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Medikamentenmissbrauch im Sport: "Wie Smarties eingeworfen"

Der Abnutzungskampf im Profifußball ist offenbar nur noch unter massivem Einsatz von Schmerzmitteln zu ertragen. Der Fall Klasnic zeigt, dass der Tablettenkonsum oft bedenkenlos und ohne Rücksicht auf Risiken und Nebenwirkungen erfolgt. Mediziner und Fifa schlagen Alarm.

Von Frank Hellmann

Es gibt ziemlich verklärende Geschichten über den Schmerz, den Fußballer wahlweise aushalten oder unterdrücken. Dazu kann man Marko Pantelic, den Stürmer von Hertha BSC befragen, der sich am vergangenen Wochenende nach 30 Spritzen fit meldete. Eigens verabreicht von Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Arzt des FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft.

Wenigstens für einen Teilzeiteinsatz langte die schmerzstillende Behandlung, die möglich machte, dass der Serbe nach Zwicken in Wade, Knie, Leiste und Rücken plötzlich mitwirkte.

Auch Jones griff zu

Oder man erkundigt sich bei Jermaine Jones, der seine letzte Saison für Eintracht Frankfurt nur mit massivem Gebrauch von schmerzstillenden Präparaten überstand, nachdem ihm monatelang ein Ermüdungsbruch und Entzündungen im rechten Schienbein spielunfähig machten. Kann nicht sein, sagte sich der scheinbar unverwüstliche Einzelkämpfer. Und griff regelmäßig zu Schmerztabletten. Eine vor jedem Training. Zwei vor jedem Spiel. Tag für Tag, Woche für Woche.

"Manchmal habe ich auch mehr genommen", verriet Jones einmal. Irgendwann war der Frankfurter, dessen Auftreten Trainer Friedhelm Funkel "bewundernswert" nannte, nicht mehr einsatzbereit - der Magen machte nicht mehr mit. Wegen der Medikamente. Gestört hat sich an der Causa Pantelic wie Jones niemand.

Nebenwirkungen ohne Ende

Offenbar hat es den Fall Ivan Klasnic gebraucht, um einer breiten Öffentlichkeit zu verdeutlichen, dass der in gängigen Salben und Tabletten enthaltene Wirkstoff Diclofenac, der etwa zuhauf im Wundermittel Voltaren steckt, eben nicht nur die ach-so-tollen antientzündlichen und abschwellende Effekte hat, sondern auch eine ganze Latte an Nebenwirkungen.

"Der Beipackzettel ist ziemlich lang. Diclofenac ist ein gut wirksames Medikament mit entsprechend vielen Nebenwirkungen", warnt Ingo Tusk. Der Orthopäde ist nicht nur Mannschaftsarzt der Zweitliga-Fußballer von Kickers Offenbach und betreut die Fußball-Frauen des 1. FFC Frankfurt, sondern fungiert als Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, kurz DGSP.

Causa Klasnic: Ärztepfusch?

Wenn sich Sportmediziner und Mannschaftsärzte fortbilden, dann lehrt Tusk. Etwa sagt der Doktor dann, dass das zur Gruppe der antisteroidalen Antirheumatika zählende Diclofenac - wenn überhaupt nötig - nur mit Magenschutzpräparaten verschrieben werden sollte. "Das Zeug wird viel zu lange und zu sorglos eingenommen. Manche Profifußballer brauchen das jeden Tag."

Eben der kroatische Nationalspieler Ivan Klasnic, dem schon 2001 bei seinem Wechsel zu Werder Bremen ein leicht erhöhter Kreatinin-Wert - ein Maß für die Nierenfunktion - bescheinigt wurde. "Eine leichte Niereninsuffienz" diagnostizierten externe Ärzte bereits 2002 - hätten da bei Werders Mannschaftsarzt Götz Dimanski nicht die Alarmglocken schrillen müssen?

Kritik an Dimanski

"Als Sportmediziner schaue ich mit die Blut-, Nieren- und Leberwerte genau an. Ein Mannschaftsarzt muss wissen, was ein Kreatinin-Wert ist", betont Tusk. Genau das aber wird Dimanski vom Ehepaar-Klasnic zum Vorwurf gemacht.

Patricia Klasnic behauptete in der ARD-Sendung Beckmann: "Professor Arno Lison musste Götz Dimanski erklären, was ein Kreatinin-Wert ist." Es kam, was kommen musste: Offenbar bedenkenlos schluckte der Stürmer die Schmerzmittel, die in der Liga so beliebt sind. Über vier Jahre lang sollen Klasnic insgesamt 3250 Milligramm des Wirkstoffs Diclofenac verabreicht worden sein - sehr populär unter gestressten Profis, pures Gift für geschädigte Nieren.

Aufklärung erforderlich

Ende 2006 versagte das Organ vollends. "Ich habe die Tabletten als junger Spieler immer genommen - ich wollte ja spielen", erklärte Klasnic, während Ehefrau Patricia die Gewohnheiten noch drastischer beschrieb: "Das gehörte wie Wassertrinken dazu. Hätte ich das gewusst, wäre ich eingeschritten."

