HOME

Stern Logo Ratgeber Schlaf

Interview

Psychologe verrät: Was unsere Träume bedeuten - und wie wir sie steuern können

Der britische Psychologe Richard Wisemann glaubt, dass wir alle viel zu wenig schlafen. Und hat deshalb einfache Techniken entwickelt, um sich die Ruhe zu holen, die wir alle brauchen. Dabei hat er sogar einen Weg gefunden, unsere Träume zu steuern.

Eine junge Frau schläft in einem Bett

"Die ersten Träume der Nacht, an die man sich kaum erinnert, sind sehr negativ, oft sogar echt erschreckend"

Getty Images

Der folgende Text stammt aus der aktuellen Ausgabe des Magazins "Cord", das im Handel erhältlich ist.

Um uns herum sind viele dauernd müde. Was ist los mit unserer Gesellschaft?

In und Großbritannien leidet fast ein Drittel der Menschen unter einem Schlafdefizit. Die Mehrheit der amerikanischen und britischen Kinder geht morgens erschöpft zur Schule. Ich nehme an, in Deutschland sieht es ähnlich aus. In den letzten Jahren ist der Eindruck entstanden, das Leben im Wachzustand sei der wichtigste Teil des 24-Stunden- Zyklus, weil wir nur dann richtig funktionierten. Die Kombination aus erhöhtem Arbeitsdruck, einer Rund-um-die-Uhr- Medienpräsenz sowie dem unbegrenzten Zugang zum Internet hat zu einer Welt geführt, die niemals mehr schläft. Wir haben die Nacht aufs Äußerste verkürzt. Jetzt erkennen wir allmählich, dass man so nicht leben kann.

Viele kokettieren trotzdem damit, dass sie mit wenig Schlag auskommen ...

Eine moderne, aber fatale Illusion. Kriegen wir zu wenig , sind wir leichter gestresst und neigen zu Ängsten. Wir können schlecht einschlafen oder wachen häufig nachts auf. Und schleppen uns danach todmüde durch den Tag. Schlaf hat enormen Einfluss auf unser Denken, unsere Gefühle, unser ganzes Verhalten. Während wir schlafen, verarbeitet unser Hirn das Tagesgeschehen, versucht Probleme zu lösen. Schon ein paar Tage mit nur sieben Stunden Schlaf oder noch weniger lassen es nur noch in Zeitlupe arbeiten. Unser Geist wird träge. Und diese Trägheit erschwert unsere Selbstkontrolle, weil die viel Energie erfordert. Wir brauchen sie aber, um uns aufzuraffen, um Dinge zu tun, die uns schwerfallen oder die wir eigentlich gar nicht machen wollen. Morgens vor der Arbeit ins Fitnessstudio zu gehen, schwierige Aufgaben anzupacken, das Rauchen aufzugeben. Eine Studie zeigte, dass der Erfolg, gute Vorsätze für das neue Jahr in die Tat umzusetzen, auch von der Schlafqualität abhängt. Eine andere Untersuchung brachte ans Licht, dass schon ein kleines Schlafdefizit auf Dauer bei Jugendlichen rund zwei Entwicklungsjahre kostet – dadurch haben wir dann schläfrige Sechstklässler, die sich wie Viertklässler benehmen.

Wie konnten wir zu einer schlaflosen Gesellschaft werden?

Wir haben eine Welt erschaffen, in der wir ständig Reizen ausgesetzt sind. Wir unterliegen einer fast konstanten Berieselung mit künstlichem Licht, auch aus Laptops, Smartphones, Tablets. Diese Geräte funktionieren mit sogenanntem Blaulicht, das störend auf die Produktion von Melatonin wirkt, dem Schlafhormon. Man sollte daher ein, zwei Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr mit solchen Geräten arbeiten. Außerdem ignorieren wir heute völlig, was wir von Natur aus brauchen. Machen wir eine Pause, gehen zelten, weit weg von künstlichem Licht, dann merken wir, wie viel Schlaf wir wirklich brauchen. Und wie gut es tut, den zu kriegen. Der Geist verändert sich, man fühlt sich viel fitter. Wir leben heute so fortschrittlich, aber unsere Vorfahren fühlten sich wahrscheinlich viel energiegeladener und viel wacher als wir.

