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Neuer Roman "4 3 2 1": Paul Auster, der Blitz und die ewige Macht des Zufalls

Paul Auster hat gerade den dicksten Roman seines Lebens geschrieben. Guter Anlass für einen Hausbesuch in Brooklyn. Der verläuft turbulent.

Von Judith Liere

Paul Auster

Paul Auster in seinem "kleinem Bunker", wie er seine schmucklose Schreibstube im Erdgeschoss nennt.

Ein gepflegtes Reihenhaus in Brooklyn, Park Slope, an einem kalten Mittag im Januar. Auf der Steintreppe, die neben einem Erker zur verglasten Eingangstür führt, liegen Tannennadeln, offenbar wurde hier gerade erst der Weihnachtsbaum entsorgt. "Brownstone" nennt man die schmalen, um 1900 erbauten Stadthäuser wegen ihrer braunen Sandsteinfassaden; sie sind in amerikanischen Großstädten ähnlich begehrt wie in Deutschland der Jugendstil-Altbau. In diesem Haus lebt seit fast 25 Jahren mit seiner Frau, der Schriftstellerin Siri Hustvedt, hier wuchs auch ihre gemeinsame Tochter Sophie auf, die heute 29 Jahre alt und Musikerin ist.

"Kommen Sie rein" , begrüßt der Autor die Journalistin und den Fotografen und nimmt die Mäntel entgegen. Groß und dunkel steht er im Flur, er trägt eine schwarze Hose, einen marinefarbenen Pullover und die grauen Haare nach hinten gekämmt, dazu dieser charakteristische Auster-Blick: etwas stechend, fragend, ein bisschen missbilligend. Das Haus passt zu ihm: Es ist ein wenig düster und auf eine strenge Art elegant, der dunkle Parkettboden knarzt mürrisch, als wäre er vom Darüberlaufen genervt. Es ist kein Haus, in dem man auf dem Sofa beim eine Pizza direkt aus dem Karton isst, sondern eines, in dem man auf einem Sessel ein Buch liest und dazu ein Glas Wein trinkt. Also genauso, wie man sich das Zuhause des intellektuellen Traumpaars Auster/Hustvedt vorgestellt hat. Auf einem Telefontischchen im Esszimmer liegen sein neues Buch, das letzte Buch seiner Frau und ein Stapel CDs seiner Tochter.

Am 3. Februar wurde Paul Auster 70 Jahre alt, drei Tage zuvor erschien sein neuer Roman "4 3 2 1" in den USA, in Kanada, Großbritannien, Portugal und , ein paar Tage später in Frankreich und den Niederlanden. Es ist das dickste Buch, das er je geschrieben hat: 1264 Seiten hat die deutsche Ausgabe. "Ein Elefant", sagt Auster, als er sich zum Interview in einen der beiden grünen Samtsessel im Wohnzimmer gesetzt hat, "aber ich hoffe, dass es ein sprintender Elefant ist."

In "4 3 2 1" erzählt Auster die Geschichte des Jungen Archie Ferguson, der am 2. März 1947, also einen Monat nach Auster, in Newark geboren wird. Wie in anderen seiner Romane gibt es autobiografische Bezüge, Parallelen zur eigenen Familiengeschichte, und es geht um die Macht des Zufalls, ein Lieblingsthema von Auster. Archie ist der Enkel eines russischen Juden, der 1900 nach New York kam. In vier Varianten erzählt Auster etappenweise sein Leben, kleine und große Ereignisse sorgen dafür, dass es sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Mal kommt die Familie zu Geld, mal ist sie pleite, mal stirbt der Vater, mal geht Archie nach Paris, mal studiert er in New York. Nicht allen Archies ist ein langes Leben vergönnt. Nie sind es bewusste Entscheidungen, die seine Biografie verändern, sondern Unfälle und zufällige Begegnungen.

Mister Auster, woher kommt Ihre Faszination für den Zufall?

"Als ich 14 Jahre alt war, wurde während einer Wanderung ein Junge direkt neben mir von einem getötet", erzählt er. "Das hat meine Sicht auf die Welt verändert. Ich weiß seitdem, wie unsicher und zerbrechlich alles ist. Ich weiß, dass ich später hinausgehen und die Treppe hinunterfallen kann, und dann schlage ich mir den Kopf auf und sterbe. Einfach so."

