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Prothetik: Die neue Empfindlichkeit

Eine Umleitung führt zum Ziel: Amerikanische Forscher haben die verbliebenen Nerven von zwei armamputierten Patienten so umgeleitet, dass diese die Empfindungen der verlorenen Hand mit der Brusthaut spürten.

Bislang konnten Prothesen die eigene Hand nur zum Teil ersetzen: Mechanische Hände können zwar greifen, ihre Nutzer erhalten aber nur wenig Rückmeldung darüber, wie stark ihre Kunsthand zupackt. Nun dirigierte das Team um Todd Kuiken vom Rehabilitations-Institut in Chicago bei zwei Patienten durchtrennte Nerven in eine etwa handgroße Hautregion oberhalb der Brust. Dort wurden Hand- und Hautnerven miteinander verbunden. Die beiden spürten Kontakte in dieser Hautregion so, als ob sie an der amputierten Hand berührt worden wären, heißt es in "PNAS" ("Proceedings of the National Academy of Sciences").

Die Probanden reagierten auf Berührung, Temperatur und Schmerz. Dabei empfanden sie etwa Hitze fast genauso stark wie andere Menschen. Das beweist, dass Nervenfasern sich erneuern können, schreiben die Forscher. Sie haben in langen Tests winzige Bereiche der Haut gereizt und damit eine Art Karte aufgenommen. Einzelne Punkte darauf lassen sich einzelnen Fingern zuordnen, andere Punkte vermitteln das Gefühl, dass die ganze Seite der nicht mehr vorhandenen Hand berührt wird.

Eine neue Prothesen-Generation?

Die neue Empfindlichkeit für die nicht mehr vorhandenen Gliedmaßen öffnet womöglich die Tür zu neuen Prothesen, schreiben Kuiken und seinen Kollegen. Sie hoffen, dass Amputierte eines Tages mit einer künstlichen Hand genauso fühlen können wie mit ihrer eigenen. Dazu könnten Sensoren in die Handprothese eingesetzt werden, die Berührungen und Wärme messen. Gleichzeitig könnte ein Befehl an die Brusthaut gesendet werden, die die Signale weitergibt, die den Empfindungen einer Hand entsprechen.

Die Gruppe weist darauf hin, dass die beiden Patienten unterschiedliche Gefühle hatten, die Operationen also von Mal zu Mal verschiedene Resultate hatten. Auch sei nicht klar, ob und wenn ja wie sich die Empfindungen mit der Zeit änderten. Ankündigungen über einen Beginn klinischer Untersuchungen machen die Forscher nicht. Ein Ethik-Komitee des Instituts hatte den Eingriffen zugestimmt.

Mitte November hatten Wiener Experten des deutschen Unternehmens Otto Bock eine voll funktionsfähige gedankengesteuerte Armprothese im Einsatz bei einem Menschen vorgestellt. Die in Zusammenarbeit mit US- Wissenschaftlern entwickelte Prothese ermöglicht es den Angaben zufolge, vielfältige Bewegungen auszuführen, die der Patient gedanklich über Sensoren steuert, die mit Muskeln und Nervenenden in seinem Körper verbunden sind.

Das neue Gerät wurde von einem 20- jährigen Österreicher (siehe Foto) demonstriert, der bei einem Unfall 2005 beide Arme verloren hatte. Auch in den USA gibt es bereits mindestens sechs Patienten mit einer ähnlichen Prothese. Allerdings ist sie nur für Patienten geeignet, deren Armamputation noch nicht allzu lange zurückliegt.

DPA

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