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No-Angels-Sängerin Nadja Neue Sorglosigkeit beim Thema HIV?


Der umstrittene Fall der No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa hat das kaum mehr beachtete Thema HIV wieder in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Das ist gut, sagen Fachleute, denn die Krankheit sei trotz medizinischer Fortschritte nach wie vor extrem gefährlich - und werde immer öfter unterschätzt.
Von Lea Wolz

Trotz ihrer HIV-Infektion soll die Sängerin der deutschen Pop-Band No Angels, Nadja Benaissa, in den Jahren 2004 und 2006 mit drei Männern ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt haben. Einer der drei Männer hat sich vermutlich mit dem "Humanen Immunsschwäche-Virus" (HIV) angesteckt. Werden ansteckende Krankheiten wie Aids auf die leichte Schulter genommen? Ist wieder vermehrt Aufklärungsarbeit nötig?

In der Öffentlichkeit habe das Thema Aids nicht mehr die Aufmerksamkeit, die es noch vor einigen Jahren hatte, sagt Michael Bohl von der Aidshilfe Frankfurt. "Durch die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten sind die Lebenserwartungen bei den Infizierten deutlich gestiegen." Bilder von jungen Menschen, die früh an der Krankheit sterben, sind nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein. Aids wird nicht mehr als todbringende Krankheit wahrgenommen. "Die Kehrseite der Medaille ist die Gefahr einer Bagatellisierung des Themas", sagt Bohl. Eine neue Sorglosigkeit im Umgang mit der Krankheit sieht der Sozialarbeiter zwar noch nicht, doch nach wie vor einen hohen Bedarf an Aufklärungsarbeit.

Leichter Anstieg bei Neuinfektionen

Einen leichten Anstieg bei den Neuinfektionen in Deutschland verzeichnet das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Im Jahr 2007 lag die Zahl der Neuinfektionen bei knapp 2800, rund 3000 Menschen haben sich laut RKI 2008 neu infiziert. "Die Situation stagniert auf hohem Niveau", sagt eine Sprecherin des RKI. Insgesamt leben nach aktuellen Schätzungen des RKI rund 63.500 Menschen mit HIV oder AIDS in Deutschland, darunter 51.800 Männer und 11.700 Frauen. In 90 Prozent der Fälle wird das Virus sexuell übertragen, die Mehrheit der Infektionen erfolgt über homosexuelle Kontakte zwischen Männern. Seltener, aber möglich, ist die Übertragung von der Frau auf den Mann, wie sie nun der No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa vorgeworfen wird. Über die Scheidenflüssigkeit oder Menstruationsblut können sich die HI-Viren dabei verbreiten. "Es müssen noch nicht einmal Verletzungen wie Hautrisse am Penis vorhanden sein um HIV zu übertragen. Die obere empfindliche Schleimhaut am Harnröhreneingang kann auch bei unverletzter Haut HIV aufnehmen. Ebenso das Frenulum, das Bändchen der Vorhaut, wie auch das innere Blatt der Penisvorhaut, wenn der Mann nicht beschnitten ist", sagt Michael Rack von der Aidshilfe Hamburg.

Der Nachweis, dass sich der Mann bei der Sängerin mit HIV infiziert hat, ist medizinisch allerdings "ein schwieriges Unterfangen", wie Norbert Brockmeyer von der Universität Bochum und Sprecher des Kompetenznetzes HIV/Aids sagt. Eine hundertprozentige Sicherheit sei dabei nicht mehr zu erreichen, nur eine hohe Wahrscheinlichkeit. Verglichen würde dabei das Virusgenom der HIV-infizierten Person mit dem Virusgenom der Person, die infiziert worden sein soll. "Bei nahezu vollständiger Übereinstimmung besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die HIV-Infektion von der Person erworben wurde", sagt Brockmeyer.

Fieber, Durchfall, Abgeschlagenheit

Dass Infizierte jahrelang nichts von ihrer Krankheit wissen, ist Bohl zufolge möglich. In den ersten Wochen der Infektion treten bei vielen Betroffenen Fieber, Lymphknotenschwellungen, Durchfall, Abgeschlagenheit, Appetitlosigkeit oder ein Hautausschlag auf. Diese Symptome klingen nach ein bis zwei Wochen wieder ab. Obwohl sich Infizierte noch völlig gesund fühlen, vermehrt sich das Virus allerdings im Blut. Wie stark kann durch die "Viruslast", die Zahl der Viren pro Milliliter Blut, überprüft werden. Ziel der gegen HIV gerichteten Therapie mit antiretroviralen Mitteln ist es, die Viruslast über einen möglichst langen Zeitraum niedrig zu halten. Der Ausbruch von Aids lässt sich so Jahre hinauszögern. "In den Industrieländern ist die Versorgung mit diesen Medikamenten weitgehend gesichert, die Behandlungsmöglichkeiten sind daher sehr gut", sagt Bohl. Lautet der Befund "Viruslast nicht nachweisbar", so heißt das allerdings nicht, dass keine Viren mehr im Blut sind, sondern nur, dass sie wegen zu geringer Menge nicht mehr gemessen werden können.

Interessant in diesem Zusammenhang ist ein von der Schweizerischen Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen (EKAF) veröffentlichtes Papier, in dem davon ausgegangen wird, dass HIV infizierte Menschen unter wirksamer antiretroviraler Therapie sexuell nicht infektiös seien. Das heißt, wenn unter anderem die Viruslast des HIV-positiven Partners seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze ist, ist das Risiko einer HIV-Übertragung laut EKAF dann so gering wie bei Sex unter der Verwendung von Kondomen. "Das Risiko ist nicht gleich null, aber verschwindend oder maximal so hoch wie bei geschütztem Geschlechtsverkehr", sagt Bohl. "Es ist wichtig, dass dieser wissenschaftliche Kenntnisstand kommuniziert wird und strafrechtlich auch mit berücksichtig wird." In einem Urteil aus dem Jahr 2008 sei dies bereits geschehen. Dort sei der Angeklagte freigesprochen worden.


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