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Umgang mit Suizid im Familien- und Freundeskreis "Schweigen und Verleugnen ist das Schlimmste"


Bringt sich ein Mensch um, kämpfen Hinterbliebene mit Schuldgefühlen, Trauer, Wut, Scham und der Frage "Warum?". Ein Experte sagt, wie man mit Suizid und Suizidabsichten in der Familie umgehen sollte.
Von Mirja Hammer

Herr Doll, häufig wird Menschen, die einen Suizid erwägen oder verüben, Egoismus vorgeworfen. Viele fragen sich dann: "Wie kann er seinen Angehörigen so etwas antun?"

Das setzt die Annahme voraus, dass die Suizidanten genau wissen, was sie ihren Mitmenschen antun. Das ist aber unterschiedlich. Viele Menschen erzählen nach einem Suizidversuch, dass ihre Familie und Freunde in dem Moment so weit weg waren, dass sie ihnen gar nicht in den Sinn kamen. Menschen, die in einer solch tiefen Notlage sind, sehen wie durch einen Tunnelblick den Tod als einzigen Ausweg. Auf der anderen Seite gibt es - zwar selten - Rachesuizide: Jemand bringt sich in der Absicht um, anderen Leid zuzufügen. Wenn man mit Schuldzuweisungen zurückgelassen wird, ist das heftig. Hinterbliebene stellen sich ja ohnehin die Frage, was sie hätten tun können, um den Suizid zu vermeiden.

Umso wichtiger, dass das "Warum" nicht mit ins Grab genommen wird, oder?

Ja und Nein. Durch das "Warum" kann zwar Verständnis entwickelt werden, was einen Menschen dazu bewegt hat. Aber verstehen, warum er sich umgebracht hat, wird man nie ganz. Wenn der Vater über Jahre schwer gelitten, viel gegen seine Depression unternommen und seine Familie eingeweiht hat, kann diese es vielleicht besser verstehen, wenn er sich am Ende das Leben nimmt. Damit leben zu müssen, ist trotzdem schrecklich. Und die Frage, was man noch hätte tun können - gerade weil man es wusste -, wird sich dann eventuell erst recht stellen. Egal, was der Hinterbliebene - etwa in einem Abschiedsbrief - erklärt: Auf die Frage, was diese Person wirklich gedacht und gefühlt hat, wird man nie eine alles umfassende Antwort finden.

Suizid ist ein Tabuthema. Wie verhalte ich mich, wenn sich jemand aus meiner Familie das Leben nimmt? Offen damit umgehen oder lieber nicht?

Grundsätzlich ist es besser - das heißt nicht, dass es leichter ist -, wenn man bei der Wahrheit bleibt. Verleugnet man einen Suizid, wissen irgendwann doch alle, dass es kein Herzinfarkt war. Dann trauen sich aber viele erst recht nicht, etwas zu sagen. Daher würde ich raten, offen darüber zu reden. Sprechen Sie im Umkehrschluss auch Hinterbliebene an, fragen Sie, ob Sie darüber sprechen wollen. Wichtig ist, allen Beteiligten die Scheu zu nehmen und das Thema zu enttabuisieren. Totschweigen und Verleugnen ist meist das Schlimmste.

Woran erkenne ich, ob jemand Selbsttötungsabsichten hat?

Wenn sich jemand zurückzieht, seltsame Bemerkungen macht, oder wenn Mimik und Körperhaltung zeigen, dass es jemandem nicht gut geht. Geben Sie Ihren Eindruck wider: "Ich habe den Eindruck, dass du dich zurückziehst". Oder sprechen Sie ihn auf seine Andeutungen an: "Es klingt so hoffnungslos, wenn du sagst, es hat alles keinen Sinn mehr. Was willst du damit sagen?" Das kann bis dahin gehen, dass man direkt fragt, ob er oder sie überlegt, sich umzubringen.

So etwas zu fragen, muss man sich aber erst mal trauen.

Da braucht man keine Scheu zu haben. Man hat nicht die Garantie, dass der andere offen ist. Aber wenn jemand tatsächlich suizidale Gedanken hegt, ist das Sprechen schon eine erste Entlastung für ihn - vorausgesetzt er stößt auf Verständnis.

Und was tue ich, wenn derjenige tatsächlich Suizidgedanken hat?

