HOME

Tropenkrankheiten und Klimawandel: Ungebetene Einwanderer

Malaria, Leishmaniose und West-Nil-Fieber sind typische Tropenkrankheiten. Im Zuge der Klimaerwärmung könnten sie auch in Deutschland heimisch werden. Ihre Überträger-Mücken sind zum Teil schon hier.

Von Jens Lubbadeh

Er war nicht viel schmerzhafter gewesen als andere Stiche. Auch die anfänglich starke Hautrötung hatte ihn nicht verwundert - als starker Heuschnupfen-Allergiker reagierte Markus L. immer recht heftig auf Insektenstiche. Doch die Rötung war nach einem Monat noch immer nicht verschwunden.

Diagnose Leishmaniose

Nicht in Thailand oder Südamerika hatte sich Markus L. den Mückenstich eingefangen, sondern während seines Urlaubs in Bayern. Aus der Rötung wurde eine Beule, schließlich ein Geschwür. Markus L. ging zum Arzt. Eine Salbe verschaffte endlich Abhilfe: Das Geschwür ging zurück, der Spuk schien vorbei.

Zwei Jahre später - Geschwür und Mückenstich waren längst vergessen - begann bei Markus L. das Nasenbluten. In unregelmäßigen Abständen war es zunächst nur lästig, denn Besorgnis erregend. Die Ärzte vermuteten die Allergien als Ursache, zusätzlich verstärkt durch beruflichen Stress. Doch dann ging alles rasend schnell: Die Nasenschleimhaut entzündete sich, begann zu eitern, Markus bekam kaum noch Luft - nach und nach zersetzte sich das Nasengewebe. Erst jetzt stellten die Ärzte die richtige Diagnose: Leishmaniose. Nun konnte Markus L. endlich gezielt behandelt werden.

Bis zum Jahr 2100 Anstieg um vier Grad Celsius

Leishmaniose, eigentlich eine Tropenkrankheit, wird ausgelöst durch parasitische Einzeller, die - ähnlich wie Malaria - durch Mücken übertragen werden. In Markus L.s Fall heißt der Übeltäter Sandmücke. Ein kleiner Lästling mit einem äußerst unangenehmen Stich, der monatelange Hautrötungen nach sich zieht. Doch das wirkliche Übel entfalten erst die Leishmanien, die sie beim Blutsaugen übertragen kann. Diese Parasiten vermehren sich in den weißen Blutkörperchen des Körpers. Schlimmstenfalls kommt es zu einem Befall der inneren Organe.

Der Fall des Markus L. ist für Deutschland noch fiktiv, doch Modellrechnungen des Max-Planck-Institutes für Meteorologie legen nahe, dass dieses Szenario bald keine Science-Fiction mehr sein könnte. Die Hamburger Klimaforscher erwarten bis 2100, dass die durchschnittliche Jahrestemperatur in Deutschland um vier Grad Celsius ansteigt. Die Folge: immer heißere und trockenere Sommer, wärmere und feuchtere Winter - vor allem in Süddeutschland.

Einige Überträger-Mücken sind schon da

Während es in den Stammländern selbst im Zuge des Temperaturanstiegs zu heiß für Erreger und Überträger werden könnte, könnte sich das Verbreitungsgebiet tropischer Krankheiten nach Europa hin verschieben. Zwei wichtige Überträger-Mücken sind bei uns schon angekommen: die Sandmücke wurde bereits 1999 in Süddeutschland gesichtet. Die Mücke, die die Malaria bringt, Anopheles, ist in Deutschland schon seit langem mit sechs Arten heimisch - Anopheles atroparvus gibt es sogar in Norddeutschland. Die Tigermücke, einer der schlimmsten Überträger tropischer Krankheiten, hat schon Belgien und Holland besiedelt. Die gestreifte Mücke mit dem sehr schmerzhaften Stich hat ein beängstigendes Erreger-Arsenal: Sie kann bis zu 22 Viren übertragen, die unter anderem Dengue-, Gelb- und West-Nil-Fieber auslösen - alles Krankheiten, die tödlich enden können.

