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Kampf gegen Malaria, Elefantiasis, Flussblindheit: Warum diese Forscher den Nobelpreis erhalten haben

Gerechnet hat damit wohl kaum einer: Drei Parasitenforscher erhalten den diesjährigen Nobelpreis für Medizin. Um was es in ihrer Forschung geht.

Von Lea Wolz

Die diesjährigen Preisträger des Medizinnobelpreises

Die diesjährigen Preisträger des Medizinnobelpreises (von links): der Japaner Satoshi Omura, der gebürtige Ire William C. Campbell und die Chinesin Youyou Tu. 

Ein Nobelpreis für die traditionelle chinesische Medizin? Zum Ende der Pressekonferenz wollte es eine chinesische Reporterin noch einmal genau wissen. Nein, hieß es ganz entschieden vom Nobelpreiskomitee. Man habe keinesfalls die traditionelle Medizin ausgezeichnet - auch wenn mancher das offenbar gerne hören wollte - sondern eine chinesische Forscherin, die uraltes Wissen zu Rate gezogen habe, um ein effektives Medikament gegen Malaria zu entwickeln.


Dass die höchste Auszeichnung in der Medizin für in ihrer Wirksamkeit umstrittene alternativmedizinische Verfahren vergeben wird, hätte wohl auch niemand erwartet. Das wäre in der Tat eine Sensation, eher noch: ein Skandal. Aber auch so sorgte das Nobelpreiskomitee in diesem Jahr für eine Überraschung. Galten doch ganz andere Forscher und ihre Entdeckungen - etwa zur Bakterienbesiedlung im Darm oder zu bestimmten Zellen des Immunsystems - als heiße Favoriten.

Tatsächlich geht die Auszeichnung in diesem Jahr an drei Parasitenforscher. Nicht unbedingt der schillerndste Forschungsbereich, aber ein enorm wichtiger, wie auch das Nobelpreiskomitee betont. "Durch Parasiten verursachte Krankheiten sind seit Jahrtausenden eine Plage für die Menschheit und stellen weltweit ein großes Gesundheitsproblem dar", heißt es in einer Mitteilung. Vor allem in den ärmsten Gebieten dieser Welt verbreiten sie sich. Sie werden dort zur Plage für diejenigen, die ohnehin schon mit Armut und Unterentwicklung zu kämpfen haben.

Diesen Kreislauf zu durchbrechen und Arzneimittel gegen die verheerendsten parasitären Erkrankungen zu entwickeln, ist den diesjährigen Nobelpreisträgern gelungen. William Campbell, der in den USA lebt und forscht, und der Japaner Satoshi Omura, haben eine Arznei entwickelt, die gegen zwei zerstörerische Wurmerkrankungen hilft: die Flussblindheit und die Elefantiasis. Beide Leiden seien dadurch inzwischen fast besiegt, schreiben die Juroren. Die mittlerweile 84 Jahre alte Chinesin Youyou Tu erhält die andere Hälfte des Preise für ihre Arbeit an einer Malaria-Therapie. Zusammen haben die Forscher damit Millionen von Menschen in Teilen Afrikas, Süd- und Mittelamerikas sowie in Südostasien das Leben gerettet.

Die Gefahr lauert im Wasser

 Bei der Flussblindheit lauert die Gefahr im Wasser: Die sogenannte Ochnozerkose wird durch die Infektion mit einem Fadenwurm verursacht. Übertragen wird dieser durch den Biss von Kriebelmücken. Besonders Menschen, die nahe an Gewässern wohnen, sind gefährdet, denn dort vermehren sich die Mücken.  

Gelangen die Wurmlarven über die Mücke in den menschlichen Körper, reifen sie innerhalb eines Jahres zu ausgewachsenen Würmern heran und nisten sich in die Unterhaut ein. Bis zu 50 Zentimeter können diese lang werden. Die weiblichen Würmer produzieren wiederum viele Nachkommen - bis zu 1000 täglich. Diese Mikrofilarien wandern durch den Körper. Erreichen sie das Auge, können sie zu Entzündungen führen und über die Jahre hinweg  das Sehorgan bis zur Blindheit schädigen.

Über Infizierte sichert sich der Parasit wiederum das Überleben. Werden sie von Mücken gestochen, verbreitet er sich weiter. Die schätzt, dass in Teilen Westafrikas etwa die Hälfte aller Männer über 40 Jahre durch die Krankheit ihr Augenlicht verloren haben.

