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"Kosten auf Patienten verlagert"

Der Bundestag hat jetzt entschieden, dass in den kommenden Monaten ein weiteres Triptan rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sein soll. Das Migräne-Medikament Naratriptan ist bereits seit Sommer 2006 frei verkäuflich. Experten bewerten dies mit Skepsis - sie warnen vor den Gefahren der Selbstmedikation. Fest steht: Für Migränepatienten wird es teurer.

Von Christine Kirchhoff

Migräne-Patienten bekommen bald auch Almotriptan rezeptfrei in der Apotheke: Bezahlen müssen sie dafür selbst

Migräne-Patienten bekommen bald auch Almotriptan rezeptfrei in der Apotheke: Bezahlen müssen sie dafür selbst

Seit drei Jahren haben Migränepatienten in der Apotheke nicht nur die Auswahl zwischen gewöhnlichen Schmerzmitteln wie Paracetamol, Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure - auch das Migränemittel Naratriptan ist seit Sommer 2006 nicht mehr verschreibungspflichtig. Die Freigabe des Triptans war höchst umstritten, Mediziner warnten vor falschen Selbstdiagnosen. Der Gesetzgeber ist anderer Meinung: Migräne-Patienten seien in der Regel sehr gut in der Lage, ihre Migräne zu diagnostizieren, hieß es damals aus dem Gesundheits- und Verbraucherministerium.

Die Wirklichkeit jedoch sieht anders aus: "Nur jeder Dritte kann abschätzen, ob es sich bei seinen Kopfschmerzen tatsächlich um eine Migräne handelt", sagt der Chefarzt der Schmerzklinik in Kiel, Hartmut Göbel. Von den Apothekern könne man nicht erwarten, dass sie neben dem Tagesgeschäft auch noch eine ärztliche Untersuchung vornehmen. "Das ist nicht ihre Aufgabe", sagt der Experte, der den stern.de Ratgeber "Kopfschmerz" betreut. "Mit dem Entschluss von 2006 wurde den Apothekern die Aufgabe übertragen, Diagnosen zu stellen", kritisiert auch Stefan Evers, Vizepräsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG). Naratriptan aus der Rezeptpflicht zu entlassen, wäre seiner Meinung nach nicht notwendig gewesen - dadurch habe einfach eine Verlagerung der Kosten stattgefunden. Patienten müssten seitdem tiefer in die Tasche greifen, Krankenkassen dagegen zahlten weniger, da sich die Patienten ihre Mittel selbst in der Apotheke kaufen. "Und das, obwohl die Betroffenen eine körperliche Krankheit haben, die ernstgenommen werden muss ", so der Experte.

Naratriptan verengt Blutgefäße des Gehirns

Daher sei es wichtig, dass Mediziner die Patienten umfassend beraten, denn ein Zuckerbonbon ist Naratriptan keinesfalls. "Triptane sollten nicht länger als drei Tage beziehungsweise öfter als zehn Tage pro Monat eingenommen werden, da ansonsten das Risiko eines medikamentenbedingten Kopfschmerzes steigt", warnt Evers. Auch über die Nebenwirkungen sollten die Patienten von einem Arzt aufgeklärt werden: Typisch für diese Migränemittel sind beispielsweise Wiederkehrkopfschmerzen, sodass eine zweite oder dritte Tablette eingenommen werden muss. Hinzu kommt: Genau wie die anderen rezeptpflichtigen Triptane verengt Naratriptan die Blutgefäße des Gehirns und der Hirnhaut und ist deswegen nicht für Migräne-Patienten mit Gefäßerkrankungen wie beispielsweise Bluthochdruck oder Schlaganfall geeignet. Auch dies muss eigentlich vom Apotheker überprüft werden, bevor er Naratriptan abgibt. "Einen Fragebogen beim Apotheker auszufüllen, hilft bei der Diagnose jedoch bestimmt nicht weiter", sagt Andreas Waltering vom Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Sinnvoll ist auch zu wissen, dass Naratriptan nicht bei allen Patienten gleich gut wirkt. "Bei nur etwa 60 bis 80 Prozent der Betroffenen tritt eine lindernde Wirkung ein", sagt Göbel.

Pharmafirmen dürfen werben

Für Patienten, deren Kopfschmerzen durch einen Arzt bereits als Migräneattacke identifiziert wurden, bewertet Göbel die Rezeptfreiheit des Triptans allerdings als positiv. "Im Gegensatz zu vielen Schmerzmittel-Kombinationspräparaten steht Naratriptan nicht im Verdacht, Magen, Leber oder Nieren zu schädigen", sagt der Mediziner. Der medizinische Nutzen der Medikamente ist unumstritten. Betroffenen werde das Leben erleichtert, der Weg zum Arzt wegen eines neuen Rezeptes bleibe ihnen bei bekannter Diagnose erspart - ein entscheidender Vorteil für bereits diagnostizierte Migräne-Patienten.

Auf Grundlage dessen hat der Bundesrat in diesen Tagen entschieden: Ab August wird es ein weiteres Triptan rezeptfrei in der Apotheke geben, das Almotriptan. Geprüft wird laut Informationen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) außerdem, ob auch Sumatriptan bald folgen soll.

Eine rechtliche Konsequenz des aktuellen Entschlusses: Pharmaunternehmen dürfen für ihre nun rezeptfreien Produkt direkt werben, beispielsweise in TV und Zeitschriften. Für rezeptpflichtige Medikamente ist das verboten. Kritiker beunruhigen die neuen Werbemöglichkeiten. Ihre Befürchtung: Auch Patienten mit einem der zahlreichen anderen Kopfschmerzformen verordneten sich als Folge der Werbung das Migränemittel eigenständig und ohne ärztlichen Rat. "Aufgrund einer selbst diagnostizierten vermeintlichen Migräne nehmen Betroffene dann unter Umständen ein Medikament mit potentiellem Schaden ein", so Waltering.

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