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"Die Zunge Europas": Eine Woche Wahnwitz mit Heinz Strunk

Nach der Rundum-Verwertung seines Buchs "Fleisch ist mein Gemüse" legt Heinz Strunk jetzt mit einem manisch-literarischen Powertrip nach. Im Mittelpunkt von "Die Zunge Europas": Sieben Tage im Leben eines äußerst frustrierten Gag-Autors.

Von Ingo Scheel

Markus Erdmann wünscht sich nichts mehr, "als mit nacktem Oberkörper Holz zu hacken, ohne dass es scheiße aussieht." Davon jedoch ist er nicht nur diverse Kilo entfernt, auch sonst verläuft sein Leben in Bahnen, in denen Holzhacken, geschweige denn mit entblößtem Oberkörper, definitiv nicht stattfindet. Stattdessen schreibt Markus mäßig erfolgreiche Bühnenprogramme für den Comedian Sven, besucht einmal wöchentlich Oma (quirlig am Kochtopf) und Opa (dement im Ohrensessel) in der "Käfersiedlung" und ist irgendwie an seiner Dauerfreundin Sonja klebengeblieben, mit der ihn außer "Feierabend-Saufi-Saufi" und dieselbe Gewichtsklasse nur noch wenig verbindet.

Eine Woche lang hastet der Leser also diesem Markus Erdmann hinterher. Folgt ihm ins Café Pustekuchen zum Käsekuchen essen, in den Sandpark zum Biertrinken, stolpert mit ihm durch Hamburger Diskotheken, über die Reeperbahn und vor den heimischen Fernseher. Kurz unterbrochen wird dieser Trott nur, als Erdmann im Zug seine ehemalige Schulfreundin Janne wiedersieht. Ein Treffen, das sein Leben zumindest ein wenig verändert.

Wie mit dem Seziermesser

Jene Leser, die sich zuvor bereits mit Heinz Strunk befasst haben - und das dürften nach über 300.000 verkauften Exemplaren von "Fleisch ist mein Gemüse" und diversen CDs von Studio Braun einige sein - werden erkennen, dass Markus Erdmann nichts anderes als ein neues alter ego des Autors ist. Auch Strunk, der passenderweise das Buchcover ziert, hat eine Vergangenheit in der deutschen Comedy-Szene. Er war zu Gast in der "Sat1 Wochenshow", hatte mit "Fleischmann TV" ein eigenes Format beim Musiksender Viva 2 und betont mit schöner Regelmäßigkeit, wie sehr er deutsche Comedy hasst. So wird Markus zu seinem Sprachrohr, schaut mit schmerzender Klarsicht hinter die Worthülsen, die TV-Formate, das Gebrabbel, den Verbalschlamm, den die Menschheit nicht müde wird, in Cafés, Bars, Wohnzimmer und Zugabteile zu kotzen, und geht, ohne jegliche Nachsicht oder Milde, wie mit dem literarischen Seziermesser durch Menschenansammlungen.

"Wie lange erträgt man es zu wissen, dass nichts mehr kommt?"

Wie schon seine "Vogelmama", die in "Fleisch ist mein Gemüse" innerlich zu verbrennen droht und von psychotischen Anfällen geschüttelt wird, scheint auch der Literat Strunk manisch getrieben. Atemlos den Zeilen folgend, meint man fast zu hören, wie er mit bloßen Fäusten die Schreibmaschine traktiert, die eingeschobenen Essays und Schlagertexte durch das fadenscheinige Farbband ins Papier hämmert, mit Sprechkäse im Mundwinkel die Infokästen einfügt und Assoziationsketten zusammenschraubt, die schon mal auf nur einer Seite von Tomatensauce und Blutspende über den Philosophen Peter Sloterdijk, Raclette-Abende und Event-Gastronomie bis hin zu mit Rind gefüllten Rindern (sic!) führen.

Strunk bewegt sich mit "Die Zunge Europas" um einiges abseitiger vom Mainstream als beim Vorgänger und erschafft mit Markus Erdmann einen fiebrigen Society-Sezierer, ein literarisches Zwitterwesen aus Else Stratmann und Patrick Bateman. War "Fleisch ist mein Gemüse" noch rezipierbar als dezent retro-heimelig oder gar schlagerkultig, nicht zuletzt dokumentiert durch die halbgare Kinoversion, leckt die Zunge Europas in gesellschaftliche Ecken und Ritzen, die man schwerlich bei Popcorn und Brause näher betrachten möchte. Im Gegenteil - so spektakulär und unterhaltsam-irre dieser Roman sein mag, so durchgenudelt und außer Atem ist der Leser am Schluss. "Wie lange erträgt man es zu wissen, dass nichts mehr kommt?", heißt es an einer Stelle im Buch. Genau das lässt sich an dessen Ende ganz gut ertragen. Dennoch: Wieder zur Besinnung gekommen, würde man zu gerne wissen, wie es in Markus Erdmanns Kosmos weitergeht.