Der Tod. Noch so ein großes Auster-Thema. In "4 3 2 1" wird viel gestorben, meist plötzlich und unerwartet. Drei Jahre hat Auster an diesem Roman gearbeitet: "So lange brauche ich normalerweise für Bücher, die nur einen Bruchteil so dick sind." Dass er diesmal so schnell fertig wurde, lag an der Angst vor dem Tod. "Ich habe angefangen, dieses Buch zu schreiben, als ich 66 Jahre alt war. Das ist das Alter, in dem mein Vater gestorben ist. Ich war in einer gespenstischen Verfassung, als ich verstanden habe, dass mein Leben länger als das meines Vater dauern wird. Ich habe geglaubt, dass ich sterben werde, während ich dieses Buch schreibe, dass ich es nicht beenden können würde." Ganz ruhig erzählt er das mit seiner tiefen, rauen Stimme. Sie klingt, wie es sich anfühlen würde, den Samtbezug des Sessels, in dem er sitzt, gegen den Strich zu streichen. "Also habe ich praktisch nichts anderes mehr gemacht, als zu schreiben. Ich habe fast keine Interviews mehr gegeben, bin nicht zu Lesungen gereist. Ich bin nach unten ins Arbeitszimmer gegangen, meinen kleinen Bunker, und habe geschrieben, meist sieben Tage pro Woche, von neun Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags."

Es klingelt, Auster entschuldigt sich, geht zur Tür. Die E-Zigarette, an der er während des Gesprächs öfter zog, behält er in der Hand. Aus Gesundheitsgründen hat er, der in seinem Drehbuch zum Film "Smoke" dem Rauchen gehuldigt hat, die Zigarillos aufgegeben. An der Tür steht ein Mann mit einem Karton auf der Schulter, der gleich zielstrebig in die Küche läuft. "Mein Weinlieferant", sagt Auster. Die Angst vor dem Tod scheint ihm nicht die Freude am Genuss genommen zu haben.

Erst wenn ich anfange zu schreiben, fallen mir Dinge ein. 

Er nimmt wieder Platz und erzählt, dass er am Anfang eines Romans nie weiß, wo er hinführen wird. "Man muss seinen Figuren genau zuhören. Sie sagen dir, was sie tun wollen, was sie tun müssen. Man kann kein Marionettenspieler sein. Erst wenn ich anfange zu schreiben, fallen mir Dinge ein. Ich habe manchmal das seltsame Gefühl, dass die Wörter in der Luft hängen und ich nach ihnen greife, um sie aufs Papier zu setzen."

Sein Schreibzimmer ist ein schmuckloser kleiner Raum im Erdgeschoss. Die ganze Etage steht voll mit Bücherregalen, in denen die unzähligen Ausgaben seiner Werke ("Die New-York-Trilogie" , "Mr. Vertigo" , "Mond über Manhattan" usw.) und die seiner Frau ("Was ich liebte" , "Der Sommer ohne Männer" , "Die gleißende Welt" usw.) stehen. Dazwischen hängen die Plakate seiner Filme ("Blue in the Face", "Lulu on the Bridge"). Auster schreibt per Hand und tippt danach die Seiten in seine Olympia-Schreibmaschine. Auf dem Schreibtisch liegt auch ein iPad. "Das hat mir Siri geschenkt. Es ist praktisch, um etwas nachzuschauen, etwa welcher Wochentag der 2. März 1947 war." Im Nebenraum schnarrt ein Faxgerät. "Meine Assistentin faxt mir meine E-Mails."

Auster spricht gern über sein Schreiben, aber nicht gern über seine fertigen Romane und deren Interpretation oder Rezeption. Er halte sich für nicht geeignet, über seine eigene Arbeit Auskunft zu geben und für "absolut unfähig, mit kritischem Abstand darüber zu sprechen", sagt er in einem Gespräch mit der Literaturprofessorin Inge Birgitte Siegumfeldt, das gerade in Buchform erschienen ist ("Paul Auster. Ein Leben in Worten", Rowohlt). Das lässt er die Journalistin spüren, als sie vorsichtig anmerkt, ob das Ende seines neuen Romans nicht etwas vorhersehbar sei für Leser, die mit seinem Werk gut vertraut sind: ein sehr Auster-typisches Verwirrspiel zwischen Protagonist und Erzählerstimme.

