten arbeitet die Niere auch nach zehn Jahren noch gut, bei manchen Patienten sogar nach 30.

Nicht nur die Operationstechnik hat sich seit der ersten erfolgreichen Nierentransplantation vor 53 Jahren deutlich verbessert, auch die Medikamente, die Patienten nach der OP einnehmen müssen, wurden ständig weiterentwickelt. Nach einer Transplantation müssen Patienten ihr Leben lang Mittel schlucken, die das Immunsystem unterdrücken. Sie verhindern, dass die Körperabwehr das fremde Organ angreift und abstößt. Klempnauer: "Die immunsuppressiven Medikamente haben sich deutlich verbessert. Es gibt inzwischen verschiedene Mittel zur Auswahl, die die Körperabwehr auf unterschiedliche Weise regulieren und sich ergänzen. Die Ärzte haben also die Möglichkeit, die Medikamentenauswahl dem Patienten anzupassen." In den ersten Wochen und Monaten nach der Transplantation müssen die Medikamente sehr hoch dosiert werden - dann heißt es: Mundschutz tragen, keine Hände schütteln, keinen Rohmilchkäse essen und vieles mehr, um sich nicht der Gefahr einer Infektion auszusetzen. "Sobald man die Medikamente niedriger dosieren kann, ist die Ansteckungsgefahr nicht mehr signifikant höher als bei anderen Menschen", sagt Przemyslaw Pisarski, Leiter der Transplantationschirurgie der Uniklinik Freiburg.

"Dann ist die Niere futsch!"

Normalerweise bleiben Patienten nach einer Nierentransplantation drei bis vier Wochen im Krankenhaus. Pisarski: "Bei stabilem Verlauf kommen die Patienten zum Anfang ein- bis zweimal pro Woche zur Kontrolle, später dann vierteljährlich." Pisarskis Abteilung gehört in Deutschland zu den Vorreiter für eine Technik, die bislang vor allem in Japan angewendet wird: Die Chirurgen verpflanzen Nieren, obwohl Spender und Empfänger nicht dieselbe Blutgruppe haben. Dies war lange unmöglich, denn normalerweise erkennen die Antikörper im Blut des Empfängers sofort die fremden Bestandteile der Nierenzellen und leiten eine heftige Immunreaktion ein, durch die das Organ innerhalb weniger Tage abgestoßen wird. Mit einer speziellen Vorbehandlung des Blutes können Ärzte diese Reaktion aber verhindern. "Wir haben in Freiburg bereits 28 Nierentransplantationen durchgeführt, bei denen Spender und Empfänger nicht dieselbe Blutgruppe hatten. Das Verfahren ist aufwändiger und teurer, die Ergebnisse aber ähnlich gut. Unser erster Patient lebt jetzt seit vier Jahren mit der neuen Niere", sagt Pisarski.

Der Chirurg sieht den Einsatz von Klasnic skeptisch: "Ich rate meinen Patienten generell von Sportarten ab, bei denen es öfter zu Verletzungen kommt - also kein Kampfsport, aber auch kein Fußball. Das Problem ist folgendes: Die eigene Niere liegt höher im Körper, sie wird vom Rippenbogen, der Rückenmuskulatur sowie den anderen inneren Organen von einem Trauma geschützt. Eine transplantierte Niere liegt tiefer: fast direkt auf der Beckenschaufel. Nach drei bis vier Monaten bildet sich zwar eine Schicht aus Bindegewebe, die etwas Schutz bietet, aber nach einem Tritt oder Schlag auf die Leiste ist die Niere futsch!" Dass die transplantierte Niere von Klasnic durch eine breite Bandage mit Fiberglasanteil geschützt wird, beruhigt den Arzt nicht. Er empfiehlt schlicht andere Bewegungsformen. "Sportarten, die nicht mit einer größeren Verletzungsgefahr verbunden sind, können Menschen auch nach einer Nierentransplantation auf hohem Leistungsniveau ausüben. Einer unserer Patienten ist zum Beispiel Deutscher Meister im Tischtennis."

Im Jahr 2006 wurden in Deutschland ca. 2800 Nieren verpflanzt, 522 waren Lebendspenden. Der Bedarf an Spendernieren ist jedoch deutlich größer - im Schnitt müssen stehen Patienten fünf Jahre zur Dialyse, bevor sie ein Organ erhalten.

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