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Seitensprung: Lebenslanges Trauma

Wut, Schmerz, Schuld, zerstörtes Vertrauen - wer von seinem Partner betrogen wurde, leidet wie ein Tier. Welch unvorstellbares Leid ein Seitensprung auslöst, zeigt eine Studie der Uni Göttingen. Dabei ist Vorbeugen so einfach.

Von Angelika Unger

Als Rob erfährt, dass seine Freundin Laura ihn mit dem Nachbarn betrogen hat, trifft ihn das wie ein Schlag: "Ich zittere, als ich in die Wohnung komme, und fühle mich krank." Vor seinem inneren Auge rasen die Bilder vorbei: "Hat sie sich nachts die Treppe hochgeschlichen, wenn ich weg war? Wissen John und Melanie, die beiden aus dem Erdgeschoss, etwas darüber?" Nachts träumt er von Laura und seinem Rivalen beim Sex.

Rob ist der Protagonist in Nick Hornbys Roman "High Fidelity". Doch auch wenn seine Erlebnisse fiktiv sind: Was er durchmacht, kennen viele Menschen aus eigener, leidvoller Erfahrung.

Ein quälender Film im Kopf - immer und immer wieder

Wie tief und wie hartnäckig der seelische Schmerz ist, wenn der Partner einen Seitensprung begeht, offenbart nun eine Studie der Universität Göttingen. 3334 betrogene Männer und Frauen beantworteten auf der Website www.theratalk.de einen umfangreichen Fragenkatalog des Psychologen Ragnar Beer.

Das Ergebnis: Tatsächlich leiden Menschen, die von ihrem Partner betrogen wurden, unter ähnlichen Symptomen wie bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die etwa durch Misshandlung oder grauenvolle Kriegserlebnisse ausgelöst werden kann.

So haben vier von fünf befragten Frauen noch nach sechs Monaten so genannte intrusive Gedanken: Wieder und immer wieder sehen sie die quälenden Einzelheiten vor ihrem inneren Auge - wie ihr Mann eine andere küsst, sie berührt, verführt. Bei Männern sehen die Zahlen ganz ähnlich aus. "Diese Gedanken stellen eine ganz schlimme Belastung dar", sagt Ragnar Beer. "Ähnlich wie Vergewaltigungsopfer oder Unfallzeugen durchleben die Betrogenen die Situation immer wieder." Manche leiden sogar ihr Leben lang, können sich nie wieder richtig verlieben.

Was kann ich dem anderen nun überhaupt noch glauben?

Dass Beziehungsprobleme in der Gesellschaft so wenig ernst genommen werden, ärgert den Psychologen: "Unsere Studie zeigt, wie groß das Leid ist, das durch Seitensprünge ausgelöst wird. Es wird so viel berichtet über Seitensprung-Agenturen, aber niemand spricht darüber, was für ein Schaden durch einen Seitensprung für eine Beziehung entsteht."

Denn das Vertrauen, das die Basis jeder Partnerschaft ist, ist zerstört: Der Mensch, den man so gut zu kennen glaubte wie sich selbst, hat gelogen, hat gar ein geheimes Doppelleben geführt, vielleicht sogar über Wochen und Monate hinweg. Was kann ich dem anderen nun überhaupt noch glauben - eine Frage, mit der sich viele Betrogene quälen, wenn sie die Wahrheit über den Seitensprung des Partners erfahren.

Sie durchwühlen Sakkotaschen und lesen heimlich SMS

Weil sie den Worten des Betrügers keinen Glauben mehr schenken können, suchen die Betrogenen nach handfesten Beweisen: 54 Prozent der Männer und sogar 58 Prozent der Frauen, so die Göttinger Studie, durchwühlen Handtasche oder Sakkotaschen, lesen heimlich E-Mails und SMS und überprüfen die Anruflisten auf dem Handy des Partners.

Der Versuch, es dem Untreuen durch einen eigenen Vertrauensbruch heimzuzahlen? Nein, sagt Ragnar Beer. Vielmehr sei dieses Verhalten eine ganz normale Reaktion. "Diese Menschen wissen: Mein Partner hat mich angelogen. Dadurch verlieren seine Worte an Bedeutung. Nur wenn sich die Betrogenen auf andere Weise versichern können, dass ihr Partner jetzt die Wahrheit sagt, kann überhaupt wieder neues Vertrauen wachsen."

Ein großer Berg Schuldgefühle - auf beiden Seiten

Doch nicht nur das gestörte Vertrauen belastet nach einem Seitensprung die Beziehung. Die Partner müssen außerdem lernen, mit ihren Schuldgefühlen fertig zu werden. Paradoxerweise gilt das nicht nur für die Untreuen, sondern auch für die "Opfer" des Seitensprungs: Der Göttinger Studie zufolge fühlen sich 38 Prozent der Frauen und sogar jeder zweite Mann mitschuldig dafür, dass der Partner sie betrogen hat.