Helge Kampen, Medizinischer Entomologe und Parasitologe am Institut für medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie der Universität Bonn, erforscht Krankheitsüberträger, ihre Erreger und ihre Bekämpfung. In einem Forschungsbericht aus dem Jahr 2003, der für das Bundesumweltministerium angefertigt wurde, untersuchten die Bonner Parasitologen die Auswirkungen des Klimawandels auf die Verbreitung von menschlichen Krankheitserregern in Deutschland. Darin mahnten die Wissenschaftler dringend zur weiteren Erforschung und vor allem Überwachung der Überträger tropischer Krankheiten - die Voraussetzungen für Malaria und tropische Fieber würden zunehmend günstiger.

Infizierte Hunde aus Südeuropa sind eine Gefahr

Damit sich eine Krankheit einnistet, müssen drei Dinge vorhanden sein: der Erreger selbst, sein Überträger und ein biologisches Reservoir. Reservoire können Menschen und Tiere sein, wo der Erreger überdauert, ohne die Krankheit auszulösen. Oft sind es Wildvögel, Nagetiere, Hunde oder Katzen. Zwar sind in Deutschland schon einige Überträgermücken da, doch für eine Epidemie müssen die Mücken auch in einer gewissen Dichte vorhanden sein. Das ist zeitweise schon der Fall, aber natürlich müssen Infektionsquellen vorhanden sein, an denen sich die Mücke mit dem Erreger infizieren kann.

In Sachen Malaria gibt Kampen noch Entwarnung: "Selbst wenn sich eine Anopheles-Mücke an einem Malariapatienten infiziert und die klimatischen Bedingungen stimmen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Mücke lang genug lebt, damit der Malariaerreger seine Enwicklung abschließen kann oder die Mücke wieder einen Menschen sticht (und nicht ein Tier), sehr gering." So muss also auch die Anzahl infizierter Mücken hoch genug sein, damit die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung auf einen Menschen realistisch ist.

Mit lokalen Fällen wird man jedoch nach Meinung Kampens rechnen müssen - vor allem in heißen Sommern, wie dem letzten, können regional viele Überträger-Mücken auftreten. Dann fehlt nur noch der Erreger. "Erreger können von Touristen leicht eingeschleppt werden." Wenn die dann auf ihren passenden Überträger treffen, schließt sich der Kreis. Und es ist schon passiert: "Es gab in Europa schon Epidemien von West-Nil-Fieber", erzählt Kampen. Seiner Einschätzung nach wäre mit einem Auftreten dieser Krankheit in naher Zukunft in Deutschland noch am ehesten zu rechnen.

Die Gefahr kann aber auch von tierischen Touristen kommen. im Falle von Leishmania mit Hunden: "Es gibt einen regelrechten Hundeimport aus südeuropäischen Ländern", beklagt Kampen. "Diese Hunde sind häufig nicht ausreichend veterinärmedizinisch untersucht und mit Leishmanien infiziert."

Die wiederum können sie auf den Menschen via Sandmücke übertragen. Bei einem Kind, das sich nachweislich nicht im Ausland aufgehalten hatte, trat so eine Leishmaniose schon auf. Auch ein Pferd war infiziert worden.

Hinter einer Sommergrippe kann sich ein fremder Erreger verbergen

Oft werden Infektionen eingeschleppter Erreger auch gar nicht als solche erkannt, oder, so Kampen, von den Ärzten nicht weiter untersucht. Man vermutet eine Sommergrippe, doch die Ursache ist womöglich ein fremder Erreger. Eine Studie in England zeigte, dass dort 60 Prozent aller Hirnhauterkrankungen von Viren hervorgerufen werden, von denen man nicht genau weiß, woher sie kommen.

"Wir wissen gar nicht, was hier so zirkuliert", sagt Helge Kampen. "Um regionale Vorsorgemaßnahmen entwickeln zu können, müssen wir erforschen, welche Vektoren schon bei uns in Deutschland vorkommen, wo sie leben und welche Erreger sie übertragen können." Doch seit dem Forschungsbericht 2003 ist nicht viel passiert. Die Regierung hat keine neuen Stellen für das Monitoring von Überträgern eingerichtet. Leider, denn dann werden auch in einer heißeren Zukunft Fälle wie die des Markus L. in Deutschland nicht eintreten, weil die Leute gewarnt sind und unübliche Diagnosen viel früher gestellt werden können.

Wissenscommunity