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Corona in Mexiko Lügen kosten Menschenleben – wie die mexikanische Regierung die Infektionszahlen verdreht

Anfang Dezember sind die Einkaufsstraßen in Mexiko-Stadt gut besucht, während die Coronazahlen bereits in die Höhe schießen.
Anfang Dezember sind die Einkaufsstraßen in Mexiko-Stadt gut besucht, während die Coronazahlen bereits in die Höhe schießen.
© Hector Vivas / Getty Images
Belebte Einkaufsstraßen, volle Restaurants und steigende Infektionszahlen: Während sich die Krankenhäuser in Mexiko-Stadt Anfang Dezember bereits zu füllen begannen, hielt die Regierung die Hauptstadt weiter offen. Dabei verfügte sie über Daten, die zu einem sofortigen Lockdown hätten führen sollen. 

Am 18. Dezember verhängte die mexikanische Regierung einen Lockdown über Mexiko-Stadt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Krankenhäuser der Hauptstadt bereits überfüllt, jeden Tag kamen neue Patienten hinzu. Verzweifelte Ärzte flehten die Mexikaner in den sozialen Medien an zu Hause zu bleiben, und warnten, dass ihnen die Medikamente ausgehen würden und keine Betten mehr vorhanden seien. 

Um zu verstehen, wie es soweit kommen konnte, muss man zwei Wochen zurückgehen.

Zahlen steigen und die Regierung schweigt

Nachdem Mexiko – wie viele andere Länder – im Sommer eine kleine Verschnaufpause von der Pandemie erlebte und die Zahl der Neuinfektionen leicht zurückging, verbreitete sich das Virus im Herbst umso schneller. Die Krankenhauseinweisungen und Intensivpatienten nahmen zu, die Beatmungsgeräte gingen zur Neige.

Doch trotz des Anstiegs versicherten am 4. Dezember Regierungsbeamte der Öffentlichkeit, dass sich Mexiko-Stadt derzeit auf keinem kritischen Ansteckungsniveau befinden würde. Ein Lockdown sei daher noch nicht erforderlich. So hielt die Regierung die Hauptstadt zwei weitere Wochen lang offen und nahm belebte Einkaufsstraßen, volle Restaurants und stark ansteigende Infektionszahlen in Kauf.

Dabei hatte Mexikos Hauptstadt die kritische Schwelle längst überschritten, wie eine Analyse der "New York Times" ergab.

Vermeintlich transparentes System hinters Licht geführt

Seit dem 1. Juni 2020 gilt in Mexiko ein vierstufiges Ampelsystem, nach dem die Lockerungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens definiert werden. Auf Grundlage der Anzahl von Neuinfektionen, Krankenhauseinweisungen und Todesfällen wird entschieden, wann härtere Maßnahmen erforderlich sind. 

Die Regierung stellte das System im Sommer als "transparentes und objektives Maß für die Ausbreitung des Virus" vor. Worte, die dieser Tage umso zynischer klingen. Denn bei der Berechnung für Mexiko-Stadt Anfang Dezember verwendete die Regierung in zwei kritischen Bereichen niedrigere Zahlen: bei dem Prozentsatz der belegten Krankenhausbetten mit Beatmungsgeräten sowie bei den nachgewiesenen positiven Testergebnissen.

Trotz mehrfacher Aufforderungen der "NY Times" zur Stellungnahme, weigerten sich die Regierungsbeamte zu erklären, woher die niedrigeren Zahlen stammten. Sie verwiesen lediglich auf die jüngsten Kommentare der Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum, die sagte, ihre Regierung habe einen Lockdown bisher vermieden, da "diese Jahreszeit für die finanzielle Lage vieler Familien existentiell ist".

Im Gegensatz zu vielen anderen Staatsoberhäuptern hat der mexikanische Präsident bislang weder ein Konjunkturprogramm zur Unterstützung der Wirtschaft, noch Nothilfen für Unternehmen und Arbeitslose auf den Weg gebracht. Ohne ein solches Sicherheitsnetz wird der Lockdown von Mexiko-Stadt mitten in der Weihnachtsgeschäftssaison die eh schon gebeutelte Wirtschaft erheblich belasten.

Todesfälle unter Patienten und Personal nehmen zu

Die Tatsache, dass sich die Einwohner der Hauptstadt zwei Wochen lang in Läden drängeln, drinnen speisen und in ihren Büros arbeiten konnten, während die Corona-Zahlen bereits in die Höhe schossen, treibt das bereits angespannte öffentliche Gesundheitssystem an den äußersten Rand seiner Belastungsgrenze. Laut offiziellen Angaben waren am Sonntag mehr als 85 Prozent der Krankenhausbetten in der Hauptstadt belegt. Im Vergleich dazu lag die Zahl Anfang des Monats noch bei 66 Prozent.

Infolgedessen sterben immer mehr Mexikaner ohne Behandlung in ihren eigenen vier Wänden, da sie von den öffentlichen Krankenhäusern abgewiesen werden und sich keine teuren Privatkliniken leisten können. Angehörige von Patienten stehen oft stundenlang vor medizinischen Geschäften an, um Sauerstoff für die Kranken zu kaufen.

Und auch das Personal in den Krankenhäusern stirbt. Laut einem aktuellen Bericht von "Amnesty International" sind in Mexiko mehr Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger an dem Coronavirus gestorben als in jedem anderen Land auf der Welt.

Weitere Quellen: "New York Times", "Mexico News Daily"


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