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"Lockdown light" Die Stigmatisierung von Gastro und Kultur ist eine Bankrotterklärung der Corona-Politik

Sehen Sie im Video: Roland Kaiser über Corona-Krise: "Ich habe Angst um die Kollegen."


HINWEIS: Dieser Beitrag wird ohne Sprechertext gesendet. O-TON ROLAND KAISER, SCHLAGERSÄNGER: "Eine trocken gefallene Pflanze kann man wässern, einen abgebrochenen Ast klebt man aber nicht wieder an. Der ist ab und der bleibt ab, und das ist es, was mir gerade die meisten Sorgen macht. Dabei habe ich keine Angst und mich, weder, wenn ich auf der Bühne stehe, noch sonst. Ich habe Angst um die vielen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich auf Tour zusammenarbeite. Und deswegen ist ein Tag wie heute so ein wichtiger Tag, an dem die Menschen unserer Branche ein Gesicht erhalten, vor allem diejenigen, meine Damen und Herren, die vor und hinter der Bühne arbeiten und die man sonst nicht sieht. Ein Tag, an dem wir Glanz und Glitter beiseite schieben und Tacheles reden."
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Die Bundesregierung will der zweiten Corona-Welle mit harten Maßnahmen begegnen. Dabei hat sie offenbar verstärkt die Gastronomie und die Veranstaltungsbranche im Visier. Das sollte sich bloß nicht bewahrheiten, findet unser Autor.

Die Taktik ist so billig, dass sie fast nur noch als primitiv zu bezeichnen ist. Mit dem sogenannten "Lockdown light", für den Kanzlerin Angela Merkel laut einem Medienbericht am Mittwoch bei den Ministerpräsidenten werben wird, will das Kanzleramt "vor allem bei Gastronomie und Veranstaltungen hart vorgehen". 

Da stellt sich nach von Sperrstunden, Obergrenzen und Auftrittsverboten geprägten Monaten einerseits natürlich die Frage: noch härter? Andererseits offenbart sich der bisher blindeste Fleck der Politik in dieser Pandemie endgültig in voller Blüte: Die Ignoranz gegenüber Gastro- und Eventbranche, und damit vor allem gegenüber kleinen Betrieben und Soloselbstständigen in diesen Bereichen, konnte schon seit März kaum größer sein. Aber jetzt könnte sie zusätzlich als politische Nebelkerze instrumentalisiert werden, um von der eigenen Hilflosigkeit abzulenken. Und nicht nur deshalb sollten derartige Beschlüsse nun nicht zu Ungunsten dieser gebeutelten Branchen gefasst werden.

Seit Monaten keine Konzepte für die Gastronomie

Kurzer Seitenblick: Wer in den letzten Wochen reisen durfte oder musste, konnte feststellen, dass die Abstandsregeln in Zügen oder Flugzeugen schlicht nicht gelten. Wer genug Gäste findet, der packt seine Transportmittel so voll wie möglich. Die Bahn scheint dabei ebenso wie beispielsweise die vom Staat ohnehin schon mit neun Milliarden Euro unterstützte Lufthansa völlige Narrenfreiheit zu genießen. In der Luft und auf den Schienen wird sich demzufolge so verhalten, wie es in Eckkneipen oder Restaurants strafbar wäre.

Das ist schon schlimm genug. 

Und es ist schlimm genug, dass für die Gastronomiebranche über Monate keine griffigen Hilfskonzepte erarbeitet wurden, um zumindest letzte Hoffnung zu machen auf eine Zeit nach dem langen, dunklen Winter, der allen Betreibern bevorsteht. Es macht bisweilen fassungslos, wie die Politik, der in der Pandemie bisher zu Recht viel Vertrauen geschenkt und Fehler verziehen wurden, zwei elementare Bereiche des öffentlichen Lebens hilflos in eine existenzielle Bedrohungslage geraten lässt. "Nur fünf Prozent der Menschen infizieren sich in der Gastronomie", hat Jörn Peter Brinkmann, Betreiber der Berliner Kneipe "Ständige Vertretung", in der "Morgenpost" geklagt. "Dennoch werden wir als die Superspreader dargestellt."

