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Stammzellforschung: "In Deutschland gibt es eine Atmosphäre des Misstrauens"

Embryonale Stammzellen könnten einmal die Medizin revolutionieren. Stammzellforscher Hans Schöler sagt im stern.de-Interview, welches Potenzial diese Zellen haben, warum viele Stammzellforscher Deutschland verlassen und warum er mit manchen Journalisten nicht mehr reden möchte.

Herr Schöler, das Stammzellgesetz verbietet die Forschung an humanen embryonalen Stammzellen, die nach dem 1. Januar 2002 hergestellt wurden. Deutsche Stammzellforscher, die an diesen Zellen im Ausland forschen, laufen Gefahr, sich strafbar zu machen. Haben Sie sich in Ihren Auslandsjahren strafbar gemacht?

Nein. Ich versuche zwar das Klima in Deutschland bezüglich der humanen embryonalen Stammzellen zu verbessern, aber ich habe bis jetzt noch nie mit diesen Zellen gearbeitet, sondern nur mit Mäusezellen.

Wie übt die deutsche Gesetzeslage psychischen Druck auf deutsche Stammzellforscher im Ausland aus?

Hier in Deutschland gibt es eine Atmosphäre des Misstrauens, die die deutschen Stammzellforscher lähmt. Die Möglichkeiten in den USA sind einfach besser, es gibt positive Unterstützung, die Flügel verleiht.

Ist es karriereschädigend, wenn man sich dafür entscheidet, im Ausland an embryonalen Stammzellen zu forschen?

Wenn Sie selbst Stammzellen abgeleitet haben, dann wäre es sicher in einigen Bundesländern karriereschädigend - in Baden-Württemberg zum Beispiel. Ich weiß, dass der Stammzellforscher Miodrag Stojkovich sich in Baden- Württemberg beworben hat. Der damalige Ministerpräsident Teufel hatte sich dahingehend geäußert, dass er sich vorbehält, auch einmal Urkunde nicht zu unterschreiben. Stojkovich kam nicht in die engere Wahl - ob das nun an Erwin Teufel lag oder nicht, weiß ich nicht. Jetzt ist Stojkovich in Valencia und hat dort sein Institut und sicherlich optimale Arbeitsbedingungen. In Spanien herrscht eine unglaubliche Euphorie, was embryonale Stammzellen angeht.

Was sind Ihre Hoffnungen an die Ministerin für Bildung und Forschung, Frau Schavan?

Ich glaube nicht, dass die Politik die Empfehlung der DFG als Druck empfindet. Frau Schavan möchte der Forschung in ihrem Rahmen sicherlich helfen, aber die Grenzen sind relativ eng gezogen. Und natürlich hoffe ich, dass wir eine Liberalisierung der jetzigen Regeln erreichen können; deswegen stehe ich hier Rede und Antwort.

Die Hoffnungen an die Stammzellforschung sind riesig. Eine Therapie mit embryonalen Stammzellen gibt es noch nicht. Stattdessen: Enttäuschungen und Skandale. Wann ist mit der ersten Therapie zu rechnen?

Man wird wohl am ehesten mit einer Zelltherapie zum Beispiel gegen Parkinson rechnen können, statt ganze Organe aus Stammzellen zu züchten. Aber einen Zeitrahmen kann ich Ihnen nicht nennen. Man weiß zudem nicht, wie sich aus Stammzellen entstandene Körperzellen langfristig verhalten.

Ich glaube, man wird erst einmal Krankheiten nur lindern können und sicherlich werden auch neue Probleme auftreten, die wir jetzt noch gar nicht sehen. Man muss einfach Geduld haben. Aber: Auch wenn es Therapien noch nicht gibt, Fortschritte auf dem Weg dorthin wurden einige gemacht.

Es gibt Vorbehalte und Ängste der Stammzellforschung gegenüber. Was glauben Sie, woher diese ablehnende Haltung kommt?