Auch die Elefantiasis (Lymphatic filariasis) wird durch Würmer verursacht, die von Mosquitos auf den Menschen übertragen werden. Die Krankheit schädigt das Lymphsystem, die Gliedmaßen schwellen extrem an, die Erkrankten leiden unter regelrechten Elefantenbeinen. Eine solche Deformation des Körpers führe nicht nur zu körperlichen Schmerzen, sondern auch zu sozialer Ausgrenzung und Armut, etwa durch den Verlust der Arbeit und zusätzliche Krankheitsausgaben, schreibt die Weltgesundheitsorganisation. Der WHO zufolge sind weltweit mehr als 120 Millionen Menschen an Elefantiasis erkrankt, etwa 40 Millionen davon körperlich entstellt.

Die Rettung kommt aus dem Boden

Im Kampf gegen diese Krankheiten setzte der japanische Mikrobiologe auf bestimmte Bodenbakterien, sogenannte Streptomyces, deren antibiotische Eigenschaften bereits bekannt waren. Er isolierte neue Streptomyces-Arten und kultivierte diese im Labor. Campbell untersuchte deren Wirksamkeit.

Besonders ein Wirkstoff, Avermectin, zeigte sich bei der Bekämpfung von Parasiten in Tieren als erfolgreich. Avermectin entwickelten die Forscher noch einmal weiter: Als Ivermectin zeigte es in Studien am Menschen seine Wirksamkeit, es tötete Parasitenlarven erfolgreich ab. Die Arbeiten von Omura und Campbell hätten zu Entdeckung von neuen Arzneimitteln geführt, die außergewöhnlich erfolgreich gegen durch Parasiten verursachte Krankheiten sind, loben die Nobelpreisjuroren.

Die Dritte im Bunde - Youyou Tu - half durch ihre Forschung, das heutige Standardmedikament gegen , Artemisinin, zu entwickeln. In den 1960er Jahren verbreitet sich die Krankheit wieder vermehrt, bis dahin angewandte Medikamente wie Chloroquine verloren an Wirksamkeit, da die Parasiten dagegen Resistenzen entwickelten.

Youyou Tu  und ihrem Team gelang es, den entscheidenden Wirkstoff  aus den Blättern und Blüten des Einjährigen Beifußes (Artemisia annua) zu extrahieren. Dafür zog die Forscherin ein 1700 Jahre altes Buch zu Rate, in dem sie die entscheidenden Hinweise fand. Die Chinesin sei die erste Forscherin gewesen, die gezeigt habe, dass diese später als Artemisinin bezeichnete Substanz wirksam gegen Malaria sei - und das bei infizierten Menschen und Tieren, schreibt das Nobelpreiskomitee

Wird die Waffe stumpf?

Youyou Tu beschritt daher tatsächlich ungewöhnliche Wege: Sie griff auf das jahrtausendalte Wissen der traditionellen chinesischen Medizin zurück und band dieses in ihre moderne Forschung mit ein. Den Nobelpreis gab es allerdings für das Resultat: eine neue Klasse an Anti-Malaria-Mitteln, die im Kampf gegen eine Krankheit helfen, mit der sich bis zu 200 Millionen Menschen jährlich infizieren.

Doch auch diese Waffe droht, stumpf zu werden: In einigen asiatischen Ländern - darunter Vietnam,Thailand oder Kambodscha - wurden bereits Resistenzen gegen Artemisinin beobachtet. Die WHO hat daher schon vor etlichen Jahren ein Programm gestartet, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken - etwa durch einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Medikament. "Die Ausbreitung oder das Auftauchen von Artemisinin-Resistenzen in anderen Teilen der Welt, könnte ein großes Sicherheitsproblem darstellen, da bis jetzt kein alternatives, ähnlich wirksames und verträgliches Malaria-Mittel erhältlich ist", schreibt die WHO.

"Ich nehme es bescheiden an"

Den Anruf aus Stockholm nahm Mikrobiologe Satoshi Omura relativ gelassen entgegen. "Ich nehme den Preis bescheiden an", sagte er. Viele Wissenschaftler hätten an dem Erfolg teilgehabt. Er habe gedacht: "Darf ich es wirklich sein!?", berichtet die DPA. "Denn vieles habe ich ja von den Mikroorganismen gelernt. Es wäre angemessen, wenn man ihnen den Preis verleihen könnte", sagte der 80-Jährige dem japanischen Fernsehsender NHK.

Das Nobelpreiskomitee ist weniger zurückhaltend. Was die Forscher weltweit mit ihren Entdeckungen bewirkt hätten und der daraus für die Menschheit resultierende Nutzen sei "unermesslich", sind die Juroren überzeugt.

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