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Krankenkassen Zu viele Hausbesuche - Ärztin soll 100.000 Euro zahlen

Hausbesuchen werden meist nur noch bei echter Immobilität gezahlt (Symbolfoto).
Hausbesuche werden meist nur noch bei echter Immobilität gezahlt (Symbolfoto).
© mediaphotos/Gettyimages
Sibylle Mittnacht war zu freundlich zu ihren Patienten, die Ärztin besuchte kranke Senioren zu Hause. Diese Nettigkeit kommt sie nun teuer zu stehen: Es droht eine hohe Strafzahlung.

Auf dem Land fehlen die Ärzte und die Jungen. Folglich versorgen die verbliebenen Ärzte vor allem ältere Patienten, die weit verstreut leben. Wollen die es den älteren Herrschaften recht machen, haben sie es nicht leicht. Die "Hessische/Niedersächsische Allgemeine" (HNA ) berichtete über die Ärztin Sibylle Mittnacht. Sie soll etwa 100.000 Euro an die Krankenkassen zurückzahlen, weil sie ihre alten Patienten zu Hause besucht hat.

"Weil ich in den vergangenen Jahren etwa viermal so viele Hausbesuche gemacht habe, wie der Durchschnitt meiner Kollegen, muss ich Regress, also Strafe zahlen“, sagte Sybille Mittnacht der HNA. Außerdem hat sie sich zu viel Zeit für die Sorgen und Nöte ihre Klientel genommen, meint die Kasse. Mittnacht hat nämlich auch zu viele psychosomatische Gespräche angerechnet, das ist der Fachausdruck, wenn es um seelische und soziale Probleme der Patienten geht.

Nur nicht zu nett sein

Aus Sicht der Patienten ist Sibylle Mittnach eine perfekte Ärztin - nur das ist offenbar nicht erwünscht. "Wir haben unsere Patienten in dieser Hinsicht verzogen", sagte Mittnacht der HNA. Sie hätte auch Patienten besucht, die medizinisch gesehen in die Praxis hätten kommen können, es aber allein nicht mehr hinbekommen hätten. Das habe ihr leid getan, also sei sie hingefahren.

Dass diese Freundlichkeit nicht im Sinne des Gesundheitssystems sei, wisse Mittnacht: "Es ist meine eigene Schuld, Nettigkeiten zahlen die Krankenkassen eben nicht." Ein Satz, der ganz nebenbei offenbart, was im Gesundheitssystem schief läuft: Nettigkeiten und Menschlichkeit sind nicht vorgesehen.

Hohe Forderungen

Bei der HNA beschwerte sich Mittnach nur, weil sich die Prüftstelle sehr viel Zeit genommen habe, um sie auf die Rückforderungen aufmerksam zu machen. So kamen gleich 100.000 für die Jahre 2012 bis 2016 zusammen. Der Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen sagte der Zeitung jedoch, dass Frau Mittnacht mehrmals über die Probleme bei diesen Honoraren hingewiesen wurde und dass die Kürzungen glücklicherweise deutlich weniger als die im Raum stehenden 100.000 Euro betragen werden.

Probleme bei eingeschränkter Mobilität

Das Dilemma entsteht, weil die gesetzlichen Krankenkasse Kosten für die Fahrt zum Arzt nur noch in Ausnahmefällen übernehmen. Hausbesuche werden aber auch nur in Fällen echter Immobilität übernommen. Patienten, die noch ein Taxi benutzen könnten, steht meist kein Hausbesuch zu. Was aber, wenn sich die Patienten eine Fahrt mit dem Taxi nicht leisten können oder wollen?

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