In der Bevölkerung ist die nicht da. Ich unterhalte mich mit vielen Leuten, halte viele öffentlichen Vorträge. Die Leute sind kritisch, aber nicht so ablehnend, wie immer behauptet wird. Mir ist aber auch klar, dass die katholische Kirche stark dagegen ist und versucht, ihren Einfluss auf die Parteien auszuüben - zum Teil erfolgreich.

Sie sind sehr präsent in den Medien. Möchten Sie für Ihre Forschung werben?

Zum Teil für die Forschung, aber auch um junge Naturwissenschaftler hier in Deutschland dafür zu gewinnen. Ein junger Naturwissenschaftler hierzulande wird sich dreimal überlegen, ob er in Deutschland an embryonalen Stammzellen forschen wird. Ich unterhalte mich mit einigen jungen Wissenschaftlern - die sagen ganz klar, dass sie lieber im Ausland forschen wollen. Das ist zwar schade, weil die klugen Köpfe Deutschland verlassen, aber in der jetzigen Situation auch verständlich.

Wie sehen Sie die Rolle der Medien bei der Stammzelldebatte?

Unterschiedlich. Ich hatte seit meiner Rückkehr mit einigen Journalisten zu tun - mit vielen guten, die sachlich informiert sind und kritisch berichteten, und sofort merken, wenn andere ihnen etwas vormachen. Aber ich habe auch andere erlebt - zum Beispiel bin ich von einigen Leuten vom "Spiegel" enttäuscht, die haben mir das Wort im Mund rumgedreht. Ich hatte dann versucht, eine Gegendarstellung zu veranlassen, aber da können Sie genauso gut mit dem Kopf gegen die Wand rennen. Aber auch wenn es immer mal wieder aufgebauschte Sensationsmeldungen gibt, im Großen und Ganzen finde ich die Berichterstattung angemessen.

Glauben Sie, dass die Sensationsgier nicht schon von den Fachjournalen wie "Nature" angeheizt wird?

Es ist ja schon einiges passiert - nach Hwang hat sich einiges geändert, zum Beispiel werden Abbildungen besser überprüft. Wissenschaftler haben vorgeschlagen, dass Ethik-Kommittees Eizellspenden mitverfolgen - Forscher sollen unterschreiben, dass alles nach den vorgeschlagenen ethischen Grundregeln abgelaufen ist. Wäre das damals schon etabliert gewesen - Hwang hätte die Eizellen für seine Forschungen gar nicht bekommen.

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass man eines Tages mit Stammzellen aus Nabelschnurblut Krankheiten heilen kann?

Ich glaube, dass diese Zellen ein sehr großes Potenzial besitzen, unter anderem weil sie wenige DNA-Schäden haben. Dann weil Nabelschnurblut Zellen besitzt, die ohnehin schon multipotent sind, sie können also in einige Gewebetypen gezüchtet werden. Das heißt, man müsste sie quasi durch Umprogrammierung mittels embryonaler Stammzellen nur noch von multi- auf pluripotent bekommen, sodass sich jede Körperzelle daraus entwickeln lässt.

Ist es sinnvoll, Nabelschnurblut einfrieren zu lassen?

Es ist eher die Frage, ob man das Geld dafür hat. Das Einfrieren und Lagern kostet zwischen 2000 und 3000 Euro. Man muss aber auch bedenken, dass das eigene Nabelschnurblut später wenig Nutzen hat, wenn man an einer Erbkrankheit leidet. Stammzellen aus einer Nabelschnurblutbank, die aus Spenden besteht und somit eine Vielzahl von immunologischen Gewebetypen abdeckt, könnten dann schon weiter helfen.

Hans Schöler ist Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster und weltweit einer der gefragtesten Stammzellforscher. Er untersucht die Pluripotenz embryonaler Stammzellen der Maus

Interview: Jens Lubbadeh

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