Ahnen sie vielleicht, dass der andere unzufrieden war in der Beziehung, auf der Suche nach Erfüllung außerhalb des ehelichen Doppelbettes? Viele Männer haben Angst, in der Rolle als guter Liebhaber zu versagen, hat Ragnar Beer festgestellt: "Geht die Partnerin fremd, fühlen sie sich in dieser Angst bestätigt." Wahrscheinlich sei das einer der Gründe, warum Männer besonders oft die Schuld bei sich suchen, wenn sie ihre Partnerin beim Seitensprung ertappen.

Frauen hingegen reagieren auf einen Seitensprung oft mit einem Ausmaß an Aggression, das selbst den erfahrenen Paartherapeuten Beer überraschte: "Frauen sind als friedfertig bekannt, Männer gelten als die Aggressiven. Wenn es um Seitensprünge geht, sieht es jedoch genau umgekehrt aus." Mehr als zwei Drittel aller betrogenen Frauen gaben an, sie seien wütend auf ihren Partner, 23 Prozent empfinden nach eigenen Angaben sogar Hass und vier von zehn Frauen wollen ihren Partner bestrafen für das, was er ihnen angetan hat. Betrogene Männer fokussieren ihre Wut eher auf den Rivalen: Auf ihn sind 70 Prozent der Befragten wütend, nur 47 Prozent empfinden dieses Gefühl gegenüber der eigenen Partnerin.

Frust im Bett treibt die Seitenspringer in die Arme eines anderen

Wie geht es nach dem Seitensprung weiter? Wer die Beziehung nun noch retten will, braucht vor allem eins: viel Geduld - und den Willen, gemeinsam an sich zu arbeiten. Denn bevor ein Paar die eigentlichen Probleme in seiner Beziehung angehen kann, muss zuerst das Vertrauen wieder aufgebaut werden, müssen die Betroffenen lernen, mit der Wut und den verletzten Gefühlen umzugehen. "Ein Seitensprung ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass in einer Partnerschaft etwas nicht stimmt. Er macht die Probleme noch viel größer", sagt Ragnar Beer. "Aus meiner täglichen Arbeit als Therapeut weiß ich, dass eine Paartherapie nach einem Seitensprung deutlich länger dauert als sonst."

Die eigentlichen Probleme in der Beziehung - in den meisten Fällen sind sie im Bett zu finden, weiß Ragnar Beer aus anderen Studien. "In den ersten zehn Jahren geht die Kurve der sexuellen Zufriedenheit kontinuierlich nach unten - grausam! Es gibt nichts, was in einer Partnerschaft so schlecht verläuft wie die sexuelle Zufriedenheit."

Zwar arrangieren sich viele Paare im Laufe der Jahre mit der Situation - an die Stelle von sexuellem Begehren tritt eine freundschaftliche Vertrautheit, die aus dem Wissen heraus entsteht, den anderen so gut zu kennen wie sonst niemanden. Diese Gefühle werden wichtiger als Sex. "Aber dann kommt einer und gräbt einen an, und man merkt: Sex ist mir doch wichtig, und meine sexuellen Gefühle sind sogar ganz schön stark. Nur eben nicht gegenüber meinem Partner, sondern gegenüber einem Fremden", so Beer.

Ist dieser Gedanke erst einmal da, ist es nur noch ein Katzensprung bis zum Seitensprung. Beer liegen die Daten von 219 Männern und Frauen vor, die untreu waren. 76 Prozent der befragten Männer und 84 Prozent der Frauen gaben als Grund für den Seitensprung sexuelle Unzufriedenheit in der Beziehung an.

Über Sex spricht man nicht?

Doch so weit muss man es gar nicht kommen lassen. "Beugen Sie einem Seitensprung vor - indem Sie die sexuelle Zufriedenheit Ihres Partners im Auge behalten", empfiehlt Ragnar Beer. "Auch wenn das jetzt klingt wie ein waschechter Therapeutenrat - reden Sie miteinander über Ihre sexuellen Wünsche." Und zwar möglichst konkret und ohne Tabus. " 'Lass uns öfter Sex haben' - das trauen sich die meisten gerade noch auszusprechen. Aber wenn es darum geht, konkret zu werden, gibt es eine unheimlich starke Barriere."

Die Psychologen von Theratalk haben deshalb ein System entwickelt, das ohne Reden auskommt: Beim "Ressourcen-Aktivierungs-System" füllt jeder Partner einen Fragebogen über seine sexuellen Wünsche aus, die Bögen werden per Computer miteinander abgeglichen und Übereinstimmungen ausgegeben. Was auf den ersten Blick etwas umständlich wirkt, funktioniert in der Praxis erstaunlich gut, berichtet Beer: "Hat ein Paar erst einmal gesehen, dass es einen riesigen Berg an Übereinstimmungen gibt, schwindet die Angst, sich vor dem Partner zu blamieren. Die sexuelle Zufriedenheit steigt, und oft fangen die Paare dann auch an, über ihre Wünsche zu reden."

Übrigens gilt hier nicht das Klischee, dass es vor allem Männern schwer fällt, über ihre Gefühle zu sprechen, hat der Paar-Therapeut festgestellt. "Beim Thema Sex haben beide Geschlechter gelernt: 'Darüber spricht man nicht.' "