Verschreibungspflichtige Medikamente Top Of The Medi-Pops


Bis zu zehn Euro müssen gesetzlich Krankenversicherte für verschreibungspflichtige Arzneimittel zuzahlen. Mehr als 2600 Medikamente sind nun davon befreit - die Ärzte müssen sie nur verschreiben.
Von Jens Lubbadeh

Im Gesundheitswesen gab es in letzter Zeit wenig positive Neuigkeiten für die von Praxisgebühr und Beitragserhöhungen gebeutelten gesetzlich Versicherten. Eine erfreuliche Nachricht hat die Bundesregierung nun hinter den vier Buchstaben AVWG versteckt: Das Arzneimittelversorgungs- und Wirtschaftlichkeitsgesetz, das am 1. Mai 2006 in Kraft getreten ist, räumt auf mit der komplizierten Preispolitik im Gesundheitswesen. Eine konkrete Folge für die Patienten: Die Zuzahlungspflicht für viele verschreibungspflichtige Medikamente entfällt.

Viele Generika-Hersteller senkten die Preise

Viele Ärzte in Deutschland verschreiben oft noch Medikamente, für die es preiswerte Nachahmerpräparate (Generika) mit gleichem Wirkstoff gibt. Das geschieht meist ohne medizinische Gründe - eine unnötige Belastung für die Gesetzliche Krankenversicherung. Das neue Gesetz legt für gleichartige Medikamente eine Erstattungshöchstgrenze fest, was die Pharmahersteller unter Druck setzt. Bislang mussten die Patienten für verschreibungspflichtige Medikamente fünf bis zehn Euro zuzahlen. Das AVWG sieht vor, dass verschreibungspflichtige Medikamente, die 30 Prozent unter der Erstattungshöchstgrenze liegen, von dieser Zuzahlung befreit werden können. Viele Generika-Hersteller reagierten und senkten die Preise ihrer Medikamente so stark, dass für sie die Zuzahlungspflicht entfiel.

Die Liste umfasst bereits mehr als die Hälfte aller möglichen verschreibungspflichtigen Arzneimittel

"Zum 1. Juli haben wir erstmals diese Präparate in einer Liste veröffentlicht", sagt Ann Hörath vom BKK Bundesverband. "50 Hersteller meldeten mit Preiswirkung zum 1. Juli insgesamt 2102 Präparate aus 63 von 79 möglichen Wirkstoffgruppen." Mittlerweile umfasst die Liste 2637 Präparate. Das sind nach Auskunft von Ann Hörath bereits mehr als die Hälfte der rund 5000 Fertigarzneimittel.

Jeweils zum 1. und zum 15. eines Monats können die Pharmakonzerne ihre Preise dem Institut für Arzneimittelspezialitäten in Frankfurt am Main melden, die Krankenkassen aktualisieren daraufhin die Liste alle 14 Tage.

Es geht im ersten Schritt nur um Generika, deren Wirkstoff identisch ist mit den teureren Medikamenten. In Zukunft soll die Liste aber auch um Präparate erweitert werden, die entweder therapeutisch vergleichbare Wirkung erzielen, oder eine Wirkstoffkombination beinhalten.

Nun sind Ärzte und Apotheker gefordert

Dass die Patienten die Liste einsehen können, ist ein begrüßenswerter Schritt hin zur Transparenz und Kostenersparnis. Doch noch viel entscheidender ist: Wie gut nehmen die entscheidenden Schaltstellen - Ärzte und Apotheker - die Liste an? "Unser Hauptaugenmerk liegt bei den Versicherten", sagt Hörath. "Bei uns rufen natürlich auch viele Ärzte an, aber die Informationen für Ärzte laufen in erster Linie über die Kassenärztlichen Vereinigungen." Eine Kontrolle der Verschreibungspraxis sei nach Höraths Ansicht kaum möglich. "Nur der Arzt kann entscheiden, ob auf ein günstigeres Präparat umgestellt werden kann, oder ob medizinische Gründe dagegen sprechen."

Apotheker müssen günstige Alternativen anbieten

Apotheker jedoch bekommen die aktuellen Daten automatisch eingespielt. Sie sind aufgrund der so genannten aut-idem-Bestimmung ohnehin angehalten, das günstigste Präparat auszuwählen, wenn der Arzt dies aus medizinischen Gründen nicht explizit ausgeschlossen hat. "In der Vergangenheit funktionierte das leider aufgrund der Naturalrabatte nicht optimal", sagt Hörath.

Die nun im AVWG explizit untersagte Praxis der Naturalrabatte, also die kostenlose Bereitstellung von Medikamenten seitens der Pharmakonzerne, hatte in der Vergangenheit dazu geführt, dass manche Apotheker vorwiegend diese Präparate aushändigten. Belastend für das Gesundheitssystem war, dass sie sie aber nochmals auf Kosten der Gesetzlichen Krankenversicherung abrechneten. Ann Hörath ist aber optimistisch: "Wir gehen davon aus, dass sich noch mehr Hersteller beteiligen und so die Versicherten und auch die Gesetzliche Krankenversicherung weiter entlastet werden."


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