Transplantationen Bald bezahlte Organspenden?


Ein Organspender spart der Sozialgemeinschaft Hunderttausende Euro an Behandlungskosten, dafür sollen die Hinterbliebenen bezahlt werden.

Eine neue Diskussion über die Bezahlung von Organspenden spaltet die Transplantationsmedizin in Deutschland und darüber hinaus in zwei Lager. Wer nach seinem Tod Nieren, Herz oder Leber zur Verfügung stellt, helfe damit nicht nur schwer kranken Menschen, stellt der Essener Transplantationsarzt Christoph Broelsch fest. «Ein Organspender spart der Sozialgemeinschaft etliche hunderttausend Euro an Behandlungskosten», argumentiert der Medizinprofessor. Deshalb fordert Broelsch eine Zahlung von mindestens 10 000 Euro an die Hinterbliebenen von Organspendern.

Damit würde die Bereitschaft in der Bevölkerung steigen, sich nach dem Tod Organe entnehmen zu lassen, sagte er beim «Internationalen Kongresses zur Ethik in der Organtransplantation» in München, der am Freitagabend zu Ende ging. Aber auch bei der Übertragung von Nieren und Teilen der Leber von gesunden Spendern auf kranke Menschen, der so genannten «Lebendspende», solle Geld fließen, fordert Broelsch. Das Risiko von Lebendspendern sei inzwischen zwar sehr gering. Doch sollte eine Zahlung ihre Entscheidung «leichter machen», sagt der Transplantationsarzt - «auch um die anschließende Erholungsphase zu bezahlen».

Zumindest mit dieser Forderung steht Broelsch nicht alleine. Die rund 250 Teilnehmer des Kongresses verabschiedeten eine Resolution, nach der eine «angemessene Kompensation für Schmerzen und Unannehmlichkeiten, die Lebendspender erleiden, ethisch akzeptabel ist».

Wissenschaftler aus dem Ausland wollen Handel

Wissenschaftler aus dem Ausland gehen noch weiter. Die britische Bioethik-Professorin Janet Radcliffe Richards hält die Freigabe eines Handels mit Organen von Lebendspendern für logisch zwingend. «Wenn Käufer und Verkäufer das Geschäft als vorteilhaft empfinden, und kein Dritter Schaden nimmt, warum sollten wir andere uns dazwischen stellen», fragt sie. Ein Organ-Schwarzmarkt, der bereits jetzt auf internationaler Ebene existiere, könne nur auf eine Weise bekämpft werden - durch eine Legalisierung des Handels mit Organen.

Der Münchner Transplantationskongress folgte diesem Gedanken zumindest teilweise und forderte «lokale Modelle», in denen bezahlte Lebend-Transplantationen zugelassen werden sollen. Damit könne «die Wahrscheinlichkeit eines ungeregelten Handels verringert» werden, hofft die Mehrheit der Kongressteilnehmer. Während der Diskussion wurde als Beispiel der Iran genannt, wo der Staat ein Programm von bezahlten Lebendspenden organisiert.

Widerstand gegen Kommerzialisierung

Bei vielen Medizinern stößt die Diskussion um die Kommerzialisierung der Organtransplantation jedoch auf entschiedenen Widerstand. «Es ist absolut töricht anzunehmen, man könnte einen Bereich staatlich regeln, in dem es um das Überleben und um sehr viel Geld geht», betont Professor Gundolf Gubernatis von der Deutschen Stiftung Organtransplantation.

Er werde sich dafür einsetzen, dass es zumindest um das deutsche Transplantationsgesetz keine neue Diskussion gibt. Als es vor fünf Jahren verabschiedet wurde, hatte der Bundestag jede Form der Bezahlung von Organspenden verboten. Eine neuerliche Debatte könnte dazu führen, dass die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung sinkt, warnt Gubernatis. Auch viele Ärzte könnten sich «angewidert abwenden». Einig sind sich Gegner und Befürworter bezahlter Organspenden nur in einem: Angesichts einer Nieren-Warteliste von rund 9500 Patienten in Deutschland sei die Zahl von etwa 2300 Transplantationen im Jahr viel zu niedrig.


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