Die Gesellschaft ändert sich. Unser Schlafbedürfnis aber nicht?

Wir brauchen nach wie vor acht Stunden Schlaf. Weniger ist nicht gut, viel mehr aber auch nicht. Acht Stunden machen produktiver, gesünder, schlanker. Es hat ja einen Grund, dass Säugetiere so viel schlafen. Die sind nicht faul, sondern wollen einfach überleben. Tatsächlich scheinen sich Schlafgewohnheiten in Gesellschaften durchaus auch mal zu ändern: Vorindustrielle Aufzeichnungen zeigen, dass die Menschen damals nicht acht Stunden am Stück schliefen, sondern vier Stunden ruhten, dann für rund eine Stunde aufstanden, um sich danach wieder für weitere vier Stunden hinzulegen. In der einen wachen Stunde lasen und plauderten sie oder hatten Sex. Einige Forscher vermuten, dass dieser "Teilzeitschlaf" einen natürlichen Rhythmus imitiert und gut für den Geist ist, weil in der wach verbrachten Zeit Wohlfühlhormone produziert werden.

Schlafen wird oft mit Faulheit assoziiert ...

Dabei arbeitet man auch im Schlaf in gewisser Weise. Man befindet sich nur in einem anderen Bewusstseinszustand. Wir schlafen nämlich in sich immer wiederholenden Zyklen von 90 Minuten. Jeder davon beginnt mit leichtem Schlaf. Wir schalten dabei runter, entspannen, und unser Gehirn sortiert ein bisschen: Es wirft unwichtigen Ballast raus, brennt Erinnerungen und wichtige Fakten ins Gedächtnis ein. Dann kommt der Tiefschlaf, in dem wir körperlich regenerieren. In der REM-Phase wiederum träumen wir. Der erste Traum der Nacht dauert nur etwa fünf Minuten. Und mit jedem Zyklus werden die Träume immer länger, während die Tiefschlafphasen sich verkürzen.

Der Körper hat also auch in der Nacht einen Arbeitsrhythmus?

Ja, und der Zyklus hat eine große Bedeutung für unser Wohl: Wir fühlen uns nämlich nur gut, wenn wir etwa an seinem Ende aufwachen, weil ein Zyklus damit abgeschlossen und wir nah am Wachzustand angelangt sind. Um diesen Zeitpunkt abzupassen, sollte man sich am Abend schon überlegen, wann man aufstehen muss, und in 90-Minuten- Blöcken zurückrechnen. Dann hat man die Zeit, zu der man etwa einschlafen sollte. Wer etwa um acht Uhr aufstehen will, sollte entweder um 23 Uhr oder aber um halb eins in Schlummer fallen.

Wozu brauchen wir die Träume?

Der Text stammt aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Cord"

Der Text stammt aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Cord". Mehr Informationen unter www.cord-magazin.de

Die ersten Träume der Nacht, an die man sich kaum erinnert, sind sehr negativ, oft sogar echt erschreckend, während die Träume kurz vor dem Erwachen viel netter sind. Der Grund dafür scheint darin zu liegen, dass wir uns während der Traumphasen durch alle möglichen Ängste und Sorgen arbeiten; unser Hirn versucht, ihnen die scharfen Ecken und Kanten zu nehmen und nach Lösungen für unsere Probleme zu suchen, damit wir beim Aufwachen bereit sind, die Dinge anzupacken. Deshalb allerdings sind die meisten Träume auch ziemlich langweilig – sie handeln vom Alltag. Wenn wir Leute im Schlaflabor aus einem Traum aufwecken und sie fragen, was sie gerade geträumt haben, ist die Antwort wahrscheinlich etwas wie "Ich habe im Büro gerade Rechnungen sortiert". Wie gesagt, interessant ist das nicht. Wenn wir uns an Träume erinnern, sind es meistens die völlig bizarren, verrückten. Auf der sicheren und gesünderen Seite ist man, wenn man direkt in der Traumphase oder eben kurz danach erwacht. Ganz schlecht ist es dagegen, aus der Tiefschlafphase zu kommen. Das ruiniert einem den ganzen Tag. Der letzte Traum der Nacht bestimmt unsere Stimmung am Morgen. Selbst wenn wir uns nicht daran erinnern, um was es ging.

