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Lustpille für die Frau: Was nützt "Pink Viagra" und wie gefährlich ist es?

In den USA darf sie nun verkauft werden, die Lustpille für Frauen mit Libidostörung. Die Zulassung der rosa Pille stand lange auf wackligen Beinen, denn die Nebenwirkungen sind bedenklich. Die wichtigsten Fragen zum "Pink Viagra".

Von Ilona Kriesl

Hilft das "Viagra für Frauen" bei Libidoverlust? Das ist äußerst umstritten, die Nebenwirkungen hingegen sind belegt.

Hilft das "Viagra für Frauen" bei Libidoverlust? Das ist äußerst umstritten, die Nebenwirkungen hingegen sind belegt.

Die "Viagra für Frauen" kann in den USA auf den Markt kommen. Die Arzneibehörde Food and Drug Administration (FDA) in Washington hat zum ersten Mal ein luststeigerndes Präparat als Medikament für Frauen  zugelassen. Sieben Jahre nach Einführung der Potenzpille Viagra für Männer. Die rosa Pille soll Frauen, die ihre Libido verloren haben, wieder zu mehr sexueller Lust verhelfen. 

Wie sinnvoll ist es, "Pink Viagra" zu schlucken? Welche Risiken gibt es? Und ist das Medikament auch in Deutschland erhältlich? Und warum regt sich Kritik an der rosa Pille? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Die "Lustpille" für die Frau wurde lange nicht zugelassen. Weshalb?

Das Zulassungsprozedere des Wirkstoffs Flibanserin stand in den USA bislang unter keinem guten Stern: Bei zwei vorangegangenen Prüfungen in den Jahren 2010 und 2013 fiel das "Viagra für Frauen" bei den Experten durch. Sie hatten Zweifel, was den Nutzen des Medikaments betrifft und äußerten Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen. Frauen, die den Wirkstoff eingenommen hatten, hatten lediglich ein halbes bis höchstens ein Mal Sex mehr pro Monat als Frauen, die ein Placebo bekamen. Ein geringer Wert, wenn man bedenkt, dass dafür täglich eine Tablette geschluckt werden muss, die massive Nebenwirkungen aufweist.

Wem soll die Pille helfen?

Die Störung der Libido ist eine Belastung für viele Beziehungen, sie kann viele Gründe haben: So sinkt etwa oft nach der Geburt eines Kindes die Lust auf Sex, Probleme in der Beziehung können sich auswirken, ebenso wie Krankheiten - etwa eine Depression. Auch im Alter lässt die Lust nach, ein ganz normales Phänomen. Wenn die sexuelle Lustlosigkeit für das Paar ein Problem ist, hilft oft schon ein Gespräch. Auch eine psychotherapeutisch Behandlung kann sinnvoll sein.

Nach Angaben von Medizinern ist in Deutschland  etwa jede dritte Frau von einer  Störung der Libido betroffen, wobei solche Zahlen mit äußerster Vorsicht zu genießen sind. Gerade im Bereich der Sexualität erfinden Pharmakonzerne gerne Störungen und Krankheiten, die angeblich zu behandeln sind. Aus einer vielleicht ganz nachvollziehbaren Unlust, die etwa durch Gespräche geklärt werden kann, wird so schnell eine zu therapierende Krankheit. Und aus einer kleinen Gruppe an Frauen, die tatsächlich Probleme mit ihrem Lustempfinden haben und Hilfe brauchen, werden durch schwammige Diagnosekriterien Millionen Frauen zu "Kranken". 

Im "British Medical Journal" (BMJ) warnte daher der australische Wissenschaftler Ray Moynihan bereits 2014: Die Kampagne für "Pink Viagra" ziele auf eine erfundene Funktionsstörung und die Zulassung könnte dazu führen, dass ein Medikament mit geringem Nutzen und tatsächlich vorhandenen Risiken viel zu häufig verschrieben werde.  Cynthia Graham, Sexualwissenschaftlerin an der Universität von Southampton, zeigt sich besorgt: "Ich habe Bedenken, dass viele Frauen eine unsinnige Diagnose bekommen - und Medikamente, die sie gar nicht brauchen", wird sie im BMJ-Beitrag zitiert. 

Auch Sexexpertin Ann-Marlene Henning ("Make Love", ZDF) hält "Pink Viagra" für bedenklich. Dass die Pharmaindustrie Frauen mit geringer Libido mit einem Krankheitsbild versehe, sei "grässlich" sagte sie der Deutschen Presseagentur. 

Wie wirkt das "Viagra für Frauen"?

Die rosa Pille wirkt anders als Viagra weniger auf den Körper, denn auf die Psyche. Flibanserin soll im Gehirn die Botenstoffe Dopamin und Serotonin beeinflussen und die Libido anregen. Der Arzneistoff wurde ursprünglich vom deutschen Hersteller Boehringer Ingelheim als Antidepressivum entwickelt. Nachdem er jedoch nicht die gewünschte Wirkung erzielte und auch keine FDA-Zulassung als angebliche Lustpille erhielt, verkaufte Boehringer Ingelheim seine Rechte an dem Wirkstoff an die US-amerikanische Firma Sprout Pharmaceuticals. Sie betreibt seit einiger Zeit intensive Lobby- und Marketingarbeit für Flibanserin als luststeigernden Wirkstoff. 

Die Arznei senkt den Spiegel des lusthemmenden Hormons Serotonin im Körper. Im Gegenzug hebt es die Konzentration der Hormone Dopamin und Noradrenalin an. Beide können die weibliche Libido steigern.

Die Vorstellung, dass man die Pille einfach schlucken muss und dann wird die Lust angeknipst, ist allerdings zu einfach: Flibanserin wirkt auf die Neurotransmitter im Gehirn, die Libido steigert es nicht direkt. Um eine mögliche Wirkung überhaupt zu entfalten, muss die Pille jeden Abend eingenommen werden - ob Sex geplant ist oder nicht.

Welche Nebenwirkungen sind bekannt?

Eine ganze Menge: Zu den häufigen Nebenwirkungen zählen Müdigkeit, Übelkeit und Schwindelanfälle. Ein niedriger Blutdruck bis hin zur Ohnmacht sind seltenere, aber schwerwiegendere bekannte Nebenwirkungen des Medikaments. Diese können sich nach Angaben der FDA noch drastisch verschlimmern, etwa wenn Flibanserin zusammen mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln eingenommen wird. Die Experten warnen  außerdem davor, das Mittel am Morgen oder untertags einzunehmen, dies sei ausschließlich in den Abendstunden ratsam. Denn eine Einnahme am Tage könnte die Wahrnehmung der Patientinnen beeinträchtigen. Das Fahren eines Autos etwa wäre dann nicht mehr möglich. 

Wird "Pink Viagra" auch auf dem deutschen Markt zugelassen?

Momentan ist das nicht absehbar. In Deutschland erteilt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Zulassungen für Arzneimittel. Bevor es zu einer Zulassung kommt, muss ein pharmazeutisches Unternehmen einen Antrag stellen. Das BfArM überprüft im Anschluss die eingereichten Unterlagen und verlangt detailreiche Nachweise für die Unbedenklichkeit der Arznei. "Dieses Prozedere ist sehr umfangreich", erklärte eine Sprecherin des BfArM dem stern. "Ob ein Medikament bereits in den USA zugelassen ist, spielt für den Entscheidungsprozess hierzulande keine Rolle." 

Fachliche Beratung: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V.

mit DPA/lea
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