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Parasit: Hier kommt die Laus

Wenn nur ihr Name fällt, fangen viele an, sich zu kratzen: Gerade im Herbst und Winter bevölkert die Kopflaus Schulen und Kindergärten. Sie scheint mehr und mehr zur Plage zu werden - und möglicherweise resistent gegen gängige Medikamente.

An den Kleiderhaken in Kindergärten und Schulen hängen die ersten dicken Jacken, darüber baumeln bunte Wollmützen. Die kühle Jahreszeit kommt - Hauptsaison für Kopfläuse. "Kalte Zeiten sind lausige Zeiten", sagt Uwe Sellenschloh vom Hamburger Hygieneinstitut. Die Krabbeltiere übertragen sich am liebsten von Kopf zu Kopf, aber auch gerne von Mütze zu Mütze, von Mütze zu Kopf. Und sie tauchen in den vergangenen Jahren wieder verstärkt auf. Das zeigen die Verkaufszahlen der Hersteller von Läusemitteln (Pedikulozide).

Auf zwei Millionen pro Jahr schätzt Andreas Rauschenbach, Biologe beim Pedikulozid-Hersteller Infectopharm, die Kopflausfälle in der Bundesrepublik. "Die Abverkäufe der letzten Jahre bestätigen die These", sagt Gisela Maag vom Institut für medizinische Statistik in Frankfurt. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn Läuse sind nicht meldepflichtig. Nur Gemeinschaftseinrichtungen wie Schulen und Kindergärten müssen den Befall anzeigen.

Auch in anderen europäischen Ländern treten die lästigen Tierchen vermehrt auf. In England beispielsweise stieg der Verbrauch von Anti-Laus-Mitteln allein in den Jahren 1980 bis 1995 auf das 37-Fache an. 2002 ergab eine Erhebung in Bristol, dass knapp 40 Prozent der Siebenjährigen schon einmal befallen waren.

Ist die Reisefreude schuld?

Warum sich die Läuse derart ausbreiten, ist umstritten. Sicher ist, dass die Parasiten gegen einige Wirkstoffe bereits Resistenzen gebildet haben. Das in den USA am häufigsten verwendete Permethrin schlägt dort oft nicht mehr an. In einer Studie der University of Massachusetts wurden befallene Schulkinder in Los Angeles untersucht: Bei der Hälfte von ihnen war Permethrin wirkungslos. In Deutschland nennt das Robert-Koch-Institut die Wirkstoffe Allethrin, Lindan, Permethrin und Pyrethrum als Therapiemöglichkeit. Aber auch hier scheinen erste Permethrin-Resistenzen aufzutreten. "Es gibt subjektive Hinweise, aber keine Feldstudien", sagt Jutta Klasen vom Berliner Umweltbundesamt, Abteilung Schädlingsbekämpfungsmittel, wo die Wirksamkeit von Kopflausmitteln geprüft wird.

Ein weiterer möglicher Grund für das vermehrte Auftreten der Läuse ist die Reisefreudigkeit der Menschen; darauf deutet zumindest der alljährliche sprunghafte Anstieg des Bedarfes an Läusemitteln nach den Sommerferien hin.

Viele Schulen melden Läuse nicht

Und glaubt man Herrn Rauschenbach, fördert auch die Gesundheitsreform die Plage. Seit einiger Zeit gibt es Pedikulozide nur noch für Kinder bis zwölf Jahren auf Kassenrezept, ältere Kinder und Erwachsene müssen das Präparat (10 bis 20 Euro für 100 ml) selber zahlen. Nun überlegen manche Eltern offenbar zweimal, ob sie zur wirksamen Chemie greifen oder die billigeren - aber nahezu wirkungslosen - Hausmittelchen wie Essigspülungen anwenden. Zudem wurde die so genannte aufsuchende Gesundheitsbetreuung mehr und mehr reduziert - weit seltener als früher kommen Mitarbeiter der Gesundheitsämter in Schulen und Kindergärten, um aufzuklären oder um Reihenuntersuchungen vorzunehmen.

Eine solche Untersuchung könnte ans Licht bringen, dass so manche Schulleitung ihrer Meldepflicht nicht nachkommt: "Problematisch ist, dass einige Einrichtungen ihr Läuseproblem dem Bezirksamt nicht melden", sagt Hygiene-Experte Sellenschloh, "da fing schon so mancher Schulleiter an zu stottern, wenn sich das Amt bei ihm gemeldet hat."

