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WHO-Tabakreport: Eine Milliarde Leben retten

Alle sechs Sekunden stirbt auf der Welt ein Mensch an den Folgen des Tabakkonsums. Die Regierungen tun zu wenig, um das zu verhindern, mahnt die Weltgesundheitsbehörde in einem aktuellen Bericht. Sie fordert zu einem härteren Kampf auf.

Von Claudia Wüstenhagen

Tabak ist ein Killer, er tötet langsam, dafür global. Tabakkonsum gilt als die häufigste vermeidbare Todesursache der Welt. Jedes Jahr rafft er 5,4 Millionen Menschen auf der ganzen Welt dahin - das sind mehr Opfer als Tuberkulose, HIV und Malaria zusammen einfordern. Insgesamt starben im 20. Jahrhundert 100 Millionen Menschen an den Folgen. Wenn nicht sofort etwas geschieht, könnten es in diesem Jahrhundert eine Milliarde werden, warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem neuen Report, den sie heute in New York vorgestellt hat.

WHO-Generaldirektorin Margaret Chan ruft zu einer konzertierten Aktion von Regierung und Zivilgesellschaft auf. Zwar würde der Kampf gegen Tabak allmählich in Gang kommen, doch nahezu jedes Land könnte noch mehr tun. "In unseren Händen halten wir die Lösung für die globale Tabakepidemie, die in diesem Jahrhundert das Leben von einer Milliarde Männer, Frauen und Kinder gefährdet", schreibt Chan im Vorwort des Reports.

Seit Jahresbeginn gilt in vielen Bundesländern ein Rauchverbot in Gaststätten. Haben Sie seitdem aufgehört zu rauchen?

Höhere Tabaksteuer gefordert

Wie das aussehen soll, zeigt die Gesundheitsbehörde in ihrem Bericht konkret auf. Vor allem fordert sie Regierungen dazu auf, die Tabaksteuer zu erhöhen. Das sei der effektivste Weg, den Tabakkonsum zu reduzieren, und vor allem junge Menschen davor zu bewahren, mit dem Rauchen anzufangen. Mit einem Preisanstieg von 70 Prozent ließe sich fast jeder vierte durch Tabak verursachte Todesfall vermeiden. Vor allem in ärmeren Ländern könnten höhere Steuern den Konsum deutlich reduzieren.

Auch die Krebsforscherin Martina Pötschke-Langer hält die Steuer für ein effektives Mittel und verweist auf erste Erfolge in Deutschland. "Dank der fünf kleinen Anhebungen in den Jahren 2002 bis 2005 ist der Zigarettenmarkt eingebrochen", sagte die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Studien zeigen, dass eine solche Preiserhöhung besonders junge Menschen vom Rauchen abhält. "Nach einem deutlichen Anstieg in den 90er-Jahren ist das Rauchverhalten bei Kindern und Jugendlichen inzwischen drastisch zurückgegangen", so Pötschke-Langer.

Nur fünf Prozent sind durch Rauchverbote geschützt

In ihrem Bericht kritisiert die WHO zudem, dass zu wenige Steuereinnahmen in die Tabakkontrolle fließen würden. Dem Report zufolge würden Regierungen weltweit jedes Jahr 500 Mal so viel Geld einnehmen, wie sie im Kampf gegen den Tabakkonsum ausgeben. Um den globalen Kampf gegen die Epidemie zu gewinnen, fordert die Gesundheitsbehörde außerdem, jegliche Form von Werbung zu verbieten, Sponsoring der Tabakindustrie zu unterbinden und mehr Menschen das Passivrauchen zu ersparen. Nur fünf Prozent der Weltbevölkerung seien durch umfassende Rauchverbote geschützt, heißt es in dem Bericht. In den meisten Ländern seien lediglich einige Innenbereiche per Gesetz als rauchfreie Zone deklariert, und kontrolliert würde ohnehin bloß schwach. Nur ein vollständiges Rauchverbot an öffentlichen Orten und Arbeitsplätzen könne Nichtraucher schützen und Raucher dazu bringen, ihr Laster aufzugeben.

Außerdem fordert die WHO eine bessere Aufklärung über die Gefahren des Tabakkonsums. Abschreckende Fotos auf Zigarettenpackungen seien lediglich in 15 Ländern Vorschrift, und das obwohl solche Bilder nachweislich den Konsum reduzierten. Wer Verbote schafft und Raucher mit gruseligen Fotos abschrecken will, der muss auch Auswege aus der Sucht aufzeigen, findet die WHO und fordert daher mehr Hilfsangebote für Menschen, die mit dem Rauchen aufhören wollen. Umfassende Angebote, um die Abhängigkeit zu besiegen, gebe es bisher lediglich in neun Ländern.

2500 Euro Preisgeld für den Rauchstopp

Insgesamt hätte gerade einmal eins von fünf Ländern eine der möglichen Maßnahmen umfassend umgesetzt, nicht ein einziges Land würde alle diese Methoden so effektiv wie möglich anwenden. In Deutschland gilt seit dem vergangenen Jahr ein grundsätzliches Rauchverbot in öffentlichen Verkehrsmitteln und Bundesbehörden, seit Jahresbeginn haben zudem elf Bundesländer Rauchverbote in Gaststätten, Schulen und Behörden eingeführt. Einen Tag bevor die WHO ihren Bericht veröffentlicht hat, startete die Bundesregierung ihre neue Kampagne "Rauchfrei 2008", mit der sie den rund 20 Millionen Rauchern in Deutschland helfen will, vom Tabak loszukommen. Vom 1. Mai an sollen sich Raucher dazu verpflichten, vier Wochen lang nicht zu qualmen. Wer das schafft, kann 2500 Euro gewinnen, sofern seine Urinprobe die Zigarettenabstinenz beweist. Teilnehmer können sich auf der Internetseite www.rauchfrei2008.de anmelden.

Eine der größten Sorgen der WHO wird diese Kampagne indes nicht lösen: den zunehmen Tabakkonsum in Entwicklungsländern. Im Jahr 2030 könnten weltweit acht Millionen Menschen durch Tabakkonsum jährlich sterben - 80 Prozent, so die Befürchtung, werden aus Entwicklungsländern stammen. "Die Epidemie wird in den Ländern am härtesten zuschlagen, in denen eine wachsende Wirtschaft den Bürgern Hoffnung auf ein besseres Leben gibt", sagt WHO-Generaldirektorin Chan. "Für die Tabakindustrie stellen diese Länder gewaltige neue Märkte dar."

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