Steuern Träume unsere Tagesstimmung?

Bei unseren Studien haben wir auch herausgefunden, dass es eine klare Verbindung zwischen Träumen und Depressionen gibt. Depressive Menschen träumen fünfmal mehr als andere Menschen, und in ihren Träumen arbeiten sie zwar auch ihre Probleme auf, aber die Ergebnisse sind viel negativer und pessimistischer.
Und weil sie so viel Zeit in der REM-Traumphase verbringen und dadurch weniger Tiefschlaf bekommen, regenerieren sie körperlich schlechter und wachen wie gerädert auf. Eines der besten und schnellsten Gegenmittel bei Depression wäre, die Träume der Betroffenen zu verkürzen. In dem Moment, in dem man auf dem Monitor sieht, dass sie in die REM-Phase gleiten, sollte man sie aufwecken. Depressive Stimmungen verschwinden so oft in wenigen Tagen. Aber klar, das geht nur im Schlaflabor.

Werden wir uns irgendwann Träume aussuchen können?

Ein bisschen kann man das schon heute beeinflussen. Vor ein paar Jahren haben wir eine App namens "Dream:ON" angeboten. Die Idee dahinter war einfach: Vor dem Zubettgehen öffnete man die App, bestimmte die Zeit, zu der man aufwachen wollte, und überlegte: "Ok, heute möchte ich vor dem Aufwachen gern träumen, dass ich an einem schönen Strand spazieren gehe, dass ich mit dem Rad durch eine aufregende Stadt fahre oder was auch immer. Eine halbe Stunde, bevor man aufwachte, begann die App dann ganz leise, die Hintergrundgeräusche zu spielen, die genau zur Wunschszenerie passten: Wellen, die an den Strand schlagen, zum Beispiel. Wir haben die Leute gebeten, hinterher eine Art Traumbericht an uns zu schicken. Daher wussten wir: Es funktionierte tatsächlich, den Inhalt der Träume zu steuern. Die Schläfer, die die App nutzten, hatten messbar süßere Träume.

Können wir wieder ein gesünderes Verhältnis zum Schlaf entwickeln?

Einige Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern schon die Möglichkeit von Nickerchen am Arbeitsplatz. Google zum Beispiel installierte dafür Schlafkapseln mit extrabequemen Liegestühlen, die von rundlichen Hauben abgeschirmt werden. Es ist dabei völlig egal, ob man nur ein paar Minuten oder aber 20 bis 30 Minuten wegnickt. Nur auf eines sollte man achten: Sobald man zu dösen beginnt, startet der Schlafzyklus. Wer also länger als über die Leichtschlafphase hinaus schlafen will, sollte die 90 Minuten vollmachen. Denn wer womöglich nur eine Stunde schläft, war schon im Tiefschlaf und fühlt sich hinterher grauenvoll. Bei 20 Minuten erwischt man die Leichtschlafphase, das ist okay. Forscher fanden heraus, dass auch ein Mininickerchen von sechs Minuten reicht, fokussierter wieder ans Werk zu gehen.

Was. wenn ich nach der Sechs-Minuten-Siesta durchhänge?

Wer direkt nach einem Nickerchen voll da sein muss, sollte vor dem Einschlafen einen großen Kaffee trinken. Das Koffein fängt 25 Minuten später an zu wirken.

Was hilft denn beim täglichen Einschlafen?
Das Hirn müde zu machen ist ein guter Anfang: in Dreierschritten von 100 an rückwärts zählen zum Beispiel. Oder wenn man es nicht so mit Zahlen hat: Man wählt eine Kategorie wie Länder, Früchte oder Gemüse, und dann versucht man zu jedem Buchstaben im Alphabet einen Vertreter aus der Kategorie zu finden. A für Albanien, B für Bulgarien. Oder eben A für Apfel, B für Banane und so weiter. Echte Schlaftalente erzählen uns im Schlaflabor, dass sie sich vor dem Einschlafen gern ein besonderes Szenario ausmalen, eine richtig schöne Fantasiewelt. Was auch funktioniert: sich selbst zu zwingen, wach bleiben zu wollen, unbedingt die Augen geöffnet zu halten. Dabei döst man sehr schnell weg.


Interview: Silke Pfersdorf