Es ist schlimm genug, dass sich das Wirtschaftsministerium außerdem offenbar nicht aus Konzert- oder Theaterbesuchern zusammensetzt, denn sonst hätten sie sich dort vielleicht zu irgendeinem Zeitpunkt seit März auch mal ein paar finanzielle Gedanken (abgesehen von Soforthilfen für Betriebskosten) gemacht, wie nicht nur kulturelle Stätten, sondern auch die Künstler selbst, ja, wie eine ganze Kulturszene noch zu retten ist, damit die Menschen in einer fernen Zeit nach der Pandemie noch Grund haben werden, auszugehen und auf Bühnen zu blicken.

Es ist schlimm genug, dass man die Bedeutung von Musikclubs, von Bars, von Restaurants als soziale und gesellschaftliche Unverzichtbarkeiten auf grob fahrlässige Weise unterschätzt, sie ihrem Schicksal überlässt und in Kauf nimmt, dass es sie in einem halben Jahr einfach nicht mehr geben wird. Stattdessen werden rücksichtslose Einzeltäter unter den Gastronomen, die immer noch große Hochzeiten ausrichten, oder Veranstalter, die sich vorsätzlich nicht an Abstandsregeln halten, als willkommener Vorwand genommen, um die große Mehrheit der gewissenhaften Betreiber mit radikalen Auflagen in Geiselhaft zu nehmen. 

Populistischer Quatsch in überhitzter Zeit

Es ist schlimm genug, dass all jenen, die offensichtlich nicht in der Lage sind, die dramatische Gefahr für diese Branchen intellektuell zu erfassen, nicht wenigstens dann ein Licht aufgeht, wenn sie einen Blick auf die nackten Zahlen werfen: In der Gastronomie arbeiten in Deutschland rund 2,4 Millionen Menschen in 220.000 Betrieben, die knapp 90 Milliarden Euro erwirtschaften; in der Kultur- und Kreativbranche waren 2018 knapp 1,7 Millionen Erwerbstätige beschäftigt, die in 256.600 Unternehmen zusammen ein Umsatzvolumen von über 168 Milliarden Euro erzielten. Grund genug für Unterstützung scheinen diese Gewinne nicht zu sein – warum, bleibt fraglich. Unbestritten ist aber das kolossale Versagen hinter dieser unterlassenen Hilfeleistung, denn wer ernsthaft glaubt, dass zum Beispiel von Berlin als attraktivem Touristenziel noch viel übrig bleiben wird, wenn die Vielfalt dieser Branchen erst vollends zerstört ist, täuscht sich gewaltig – denn sie ist der einzige Grund, der die Jugend der Welt seit Jahren in Scharen in die deutsche Hauptstadt zieht.

Das alles ist schlimm genug.

Aber wenn die Politik jetzt, im Angesicht der zweiten Welle, allen Ernstes versuchen sollte, ausgerechnet jenen Branchen, die seit Monaten mit klugen und gewissenhaften Hygienekonzepten und trotz teilweise unnötiger und nicht nachvollziehbarer Restriktionen tapfer bis verzweifelt ums Überleben kämpfen, Branchen also, deren Beitrag zum Infektionsgeschehen deshalb zu jeder Zeit überschaubar geblieben ist, zu Sündenböcken zu machen, ist das mehr als bloß populistischer Quatsch in einer ohnehin überhitzten Zeit. Die Stigmatisierung der Gastronomie und der Veranstaltungsbranche ist vielmehr eine Bankrotterklärung in verzweifelten Top-down-Regierungszeiten, die auf keinen Fall in unseren Köpfen verfangen darf. Und als politisches Manöver so leicht zu durchschauen, dass wir uns alle in unserem Intellekt angegriffen fühlen sollten.


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