Vor allem müssen Sie sich nicht unter Druck setzen, dass sie ihn nun mit aller Macht davon abhalten müssen. Das Wichtigste ist: Nicht die Augen verschließen. Denn wenn etwas passiert, wirft man sich vor allem vor, nicht gehandelt zu haben. Wenn Sie Interesse zeigen und nachfragen, handeln Sie schon. Aber bewerten und trösten Sie nicht vorschnell. Mit Kommentaren wie "Das wird schon" oder "Du hast doch alles – eine tolle Frau, Anerkennung, Ruhm - was willst du denn?" ist dem Betroffenen nicht geholfen. Das seelische Leid richtet sich nicht nach solchen Äußerlichkeiten. Versuchen Sie, sich in den anderen hineinzuversetzen.

Was den meisten schwerfallen dürfte…

Nicht jeder kann das, klar. Versuchen Sie dennoch, den Betroffenen in seinem Leid ernst zu nehmen. Ist das Vertrauen da, kann man auch die Frage stellen: "Was glaubst du, ist bei dir anders, dass du diesen Schicksalsschlag nicht überwindest?" Für die meisten Menschen geht das Leben nach einer Krise schließlich weiter. Also fragen Sie, warum es hier nicht so sein sollte. Nicht als Vorwurf, sondern als Interesse: "Ich möchte es kapieren."

Das klingt nach psychologischer Höchstleistung…

Ja, das kann auch der Punkt sein, an dem Angehörige denjenigen bitten müssen, sich professionelle Hilfe zu holen. Zuwendung, Zeit nehmen und Verständnis zeigen, kann viel helfen. Aber letztlich hilft auch, zu erkennen, dass der andere psychologische Unterstützung braucht.

Aber wenn mein Partner droht, sich das Leben zu nehmen, weil ich ihn verlasse, dann will ich vermutlich weder Zuwendung, Zeit noch Verständnis für ihn aufbringen.

In solch einem Fall muss man sich auch als Angehöriger Hilfe suchen. Hier werden Sie in Ihrer Freiheit zu gehen eingeschränkt, weil Sie sonst für den Tod eines Menschen schuldig gemacht werden. Da kommt man schwer von alleine raus, es braucht Vermittlung.

Wie gehe ich mit einer gegen mich gerichteten Selbstmord-Drohung um?

Indem Sie der Person klarmachen: "Ich möchte nicht, dass du dich umbringst, aber ich will auch nicht bei dir bleiben, nur weil du drohst, dich sonst umzubringen. Ich bin in einem Dilemma." Aus solch einer Situation kommt man nicht von jetzt auf gleich raus. Das kann nur in einem längeren Prozess geschehen, der von Außenstehenden - auch den Angehörigen des Suizidgefährdeten - unterstützt werden muss.

Können Suizide andere Suizide nach sich ziehen?

Ob jemand über den Suizid eines anderen selbst depressiv wird, hängt stark von seiner Veranlagung und seiner Biographie ab. Aber ja, aus den Schuldgefühlen heraus kann jemand selbst am Leben verzweifeln. Hat er dann noch den Suizid als Lösung vorgelebt bekommen, erscheint er ihm eventuell auch als möglicher Ausweg. Das beobachtet man im Übrigen nicht nur bei Angehörigen, sondern zum Beispiel auch bei Klassenkameraden oder Prominenten. Jemand der nie einen Suizidgedanken hatte, wird aufgrund des Todes von Robin Williams zwar nicht plötzlich auf den Gedanken kommen. Aber latent schlummernde suizidale Anwandlungen können dadurch geweckt werden.

In einem Kommentar zu Tobi Katzes Artikel habe ich Folgendes gelesen: "Wenn jemand den Wunsch hat zu sterben, sollte man ihn gehen lassen und die Angehörigen vorher darauf vorbereiten." Was halten Sie davon?

Ich weiß nicht, ob man sich darauf vorbereiten kann. Aber es ist eine Frage der Demut zu akzeptieren, dass man nicht jeden Suizid verhindern kann. Es kann nicht darum gehen, dass man jemanden mit allen Mitteln ins Leben zwingt. Man kann versuchen, das Leid des anderen so zu lindern, dass er wieder leben will. Aber wenn das nicht gelingt, wird man ihn nicht halten können. Den Punkt zu finden, an dem man das akzeptiert, ist schwer. Angehörige frage ich dann: "Wenn sich Ihr Angehöriger das Leben nehmen würde, was würden Sie sich hinterher vorwerfen, nicht probiert zu haben?" Etwas nicht probiert zu haben, kann man sich später vorwerfen. Doch nicht, dass es nichts genützt hat. Demut heißt auch, zu akzeptieren, dass wir nicht allmächtig sind und nicht alles in der Hand haben. Auch nicht das Leben unserer Nächsten.

Den Artikel von Tobi Katze finden Sie hier.


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