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Buchtipp

"Deutschland rechts außen": Mehr Mut zur Spannung - dieses Buch zeigt, wie wir die Rechten stoppen können

Matthias Quents Plädoyer für einen klarsichtigen Blick in die Vergangenheit und Zukunft hilft, Rechtsradikalismus zu unterscheiden, einzuordnen und – rechts liegen zu lassen.

Von Britta R. Kollberg

Rechtsextreme

Teilnehmer der Demonstration "Tag der Nation" zeigen am 3. Oktober 2018 in Berlin den Hitlergruß.

DPA

Dieser Sommer ist geprägt von einem besonderen Vorwahlkampf. Die anstehenden Landtagswahlen in drei Bundesländern bringen Menschen auf die Straße und Parteien in Bewegung. Denn was wird es bedeuten, wenn die AfD in Sachsen, Brandenburg und/oder Thüringen parlamentarische Mehrheiten erringt? Welche Veränderungen wird es bringen? Dass dann endlich etwas in Sachen steigende Mieten, marode Schulgebäude, Rentensicherung und Klimawandel passiert, scheint niemand zu glauben – oder auch nur als Wählererwartung an die Partei zu richten.

Warum also ist die AfD so interessant, da sie zu den drängenden Problemen der Zeit weder befragt wird noch substanziell etwas beizutragen versucht? Dieser Wahlkampf kanalisiert eine lange schwelende Debatte über Rechtsradikalismus in Deutschland und seine Abgrenzung zum demokratischen Spektrum – über die Normalisierung und "Wählbarkeit" extremer Positionen. Die bisherigen Begriffe scheinen dabei nicht weiterzuhelfen und mediale Debatten oft eher die Erregung zu füttern als größere Klarheit zu schaffen.

Es gibt keinen Grund für Pessimismus

Deutschland rechts außen

Das Buch ist im Piper Verlag erschienen und kostet 18 Euro

An diesem Punkt legt Matthias Quent mit seinem Buch "Deutschland rechts außen" eine Diskussionsanregung vor, die Begriffe, Erfahrungen von Bürgern, Umfrage- und Wahlergebnisse, historische Erkenntnisse sowie wissenschaftliche und politische Debatten erzählend zusammenfasst und ordnet. Ohne ins Akademische abzugleiten, schafft er begriffliche Klarheit zwischen Rechtskonservativismus, Deutschnationalismus, Rechtspopulismus, Rechtsextremismus und Terrorismus. Dabei greift er auf geschichtliche Erfahrungen der letzten 150 Jahre zurück, die helfen, aktuelle Entwicklungen einzuordnen und Parallelen zu erkennen: Parallelen, die uns warnen sollten, denn "[d]ie Möglichkeit eines neuen Holocausts ist im rechtsradikalen Denken verwurzelt, weil es dem alten Schema folgend eine Gruppe (bei Höcke "neoliberalistische Multikultikräfte") als universale Bedrohung darstellt“ (S. 51). Parallelen, die uns aber auch ermutigen können, entgegen kulturpessimistischen Stimmungen, falscher Nostalgie und einer verbreiteten "emotionale[n] Begeisterungsfähigkeit für apokalyptische Perspektiven" (S. 128) die Fortschritte der Gegenwart wahrzunehmen und die Herausforderungen der Zukunft anzupacken.

Dazu hat Quent eine immense Fülle an Statistiken und Daten ausgewertet, die sonst oft nur einzeln von der jeweiligen Seite vorgestellt und interpretiert werden, und liefert uns statt dessen ein ganzes Bild. So zitiert er zum rechtsradikalen Lieblingsthema Presse die Langzeitstudie "Medienvertrauen" der Universität Mainz: "Der Anteil derjenigen, die den Medien nicht vertrauen, ist von 2008 zu 2018 von 9 auf 22 Prozent gestiegen. Doch im selben Zeitraum ist auch der Anteil derjenigen, die den Medien vertrauen, von 29 auf 44 Prozent gestiegen. Stark zurückgegangen ist der Anteil jener, die die Frage nach dem Vertrauen in die Medien mit 'teils/teils' beantworten ..." (S. 150)

An vielen Aspekten unserer Gesellschaft – wie Frauenrechten, Umwelt- und Friedenspolitik – zeigt Quent auf, wie stark und selbstverständlich humanistische, bürgerrechtliche und progressive Ansichten in den letzten Jahrzehnten zugenommen und die Zustimmungsraten zu revisionistischen und antieuropäischen Thesen abgenommen haben. So gelingt es ihm, eine Analyse vorzulegen, die trotz ihres ernsten Befundes aufzeigt, dass Rechtsradikalismus, so bedrohlich und omnipräsent er sich derzeit zeigt, letztlich ein Aufbäumen gegen eine zunehmend offenere Gesellschaft ist.

Rechtsradikalismus ist kein ostdeutsches Problem

Seine besonderen Stärken gewinnt das Buch dort, wo Quent gelegentlich einen Abstecher von den Schilderungen des Faktischen in seine persönliche Sicht und Erfahrung macht. Hier sei vor allem das Vorwort dem Leser empfohlen – das keine langweilige Einleitung, sondern eine überaus lesenswerte, persönliche Eröffnung dessen ist, was dann sachlich und mit einer Vielzahl von Daten unterlegt folgt. Quents Vorwort ordnet diese Informationen zum Rechtsradikalismus dort ein, wo sie sich real abbilden: in der konkreten Lebenswelt von Menschen in unserer Republik. Es zeigt, was er vor Ort bedeutet, wie er sich außerhalb akademischer und parlamentarischer Debatten anfühlt und welche alltäglichen Auswirkungen er für zahlreiche Bürger hat.

Zugleich räumt er mit dem verbreiteten Vorurteil auf, Rechtsradikalismus sei ein ostdeutsches Problem. Im Gegenteil, von Ostdeutschland lässt sich auch lernen – zum Beispiel von der Stadt Jena, die rechtsradikale Hegemonie innerhalb von 20 Jahren erfolgreich zurückgedrängt hat, oder vom Land Brandenburg, das den Einsatz gegen die Verbreitung rassistischen Gedankenguts zum Verfassungsrang erhoben hat.

So hilft Quent mit konkreten Beispielen und oft überraschenden Vergleichen klarer zu sehen, was in der Auseinandersetzung mit Rechtsradikalen nützt und was dazu verführt, unbewusst deren Demokratie- und Menschenfeindlichkeit zu normalisieren, und ruft viele kluge Zeugen deutscher Geistes- und Kulturgeschichte auf. Sein Buch ist ein Plädoyer für mehr Gespräch, Aufschluss und Austausch unter verschiedenen Milieus über die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die unterschiedlichen Erfahrungen damit, Befürchtungen, Verlustängste und echte Gewinne. Ein Plädoyer für mehr Mut zur Spannung, zur Differenzierung und zur Gestaltung der eingangs genannten Zukunftsfragen.

Matthias Quent: "Deutschland rechts außen. Wie die Rechten nach der Macht greifen und wie wir sie stoppen können". Piper Verlag, München 2019, 18 Euro