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Eine Sozialarbeiterin erzählt "Wir kümmern uns um die Seele": Wie gute Altenpflege gelingt

Altenpflege: Eine ältere Frau sieht sich alte Fotos an
Persönliche Gegenstände helfen, das Zimmer im Pflegeheim zu einem neuen Zuhause werden zu lassen
© vasiliki / Getty Images
Carola Pöppelmann arbeitet im Johanniter-Stift Münster. Hier berichtet sie, was ältere Menschen im Pflegeheim brauchen und wie im Alltag kleine Erinnerungstüren entstehen.

"Wenn mich jemand fragt, was meine Mitarbeiter und ich im Johanniter-Stift machen, sage ich gern: Wir sind für das Wohlfühlprogramm zuständig. Wir begleiten die Bewohner und ihre Angehörigen. Das fängt schon beim Umzug ins Pflegeheim an. Für einen alten Menschen ist jeder Umzug eine Krisensituation: Viele, die hier ankommen, sind erst einmal "entwurzelt" und müssen neuen Halt finden. Jahrzehntelang haben sie in ihrer Wohnung gelebt, auf einmal müssen sie ihr Zuhause verlassen. Plötzlich brauchen sie Pflege – und Menschen, die sie ganz nah an sich heranlassen müssen. Das hat viel mit Scham zu tun. Manche Menschen möchten diese Nähe anfangs nicht. Sie verweigern sich.

Carola Pöppelmann (Leitung Sozialer Dienst) vom Johanniter-Stift Münster
Carola Pöppelmann (Leitung Sozialer Dienst) vom Johanniter-Stift Münster

Unsere Aufgabe ist es, einem Menschen, der ins Pflegeheim kommt, zu zeigen, was er noch kann, und ihm zu sagen: Es ist schön, dass du da bist. Wir sind dafür da, das Vertrauen aufzubauen und die Ressourcen hervorzulocken. Das dauert natürlich eine Weile. Wir müssen immer wieder auf die Menschen zugehen, mit ihnen sprechen, über sich und ihre Familiengeschichte. Denn Biographiearbeit ist die Basis für ein gutes Miteinander. Gerade demenziell Erkrankten helfen Gegenstände und Rituale, sich an ihr früheres Leben zu erinnern, und Sicherheit und Geborgenheit zu fühlen. Deswegen schaffen wir immer wieder Angebote, die kleine Erinnerungstüren öffnen: Wir basteln mit den Bewohnern, lesen oder singen mit ihnen. Wir machen Gedächtnistraining und Gymnastik. Oder wir gehen gemeinsam im Garten spazieren und schauen uns die Pflanzen in den Hochbeeten an.

Als Leitung des Sozialdienstes möchte ich gern über alle Bewohner Bescheid wissen: Was sind ihre Lebensthemen? Was sind Schlüsselerlebnisse in ihrer Biografie? Das ist wichtig, damit wir den Menschen einschätzen können. Damit wir auf ihn und seine Bedürfnisse eingehen können. Deswegen bin ich auch bei der Aufnahme die erste Ansprechpartnerin für die Bewohner und ihre Angehörigen. Wir sehen es sehr gerne, wenn sie Möbel und andere persönliche Gegenstände mitbringen und das Zimmer damit gestalten. So hat der Bewohner die Chance, das Zimmer als sein neues Zuhause anzunehmen.

Wir schauen einfach mit einem anderen Blickwinkel auf die Menschen. Pflege ist sehr körperbezogen. Wir kümmern uns um die Seele. Die Bewohner können mit uns über alles sprechen. Wenn mir ein Bewohner sagt "Ich kann die Leberwurst morgens nicht mehr sehen", dann sage ich den Mitarbeitern vom Hauswirtschaftsdienst Bescheid. Überhaupt tauschen wir uns mit allen Arbeitsbereichen über die Bewohner aus, vor allem mit den Pflegekräften. Dabei entstehen oft neue Ideen, wie wir einem alten oder kranken Menschen wieder mehr Freude am Leben vermitteln können. Auch dafür machen wir Angebote wie das Basteln. Die Menschen erinnern sich an frühere Arbeiten, beginnen zu erzählen und verknüpfen positive Emotionen. Diese Emotionen fördern das Wohlbefinden. Damit sie sich zuhause fühlen. Deswegen ist es so wichtig, dass in Pflegeheimen Menschen arbeiten, die sich empathisch um die Seele der Bewohner kümmern – und die Zeit für diese Aufgabe haben."

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Über die Aktion:

Es geht um Ihre Kinder, Eltern und Großeltern, um unser aller Zukunft. Wir brauchen gute Pflege. Früher oder später. Deutschland altert schnell, und immer mehr Menschen sind im Alltag auf professionelle Pflege angewiesen. Doch in den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand. Überall fehlen Pflegekräfte, weil die Arbeitsbedingungen schwer zumutbar sind und das Gehalt zu niedrig. Wir alle sind davon akut bedroht: Pflegekräftemangel führt zu schwereren Krankheitsverläufen, mehr Komplikationen und Todesfällen. Unsere Politiker:innen finden seit zwei Jahrzehnten keine wirksame Gegenmaßnahme. Es braucht einen ganz großen Wurf, um den Pflegekollaps noch aufzuhalten. Unser Umgang mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie menschlich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert bleibt.

Hier können Sie die Pflege-Petition online mitzeichnen.

Aufgezeichnet von: Isabelle Buckow

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