Das wollen die Sportmediziner tun. Der angesehene Institutsleiter der Universität Saarbrücken und der ehemalige Professor Wilfried Kindermann schlägt Alarm: "Von unserer Seite ist da noch mehr Aufklärung zu betreiben." Kindermann kennt das Problem zur Genüge: "Die Schmerztabletten werden wie Smarties eingeworfen. Oft in einer Selbstmedikation ohne Verantwortung für sich selbst. Das ist in allen Sportarten weit verbreitet."

Missbrauch auch in anderen Sportarten

Tusk warnt davor, allein die Mediziner an den Pranger zu stellen: "Es ist der Spieler, der verlangt schnell fit zu werden, um die Prämien zu kassieren. Es ist der Verein, der beschwerdefreie Profis verlangt." Der Vizepräsident der deutschen Sportärztevereinigung: "Fußballer sind wie Leistungsmaschinen. Und weil Fußball ein extrem traumatisierender Sport ist, wird alles getan, um die Schwellungen und Prellungen schnell zu behandeln." Auch Tusk weiß: Der Schmerzmitteleinsatz ist auf breiter Basis ausgeufert.

So ergaben Untersuchungen beim Gewichtheben eine 100-prozentige Versorgung der beteiligten Sportler mit Schmerzmitteln, beim Ironman Neuseeland waren es jüngst 30 Prozent, bei jedem Marathon dürfte es ähnlich sein. Die Dunkelziffer ist beim Breitensport extrem. Was Sorge macht: Profis wie Amateure werfen die Tabletten oft rein prophylaktisch ein, ohne das wirklich Schmerzsymptome vorliegen. Die Folgen können fatal sein: Die gängigen Schmerzmittel haben bei Langzeitkonsum beträchtliche Nebenwirkungen, etwa für den Magen-Darm-Trakt, die Blutgefäße, eben die Niere und Leber.

Untersuchungen der Fifa

Leichtathletik-Ärzte berichteten unlängst, dass Sportler an einem Tag acht bis neun Voltaren-Tabletten nähmen. Und sich damit in der Grauzone des Dopings bewegen. Denn obwohl die Präparate nicht auf der Dopingliste stehen, verhelfen sie doch zu einer Leistung, die ansonsten nicht abrufbar wäre. Der angesehene Biochemiker und Dopingforscher Hans Geyer hat erst kürzlich geklagt: "Das ist ein Wahnsinn. Seit längerer Zeit fällt uns auf, dass die Athleten immer mehr Schmerzmittel einnehmen. Ganz extrem im Gewichtheben, im Zehnkampf und im Radsport, zunehmend auch die Fußballer. Ich wundere mich, dass das noch niemand thematisiert hat."

Das aber tut gerade der Weltfußballverband Fifa. Die medizinische Kommission mit dem angesehenen Professor Toni Graf-Baumann an der Spitze hat bei einem Sportärztekongress in Köln ungewohnt deutlich öffentlich gemacht, dass die Schmerzgrenze erreicht ist - das ist ein Ergebnis, der ausgewerteten Medikamentenlisten, die vor Dopingkontrollen ausgewertet werden. Zudem sind bei der WM 2002 und 2006 die Teamärzte über die "nicht verschreibungspflichtigen Supplemente" wie Vitamine, Proteine, Nahrungsergänzungs- und eben auch Schmerzmittel befragt worden. Das Ergebnis war erschütternd: Jeder zehnte Spieler nahm Schmerzmittel vor jedem Match, 20 Prozent bei zwei von drei Spielen, die Hälfte mindestens einmal während des Turniers.

"Ich bin jetzt clean"

"Die schlucken Voltaren und Aspirin in ungeheuren Mengen, auch ohne medizinische Indikation. Das macht uns Sorgen", klagte Graf-Baumann. Und auch im deutschen Fußball ist das Problem eigentlich längst bekannt. "Die letzten Studien bezüglich der Bundesliga stammen aus dem Jahr 2000. Da sind rund 20 bis 30 Prozent der Sportler mit Schmerzmitteln versorgt worden", erklärt Mario Thevis, Professor für Dopingforschung der Deutschen Sporthochschule Köln.

Mahnende Stimmen, die überhört worden sind. Oder nicht gehört werden wollten. Auch nicht bei Ivan Klasnic. Der mit der Spenderniere seines Vaters lebende 28-Jährige hat am Montagabend in der Beckmann-Sendung einen verräterischen Satz gesagt. Natürlich nehme er kein nierenschädigendes Diclofenac mehr. Das wäre ja lebensbedrohend. "Man kann sagen, ich bin jetzt clean."

Klasnic und jede Menge Tabletten

Das wiederum kann nicht ganz ernst gemeint sein: Denn um mit der vor einem Jahr verpflanzten Niere überhaupt leben und Leistungssport treiben zu können, schluckt der Mann eine gewiss dauerhaft wenig gesunde Medikamentenmixtur. Darauf stehen: Kortison, die Immunsuppressiva Prograf und Cellept, der Betablocker Beloc-Zok sowie das blutdrucksenkende Mittel Ramipril.

Und das betrifft nur die Zeit nach seiner Nierentransplantation 2007. Davor hatte Klasnic im Zuge einer Blinddarmerkrankung eine Medikationsliste wie eine Reiseapotheke der Radprofis: Laut Medikationsliste nahm er 2006 das Kortikosteroid Urbason, eben Ramipril, den Harnsäureblocker Allopurinol, das Vitaminpräparat Vigantol und zur Bekämpfung der Blutarmut einmal die Woche 1000 Einheiten Epo.

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