Denn nach wie vor gelten Läuse als Stigma, nach wie vor weist man den Befall peinlich berührt von sich. "Gerade die feine Gesellschaft spricht ungern über Läuse", hat die Kinderärztin Gunhild Kilian-Kornell, Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, beobachtet, "da ist so ein Gefühl: Igitt, wir sind unhygienisch." Aber: Ob jemand Kopfläuse hat oder nicht, ist keine Frage der Sauberkeit. Im Gegensatz zur Kleider- oder Filzlaus, die besonders gern in einer Umgebung mit zweifelhaften hygienischen Bedingungen Quartier beziehen, fühlt sich die Kopflaus in frisch gewaschenem Haar sehr wohl.

Dort lebt sie nahe der Kopfhaut, eng am Haarschaft, saugt Blut, spaziert auf ihren sechs Beinchen umher - und vermehrt sich. Bis zu zehn Eier täglich kann eine Laus legen, 100 bis 200 in ihrer Lebenszeit von etwa einem Monat. Damit das Blut bei ihren Mahlzeiten nicht gerinnt, sondert sie einen gerinnungshemmenden Speichel ab. Diese Läusespucke ist es, die den starken Juckreiz verursacht. Ohne Blut überlebt das Tierchen im Höchstfall drei Tage. Und wählerisch ist es trotzdem. Nur Menschenblut schmeckt ihm, nie würde es Blut von Katz oder Hund trinken. Eine Ansteckung über Haustiere ist also nicht möglich.

Die geliehene Mütze, der getauschte Fahrradhelm

Die Kopflaus, lateinisch Pediculus humanus capitis, kann weder fliegen noch springen, am häufigsten breitet sie sich deshalb unter kleineren Kindern aus, die beim Spielen die Köpfe zusammenstecken. Oder über ein Plüschtier, das von Kind zu Kind gereicht wird. Oder über eine gemeinschaftlich benutzte Bürste. Oder die geliehene Mütze, den getauschten Fahrradhelm. Lauter wunderbare Möglichkeiten also, die sich den Läusen gerade in Schulen und Kindergärten bieten.

Um die Verseuchung ganzer Häuser zu vermeiden, galt daher lange Zeit die sogenannte No-Nit-Policy: Solange ein Kind noch die millimeterkleinen Eier (Nissen, engl.: nits) im Haar hatte, musste es zu Hause bleiben - also bis zu zwei Wochen. Alles Quatsch, sagt seit kurzem das Robert-Koch-Institut. Und empfiehlt, die Kinder einmal mit einem wirksamen Präparat zu behandeln, sie dann wieder zur Schule zu schicken, die Nissen regelmäßig auszukämmen und nach acht bis zehn Tagen eine zweite Behandlung vorzunehmen. Dann sollten die geschlechtsreifen Läuse sowie die Larven in allen Entwicklungsstadien tot sein - der Spuk ist vorbei.

"Kämmt euch die Haare aus wie die Paviane"

Denn leere Nissen sind harmlos - und gut zu erkennen, erklärt Joachim Richter, Tropenmediziner an der Universität Düsseldorf: "Die Nissen sind weiß, wenn die Larve, die sich in der Nisse befand, bereits geschlüpft ist. Man kann also mit ein wenig Sachverstand sehr gut erkennen, welche Nissen nicht mehr infektiös sind."Die verlangte Nissenfreiheit sei demnach unsinnig und sogar kontraproduktiv: Sie führe dazu, dass Eltern wegen der Drastik der Maßnahmen die Infektion ihrer Kinder ganz verschwiegen - und damit der Verbreitung erst recht Vorschub leisteten, so Richter.

Melden, behandeln und auskämmen. Die Sache auch nicht dramatisieren - so rückt man den krabbelnden Saugern am effektivsten auf den Pelz. "Setzt euch vor den Fernseher, kämmt euch die Haare aus wie die Paviane und regt euch nicht auf!", lautet denn auch schlicht der Tipp von Kinderärztin Kilian-Kornell an Kinder, die Besuch von der Laus haben.

Verena Lugert / print
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