 Ich finde, dass das Ende zum Besten zählt, was ich je geschrieben habe. 

"Da sind Sie aber die Einzige, die das sagt", antwortet er, der strenge Auster-Blick wird noch strenger. "Jeder, der dieses Buch gelesen hat, hat mir gesagt, dass das Ende brillant und wunderbar ist." Zaghafter Einwurf, dass man sich bloß etwas mehr Mysterium gewünscht hätte statt der sehr deutlichen Auflösung. "Tja, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich finde, dass das Ende zum Besten zählt, was ich je geschrieben habe. Ich habe mein ganzes Leben gebraucht, um darauf zu kommen." Auster lacht, es ist schwer zu beurteilen, ob er das tut, weil er nicht ganz ernst meint, was er sagt, oder weil er fassungslos über die Anmerkung ist.

Deutlicher wird sein Verhältnis zu Kritik, als man ihn fragt, wie er mit dem Vorwurf mancher Rezensenten umgehe, dass sich viele seiner Bücher sehr ähneln würden. "Ich höre nicht mehr darauf. Diese Leute haben keine Ahnung, und sie sind dumm. Es gibt so viel Boshaftigkeit auf der Welt, manche Menschen wollen hacken und treten und spucken, sie lassen ihren Frust an anderen aus." Er sagt auf Englisch "to pick and kick and spit" , was dem Satz viel Wucht verleiht.

Paul Auster im Gespräch mit Judith Liere

Paul Auster im Gespräch mit stern-Redakteurin Judith Liere


Aber natürlich ist es sein Recht, nicht die eigene Arbeit zu erklären und sich Verrissen nicht auszusetzen. Eigentlich ganz sympathisch, dass auch einem erfolgreichen und erfahrenen Autor wie Auster Kritik noch so nahegeht. Also: Themawechsel. Vielleicht etwas Persönlicheres zur Auflockerung? Mister Auster, Sie sind jetzt seit 36 Jahren mit Ihrer Frau zusammen. "Ja, Siri ist ein außergewöhnlicher Mensch mit einer überbordenden Intelligenz, ich hatte noch nie einen langweiligen Moment mit ihr." Er gerät ins Schwärmen. Nachfrage: In einem Interview mit einer deutschen Zeitung sagte Ihre Frau, Sie würden eine offene Ehe führen … "Jesus! Hören die deutschen Journalisten denn nie mit diesem Quatsch auf!" Auster wird ein bisschen laut, sagt, seine Frau sei damals falsch verstanden worden, sie meinte Offenheit und nicht Affären. "Wo haben Sie das gefunden? Im Internet wahrscheinlich, in irgendeinem alten Artikel. Sie waren wahrscheinlich nicht mal geboren, als Siri das gesagt haben soll." Das Interview stammt aus dem Jahr 2003.

Privates funktioniert also gerade auch nicht so gut. Aber vielleicht ist er jetzt in der richtigen Stimmung, über das Thema zu reden, an dem man nicht vorbeikommt: Trump. "Die Wahl dieser gefährlichen, verrückten Person, deren Namen ich nicht einmal aussprechen kann, weil mir dabei schlecht wird, ist das Schlimmste, das ich als amerikanischer Bürger jemals erlebt habe." Auster legt noch einen drauf: "Für mich ist das wie Hitlers Machtübernahme. Hitler hat die ersten zwei Jahre auch nichts Schlimmes gemacht, alle dachten, er sei ein lächerlicher Clown, der bald verschwinden würde. Nicht mal die Juden hatten Angst. Ich sage nicht, dass die Regierung anfangen wird, hier Menschen umzubringen. Aber sie werden uns Freiheiten nehmen, die wir in diesem Land schon immer hatten."

Mister Auster, wie wird sich Trumps Präsidentschaft auf Ihr Schreiben auswirken? "Das kann ich noch nicht sagen. Ich habe mich noch nicht vom Schreiben dieses Brockens hier erholt." Er deutet auf seinen neuen Roman. "Ich habe gerade das dickste Buch meines Lebens fertig geschrieben, jetzt gönnen Sie mir doch mal eine Pause!"

Okay, okay. Unsere Gesprächszeit ist sowieso um. Ach ja: Herzlichen Glückwunsch zum Siebzigsten.

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo