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Buchrezension

"Gun Love" von Jennifer Clement : "Zwei Wochen später hatten wir eine Waffe im Auto"

Pearl und ihre Mutter haben eine innige Beziehung, bis ein Mann auftaucht und ihren Platz einnimmt. Die mehrfach ausgezeichnete Jennifer Clement begibt sich in ihrem neuen Roman "Gun Love" in das White-Trash-Milieu der USA, in dem nur eine Währung hart ist: die Waffe.

Ein Mädchen mit Kapuze hält eine Waffe in die Kamera

Alltag in den USA: Viele Jugendliche haben Zugriff auf Waffen

Getty Images

Die US-amerikanische Autorin Jennifer Clement, die in Mexiko aufwuchs und in Mexiko-Stadt lebt, lässt sich in "Gun Love" viel Zeit, bis sie zu den Waffen greift. Wer aufgrund des Titels glaubt, mitten in eine rasante Welt aus Stahl und Blei zu tauchen, wird überrascht. Aus der Perspektive der kleinen Pearl mit der perlweißen Haut lernt der Leser Florida von seiner hässlichsten Seite kennen. Wer, wie sie und ihre Mutter, neben einem Trailerpark in einem Auto wohnt, gilt als obdachlos. Pearl wächst zwischen einer giftigen Müllkippe und einem Fluss mit Alligatoren in einer Welt voller Armut auf. Sie führt beinahe ein glückliches und unbeschwertes Leben, wenn da nicht immer auch Angst wäre. Und wenn es nur die Angst vor der eigenen Courage oder dem eigenen Leichtsinn ist.

Jennifer Clement, "Gun Love", Suhrkamp Verlag, 22 Euro. Das Buch erscheint am 10. 9. 2018 und ist hier bestellbar.

Jennifer Clement, "Gun Love", Suhrkamp Verlag, 22 Euro. Das Buch erscheint am 10. 9. 2018 und ist hier bestellbar.

Pearls Mutter bringt ihrer Tochter das Träumen bei und erzählt ihr viel von früher – nur wer ihr Vater ist, verrät sie ihr nicht. Als junge Mutter ist Margot mit 16 Jahren aus ihrem reichen, aber kalten Elternhaus ausgerissen und mit ihrem heimlich geborenen Baby im Auto davongefahren. Der Trailerpark sollte eine Übergangslösung für ein paar Monate werden, bis sie einen Job und eine Wohnung gefunden hätte. Doch Pearl hat nie eine andere Welt gesehen. Dass Milch aus Wasser mit Milchpulver besteht, kennt Pearl nicht anders, sie haben schließlich keinen Kühlschrank im Auto. Der Fahrersitz des Mercury ist ihr Zimmer, Handschuhfach und Fußräume werden zu Kleiderschrank und Co., unter dem Sitz versteckt Pearl ihre Fundstücke von der Mülldeponie. Ihre Mutter schläft auf der Rückbank.

Fast schmeichelt Clements Sprache über die brutale Realität hinweg

Die poetische Sprache der Wortvirtuosin Jennifer Clement auch auf Deutsch wie ein Gesamtkunstwerk klingen zu lassen, gelingt dem Übersetzer Nicolai von Schweder-Schreiner bravourös. Er hatte bereits 2014 Clements mehrfach ausgezeichneten Roman "Gebete für die Vermissten" brillant ins Deutsche übertragen und ist mit Clements Schreibstil vertraut – Sprache ist für die Autorin das wichtigste Vehikel. In "Gun Love" wird sie zum Mittel der Verführung, der Beinahe-Täuschung. Pearls trashige Lebensrealität scheint sorgsam mit Wort-Watte umhüllt, sodass man nur innerlich die Stirn runzelt, wenn das Mädchen mit ein paar Kügelchen Quecksilber aus einem alten Thermometer spielt. Es klingt so nachvollziehbar, wie Pearl sich an der Oberflächenspannung des flüssigen Schwermetalls erfreut und das giftige Element anschließend in ihrer Tasche mit sich herumträgt.

Dann tritt ein Mann in das Leben von Margot und alles verändert sich. "Zwei Wochen später hatten wir eine Waffe im Auto. All die Jahre war der Mercury voll mit Puppen, Stofftieren, Klamotten, Lebensmitteln, Decken und Büchern gewesen." Pearls heile Welt gerät ins Wanken. Je intensiver die Beziehung zwischen Margot und Eli wird, desto mehr wird Pearl aus ihrem vertrauten Umfeld gedrängt. Wenn Eli kommt, muss sie das Auto verlassen. April May, ihre einzige Freundin, erzählt Pearl, dass ihre Mutter nicht mehr arbeiten geht, seit Eli da ist. Kurz darauf kündigt ihr die zwei Jahre ältere die Freundschaft, weil Pearl sich zu einem gemeinen Satz hat hinreißen lassen. "Ich wusste, ich hätte den Mund halten sollen. Am liebsten hätte ich die Worte aus der Luft gefischt und zurück in meinen Mund gesteckt." Doch dafür ist es zu spät.

Einsam und heimatlos

Pearl sucht sich einen neuen Ort, um irgendwo ihre Hausaufgaben machen zu können. Ein Trailer steht leer und wird nun ihr direkter Anlaufpunkt nach der Schule. Dass sie damit ins Zentrum des Waffenschmuggels gezogen ist, wird ihr erst nach und nach klar. Weil sie niemanden mehr hat, beginnt sie eine Freundschaft mit Corazón, einer Mexikanerin, die sich um Pearl kümmert.

So ruhig der Roman beginnt, so sehr nimmt er Fahrt auf. Während aus der kindlichen Pearl allmählich ein Teenager wird, verändern sich all ihre Lebensumstände. Waffen gehören irgendwann täglich dazu. Unverschuldet gerät Pearl in einen Strudel, aus dem sie nicht ausbrechen kann. Das Mädchen, das nicht einmal eine Geburtsurkunde besitzt, weiß einfach nicht wie – und wohin. Pearl lebt im White-Trash-Milieu und hat nie etwas Anderes kennengelernt. Wenn es ihr schlecht geht, lutscht sie ein Stück Würfelzucker.

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