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Tatsache oder Trugschluss: Schützt Nervennahrung vor Stress?

Ein herzhafter Biss in den Keks, und schon ist die Welt wieder in Ordnung. Doch können uns Lebensmittel wirklich gegen Stress wappnen? Oder sind "Soulfood" und "Nervennahrung" ein Mythos?

Von Lydia Klöckner

Essen kann glücklich machen. Aber stärkt es auch die Psyche?

Essen kann glücklich machen. Aber stärkt es auch die Psyche?

Macht abends essen dick? Ist es schädlich, den Deckel des Joghurtbechers abzulecken? Gibt es süßes Blut? Der stern nimmt in loser Reihenfolge Alltagsmythen unter die Lupe. 

Gibt es Lebensmittel, die vor Stress schützen?

Die Auflösung

Die Zeit drängt, der Kollege hetzt und dann hängt sich auch noch der Rechner auf: Höchste Zeit für einen Schokoriegel! Glücklich stimmt der Biss in die süße Leckerei zweifellos. Warum, ist sogar erforscht: Fettiges oder Zuckerhaltiges - oder am besten eine Kombination aus beidem - versetzt unser Belohnungssystem in Aktion: Ähnlich wie im Rausch wird der Botenstoff Dopamin im Gehirn freigesetzt, und sogenannte Endorphine, körpereigene Opiate, strömen durch den Körper. So heben Schokolade, Gummibärchen oder Chips augenblicklich unsere Stimmung - egal wie groß der Stress kurz zuvor noch war.

Kein Wunder also, dass in Büros oft ganze Körbe voller "Nervennahrung" für die gestresste Belegschaft bereitstehen - und dass viele Berufstätige dank Frustessen mit der Zeit immer mehr Kummerspeck ansetzen. Lifestyle-Zeitschriften und Gesundheits-Ratgeber empfehlen, lieber auf gesundes "Soulfood" umzusteigen, das angeblich "starke Nerven" zaubert, ohne die Speckpolster wachsen zu lassen: zum Beispiel Nüsse, Fisch, Beeren und bestimmte Ölsorten. Aber klappt das wirklich? Können bestimmte Lebensmittel langfristig vor Stress schützen oder ihn sogar reduzieren?

"Starke Nerven" haben wir sowieso

Zum Glück ist es meist gar nicht notwendig, die Nerven "zu stärken". Es ist zwar richtig, dass sie bestimmte Nährstoffe brauchen. Dazu gehören Lecithin, das etwa in Walnüssen, Pistazien, Haselnüssen, Sojaprodukten und Eiern enthalten ist, sowie die Vitamine B1, B2, B3, B6, B12. "Wenn man sich abwechslungsreich und ausgewogen ernährt, ist ein Mangel an diesen Stoffen aber unwahrscheinlich", sagt die Leipziger Ernährungsberaterin Jana Hösel. Außerdem sind "starke Nerven" kein Indikator für psychische Gesundheit. Und gut versorgte Neuronen bewahren den Körper auch nicht vor Stress.

Ob Ernährung Stress steigern oder senken kann, ist schwierig zu untersuchen. Dazu müsste dieser zunächst quantifizierbar sein. "Man kann das Stresslevel eines Menschen aber kaum objektiv erfassen", erklärt die Psychologin Elizabeth Kohls, die an der Universität Leipzig den Zusammenhang zwischen Ernährung und Depression erforscht. Kurzfristig ist das zwar möglich: Der Speichel gestresster Menschen enthält zum Beispiel größere Mengen des Hormons Cortisol. Und auch ein erhöhter Adrenalin-Spiegel kann auf Stress hindeuten. "Unser Ernährungsverhalten wirkt aber nicht akut, sondern langfristig", wendet Kohls ein.

Hinzu kommt, dass die Menge bestimmter Hormone nicht unbedingt das tatsächliche Befinden eines Menschen anzeigt. "Es gibt auch Menschen, die zu wenig Cortisol im Blut haben, was sich zum Beispiel in chronischer Müdigkeit oder Schmerzzuständen widerspiegeln kann", sagt Harald Murck von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Marburg. Stresshormone grundsätzlich als schädlich zu betrachten sei falsch: In Krisensituationen werde mit Cortisol das sogenannte "fight or flight"-Verhalten unterstützt. Unser Körper wappnet sich für Gefahren und Herausforderungen, indem er seine Kraftreserven verfügbar macht. "Ohne das Hormon würden wir nicht überleben", resümiert Murck.

Starke Seele dank mediterraner Kost?

Der Gesundheit schadet Stress, wenn er chronisch wird. Dauerhaft überlastete Menschen sind anfälliger für Infekte und leiden nicht selten unter Bluthochdruck, Diabetes und Kopfschmerzen. Auch Depressionen sind laut Murck etwa zu einem Drittel mit einem erhöhten Cortisolspiegel verbunden. Einen guten Schutz vor diesen Folgeerkrankungen bieten etwa regelmäßige Entspannungsphasen und Bewegung.

Ob auch bestimmte Nahrungsmittel einen präventiven Effekt haben, ist dagegen nicht erwiesen. Manche Untersuchungen legen zwar nahe, dass Magnesium zu einer Linderung von Depressionssymptomen beitragen kann. In einer Untersuchung mit mehr als 10.000 Probanden fanden spanische Forscher zudem heraus, dass eine mediterrane Kost mit Omega-3-Fettsäuren das Depressionsrisiko senken kann. Diese Fette sind etwa in Fisch oder Leinsamen enthalten. Die Aussagekraft der besagten Studien ist allerdings begrenzt: Erstens lassen sie andere mögliche Einflussfaktoren als die Ernährung außer Acht. Zweitens fußen sie auf Daten aus Befragungen, die die subjektive Wahrnehmung der Probanden widerspiegeln - und die entspricht nicht immer der Realität.

"Grundsätzlich kann man sagen, dass eine Ernährung, die mit Herz-Kreislauf-Risiken verbunden ist, auch der Psyche schaden", sagt Murck. Umgekehrt kann eine gesunde Kost, die den Körper fit hält, also womöglich auch die Seele vor den schädlichen Folgen psychischer Belastungen schützen. "Um direkte Hinweise zu erheben, müsste man langfristige kontrollierte klinische Untersuchungen durchführen", so der Psychiater. Als wirksame Alternative zur Psychotherapie und zu Antidepressiva seien Nahrungsergänzungsmittel oder eine Ernährungsumstellung jedenfalls nicht geeignet. Eine professionelle Behandlung ist in einem solchen Fall immer notwendig.

Psychologen sind noch nicht einmal sicher, ob sich die emotionale Stabilität und Stressresistenz eines Menschen überhaupt steigern oder senken lässt. Die seelische Widerstandskraft gegen belastende Einflüsse - Fachleute sprechen von "Resilienz" - verdankt der Mensch zum Teil seinen Genen. Zu einem gewissen Grad scheint sie auch erlernbar zu sein. Ob sie mit der Ernährung in Zusammenhang steht, ist aber bislang kaum erforscht, geschweige denn belegt.

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