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Moderatorin Aminata Belli Warum das Nachtleben fehlt: "Clubs sind historische Safe Spaces für Minderheiten unserer Gesellschaft"

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Clubs waren die ersten Orte, die in der Coronakrise schließen mussten – und werden wohl auch die letzten sein, die ihre Türen wieder öffnen. Die Moderatorin Aminata Belli über die Stille in der Nacht und ihre Folgen für Kultur und Gesellschaft.

Frau Belli, wie gut halten Sie persönlich Stille aus?

Absolute Ruhe und Stille halte ich nicht nur gut aus, sondern sie ist für mich neben meinem schnellen Job und der lauten Stadt, in der ich lebe, total notwendig. Bei meiner Oma auf dem Dorf in absoluter Ruhe auszuschlafen oder in der Natur zu sein und die Stille genießen, ist traumhaft. Wenn die Stille allerdings plötzlich kommt, ich sie mir nicht ausgesucht habe, nicht leiten kann, dann beängstigt sie mich. Dann halte ich es nicht gut aus. Vielleicht, weil ich es einfach nicht will.  

Wie haben Sie die Stille der letzten Monate seit Beginn der Pandemie erlebt?

Ich fühle mich geerdet. Die Stille tat mir anfangs gut. Ich habe gemerkt, dass ich wirklich eine Pause brauchte. Langsam wird die Stille aber zu einem nervigen Begleiter. Etwas, das ich gerne ablegen würde. Ich höre keine Musik, die mich tanzen lässt, weil ich dann traurig werde. Ich habe mich auf Ruhigeres eingestellt und blende all das aus, was ich vermisse.

Können Sie nachvollziehen, dass langanhaltende Stille bei vielen Menschen in der heutigen Zeit für Beklemmung oder gar Angstzustände sorgt?

Definitiv. Ich bin dieses Jahr in einem mental sehr guten Zustand und im Reinen mit mir und meinem Umfeld. Ich bin sehr zufrieden. Wäre ich das nicht, würde dieses Jahr sehr dunkel sein. Ich war letztens am Flughafen, zum ersten Mal seit der Pandemie. Die Stille dort, die fehlenden Passagiere, die sich auf den Urlaub freuen, die Freiheit, all das war weg. Für einen Moment hat mich dieser Zustand so traurig gemacht, dass ich am liebsten geweint hätte. Da ist mir klar geworden, wie das alles auf Menschen wirken muss, denen es gerade ohnehin nicht gut geht. Das muss wahnsinnig schwer sein.  

Sie waren als Moderatorin bereits vielfältig in der Musikszene unterwegs – aber welche Rolle spielt die Musik in Ihrem Privatleben?

Ich bin als Schaustellerkind zwischen Autoscooter und Spielbuden aufgewaschen, also schon als Baby mit dröhnender Musik eingeschlafen. Musik ist daher schon immer mein täglicher Begleiter. Ein Beschleuniger von Stimmungen. Konzerte sind meine größten Ausflüchte und Energieträger. Normalerweise bin ich etwa alle zwei Wochen bei einer Show. Musik hören und fühlen spielt also eine wichtige, große Rolle – selber machen aber leider nicht.  

Aminata Belli moderiert seit 2020 zusammen mit MoTrip die NDR-Talkshow "deep und deutlich"
Aminata Belli moderiert seit 2020 zusammen mit MoTrip die NDR-Talkshow "deep und deutlich"
© Jens Krick/Geisler-Fotopress/ / Picture Alliance

Wie sehr vermissen Sie gerade das Nachtleben? Sind Sie in "normalen" Zeiten viel in Clubs unterwegs?

Dieses Jahr habe ich Silvester bei einer Hausparty begonnen und dann in einem Club beendet. Nach der Nacht war mein Vorsatz für 2020, endlich mehr feiern zu gehen. In den Jahren davor war ich nicht oft in Clubs. Ich war eher Team "wir gehen von Bar zu Bar und schauen, was die Nacht bringt". Nächte, bei denen man vorher nicht weiß, wie sie enden, sind doch die schönsten.  

Sie engagieren sich zusammen mit Vertretern der Gastro-, Kultur-, und Nightlife-Szene für die Initiative #SaveTheNight. Wie können wir alle dazu beitragen, die Nacht zu retten?

Ich achte zum Beispiel darauf, die "To-Go"-Varianten der Bars zu nutzen, kein Geld zurückzuverlangen von Konzerten, die verschoben wurden, und vor allem, direkt wieder hinzugehen, wenn es weitergeht!  

Wie würden Sie jemandem, der es nicht versteht, die soziale und gesellschaftliche Bedeutung dieser Branchen erklären, die ja weit über ein vermeintliches Luxusgut hinausgeht?

Clubs sind historische Safe Spaces für Minderheiten unserer Gesellschaft. Orte, an denen jede*r sein kann, wie sie oder er will. Für die LGBTQI+ Community war und ist der Club vielerorts immer noch einer der wenigen Orte, an dem Sexualität offen ausgelebt werden kann, ohne angefeindet zu werden. Ähnliches gilt für Shisha Bars, die – vor Hanau zumindest, und hoffentlich bald wieder – ein Safe Space sind für dieTeile unserer Jugend, die in viele Clubs wegen ihres Äußeren immer noch nicht reingelassen werden. Abgesehen von diesem Aspekt müssen Menschen, die eine funktionierende Wirtschaft aufrechterhalten sollen, auch mal Pausen machen, Ausgleich finden und eine Möglichkeit haben, ihrem Alltag zu entkommen, um neue Energie zu gewinnen. All das gibt uns diese Branche, und ohne sie wäre es sehr trist.    

Wie schätzen Sie die Lage der Betroffenen in diesen Branchen in der jetzigen Situation ein? Spüren Sie Kampfgeist unter den Barbesitzern, Clubbetreibern, Veranstaltern – oder eher Resignation?

Teils-teils. Vor allem glaube ich, dass es psychisch noch schlimmer ist als wirtschaftlich. Meine Familie hat dieses Jahr kaum arbeiten dürfen und musste stattdessen zuhause sitzen und zusehen, wie Veranstaltungen abgesagt werden, die Einkaufszentren aber gleichzeitig voll sind. Dass wir uns schützen müssen und Menschenmassen verhindern, ist klar und wichtig – aber hier und da kommen Ungerechtigkeiten zum Vorschein, die es den Menschen nicht leichter machen.  

Was glauben Sie: Werden unsere Städte nach der Pandemie noch annähernd so aussehen wie vorher?

Für Durchschnittsbürger*innen: Ja, ich glaube, dass es sich schneller, als wir jetzt denken, wieder normalisieren wird. Und ich glaube auch nicht, dass wir künftig jeden Festival- oder Barbesuch mehr schätzen werden. Aber für Veranstalter*innen und alle Betroffenen aus der Branche wird es sicherlich noch dauern, bis es so sein wird wie vorher, bis sich alles erholt hat.  

Und wie wird Ihr perfekter Abend aussehen, wenn irgendwann alle Clubs wieder geöffnet sind und alle Konzerte wieder stattfinden dürfen?

Verschwitzt.


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