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TV-Kritik

"Anne Will" zu Organspenden: Wem gehört meine Niere? Oder: Karl Lauterbach erklärt den Tod

Was tun gegen den Mangel an Organspendern? Die Idee von Jens Spahn, jeden, der nicht widerspricht, zum Spender zu machen, kommt bei Anne Will gut an. Das Thema war fast zu wenig kontrovers für eine Talkshow. Auch mal ganz schön in diesen Tagen.

Anne Will diskutiert über Organspende mit Anita wolf, Karl Lauterbach und Alexandra Manzei

Was spricht für die Widerspruchslösung: Anne Will diskutierte mit Anita Wolf, SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und Gesundheitssoziologin Alexandra Manzei

In anderen europäischen Ländern wie Frankreich und Österreich ist es längst üblich, dass jeder Bürger Organspender ist - sofern er oder sie dem nicht ausdrücklich widerspricht. Nach dem Willen von Gesundheitsminister Jens Spahn soll diese Regelung, doppelte Widerspruchslösung genannt, auch in Deutschland eingeführt werden. Die Sendung von  widmet sich der (schwindenden) Spendebereitschaft der Deutschen und fragt: Hilft die Widerspruchslösung den rund 10.000 Menschen, die auf ein Organ warten? Inwieweit greift der Staat mit dieser Regelung in die Persönlichkeitsrechte seiner Bürger ein?

Wer hat bei Anne Will diskutiert?

  • Eckart von Hirschhausen, Arzt, Chefreporter bei Dr. v Hirschhausens stern Gesund Leben
  • Karl Lauterbach, Stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender
  • Wolfgang Huber, evangelischer Theologe
  • Anita Wolf, gab Organe ihres Mannes zur Spende frei
  • Ivan Klasnic, Ex-Fußballprofi, der mit einer Spenderniere lebt
  • Alexandra Manzei, Gesundheitssoziologin

Wie lief die Diskussion?

Wie ein angenehm ruhiger Fluss. Wenn es einen Dissenz gab, dann nur in Details. Bis auf Medizinsoziologin Manzei waren sich alle in der Runde einig, dass Organe spenden eine gute Sache sei. Auch Wolfang Huber, der die doppelte Widerspruchslösung eine "Spendenpflicht" nannte und also ablehnt, bekannte, einen Organspendenausweis in der Brieftasche mit sich zu tragen. Dass es zu einer Diskussion kam, lag eigentlich nur in der Frage, ob das Modell der doppelten Widerspruchslösung ausreicht, oder ob das nicht nur der Anfang sein kann, die Spendenbereitschaft zu erhöhen. In einem Beitrag berichtete die "Anne-Will"-Redaktion von einem Arzt, der die großen Hürden und Kosten beklagte, die bei Spendenentnahmen auf die Krankenhäuser zukämen, so dass einige Mediziner eher dazu neigten, die Patienten sterben zu lassen. SPD-Mann nutzte die Gelegenheit, um auf ein bereits in die Wege geleitetes Gesetz hinzuweisen, das genau diese Probleme eindämmen soll.

Der besondere Moment

 Karl Lauterbach erklärt Alexandra Manzei den Tod. Die Medizinsoziologin hatte in der Sendung den Part der Spendengegnerin, was sie unter anderem damit begründete, dass als Spender nur hirntote Menschen in Frage kommen. "Es sind Sterbende, aber keine Toten", argumentierte sie wiederholt und wollte damit sagen, dass Transplantationsärzte im Grunde Menschen Organe entnehmen, die noch nicht richtig tot sind. Derlei Gruselgeschichten seien mit ein Grund für die mangelnde Spendenbereitschaft hatte zuvor schon Eckart von Hirschhausen beklagt, und nun war der Zeitpunkt der Ärzte in der Runde gekommen, um einmal über den Tod zu sprechen. "Sehen Sie, Frau Manzei, ich bin ja Arzt", hob Lauterbach onkelig an, "und für uns Mediziner gibt es nur ein Kriterium für den Tod – und das ist der Hirntod." Hirschhausen nickte im Hintergrund heftig, dann folgten noch ein, zwei, für Nicht-Mediziner gewöhnungsbedürftige Beschreibungen darüber, wie lange ein Herz schlägt, nachdem der Körper aufgeschnitten wurde.

Die Erkenntnisse in Thesen

  • Es gibt zu wenig Organspender in Deutschland.
  • In 17 europäischen Ländern mit einer (doppelten) Widerspruchslösung ist die Spendenbereitschaft deutlich höher.
  • In Deutschland bestimmen Schindluder, Vorurteile, Fehlinformationen und (irrationale) Ängste das Bild der Organspende.
  • Jeder fünfte Patient auf einer Transplantationsliste stirbt.
  • Die doppelte Widerspruchslösung kann nur ein Anfang sein, es braucht dazu aber Aufklärung sowie Änderungen im Transplantationswesen.
  • Eigentlich sollten Menschen sich im Idealfall einmal im Leben mit der Frage auseinandergesetzt haben, ob sie Organe zur Verfügung stellen wollen oder nicht. Eigentlich.

Fazit

Es hätte in der Woche einiges zum Bereden gegeben: Teile des Landes auf Abwegen. Ein Verfassungsschutzpräsident auf Abwegen. Ein Innenminister auf Abwegen. Vielleicht wollte Anne Will ausnahmsweise nicht über die damit verbundene Flüchtlingsfrage diskutieren, was an sich auch einmal eine gute Idee ist. Stattdessen also Organspenden. Etwas, das unweigerlich mit dem Thema zusammenhängt – und über den gehen die Meinungen ja auseinander. Besser: darüber, wie man über ihn spricht. Dass es die Menschen eher ungern tun, da waren sich im Studio alle einig, ist ein Grund für die zurückhaltende Spendenbereitschaft.

Was also tun: Die Menschen zwingen, es zu tun? Von Amts wegen einmal im Leben über Organe und den Tod nachdenken? Überfordert das einige, wie die Betroffene Anita Wolf meint? Oder erzeugt es Druck, wie glaubt? Antworten darauf hat "Anne Will" nicht geliefert. Braucht sie aber auch nicht, denn es bleibt - so oder so - eine höchstpersönliche Entscheidung.