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Jennifer Clement: "Gebete für die Vermissten": Hymne auf die weibliche Widerstandskraft

In ihrem Roman "Gebete für die Vermissten" erzählt Jennifer Clement von Armut, Drogenhandel und weiblicher Widerstandskraft in Mexiko. Eine Begegnung mit der Autorin.

Schriftstellerin Jennifer Clement wurde 1960 in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf und studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft. Von 2009 bis 2012 war sie Präsidentin des mexikanischen PEN.

Schriftstellerin Jennifer Clement wurde 1960 in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf und studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft. Von 2009 bis 2012 war sie Präsidentin des mexikanischen PEN.

In Mexiko werden heute Frauen von der Straße geraubt oder mit vorgehaltener Pistole aus ihren Häusern. Manche kommen nie von ihrer Arbeit zurück nach Hause, von einer Party oder von einem Gang um die Ecke. Sie alle sind jung und arm und hübsch, schreibt Jennifer Clement auf ihrer Homepage.

Als ich die Autorin in einem Hamburger Hotel treffe, wirkt sie etwas müde. Ihr Zug hatte Verspätung, unser Termin musste zweimal nach hinten verschoben werden. "Wir sind das gewohnt von der Deutschen Bahn", nicke ich. Seit einer Woche reist Clement durch Europa, um "Gebete für die Vermissten" vorzustellen, ihr Buch, das neben der Unterstützung durch die National Endowment for the Arts auch mit dem humanitären Sara Curry Award ausgezeichnet wurde und nun auf Deutsch zu haben ist. An diesem Tag kommt sie aus Köln der Einladung zum Hamburger Harbour Front Literaturfestival nach. Die deutsche Ausgabe wird Maria Schrader abends neben ihr auf dem Podium lesen. Der Übersetzer Nicolai von Schweder-Schreiner hat brillante Arbeit geleistet, seine Fassung klingt ebenso poetisch wie das Original, das die Mexikanerin auf Englisch verfasst hat, "Prayers for the stolen".

Jennifer Clement: "Gebete für die Vermissten", Suhrkamp Verlag, 229 Seiten, 19,95 Euro.

Jennifer Clement: "Gebete für die Vermissten", Suhrkamp Verlag, 229 Seiten, 19,95 Euro.

Um meinem Herzen Luft zu machen, beginne ich das Gespräch damit, Frau Clement meine Begeisterung für ihr Buch mitzuteilen: für die Erzähltechnik, den Rhythmus, die Sprache und natürlich die Geschichte. Sie sieht mich überrascht an: "Vielen Dank! Sie sind die Erste, die das in einem Interview zu mir sagt!" Eine ironische Replique auf hundertfach Gehörtes, fürchte ich. Doch sie spricht im gleichen Tonfall weiter. Wir sitzen beim Kaffee und Jennifer Clement nimmt etwas Milch. "So etwas würde ich zum Beispiel nie schreiben 'Sie gießt ein wenig Milch in ihren Kaffee'", sagt sie. "Ich achte auf eine andere Art der Verständigung." Während die Dialoge im Buch authentisch und direkt aus dem Leben protokolliert scheinen, halten sich die Beschreibungen von Szenen, Atmosphäre, Luft, Licht, Geruch und Umfeld nicht mit Banalitäten auf. Sie erzählen eindrücklich und kraftvoll, die Verquickung von Poetik und Prosa liegt Clement am Herzen.

Das Setting

In Mexiko verschwinden jedes Jahr Hunderte Mädchen und Frauen. Obwohl sie sich in als Supermärkte getarnten Läden, in Kellern und die Ärmsten der Armen in Erdlöchern verstecken. So ergeht es auch Ladydi Garcia Marquez, der minderjährigen Protagonistin, die ihre Geschichte aus der Ichperspektive erzählt. Sie lebt mit ihrer Mutter auf einem Erdhügel im Bundesstaat Guerrero (gerade erst wieder in den Schlagzeilen), südlich von Mexiko-Stadt, der vor Schlangen, Spinnen und Skorpionen wimmelt. Nur Frauen und ihre Töchter wohnen dort, die Männer sind tot oder zum Arbeiten in die USA gegangen und nie zurückgekehrt. Das karge Umland besteht aus Mais- und Mohnfeldern und wird vom Kartell kontrolliert.

Ladydi muss sich von klein auf verkleiden und verstecken: "Jetzt machen wir dich hässlich, sagte meine Mutter", beginnt der Roman. Als Ladydi auf die Welt gekommen war, hatte die Mutter verbreitet, sie habe einen Sohn bekommen. Jeder wusste, dass es eine Lüge ist. Sie ruft ihre Kind "Junge", malt dem Mädchen mit Kohle das Gesicht an und rät "im Schatten zu gehen", nicht aufzufallen. "Vielleicht muss ich dir die Zähne ausschlagen", überlegt sie. Alles, um den Drogen- und Menschenhändlern nicht aufzufallen. "Drogen kann man nur einmal verkaufen", erklärt Jennifer Clement, "Mädchen immer wieder." Zehn Jahre lang hat sie, die in Mexiko-Stadt lebt, recherchiert und ist den Geschichten nachgegangen, die von verschwundenen Frauen erzählen. Ihr Suche war oft gefährlich.

Die Rolle des Fernsehens

"Wenn man von oben auf bestimmte Landstriche Mexikos schaut, sieht man ein Meer aus Satellitenschüsseln", erzählt Clement. So groß die Armut auch ist, selbst bei Ladydi läuft zu Hause den ganzen Tag der Fernseher. Ihre Mutter trinkt Bier und guckt den History Channel. "Die Mutter ist nicht dumm", sagt Clement, "sie bezieht ihr Wissen aber ausschließlich aus dem Fernsehen. Das Medium hat eine große Bildungsrolle übernommen."

Ladydi gerät unverschuldet in die Drogenszene, sie besitzt plötzlich ein Paket mit Heroin, wird Zeugin eines Mordes und ein dramatischer Überlebenskampf beginnt. "Früher war Mexiko ein Durchgangsland für Drogen: Das Heroin kam aus Kolumbien, der Bedarf war in den USA." Das hat sich längst geändert, wir hören es täglich in den Nachrichten.

Clement hat das beste Buch geschrieben, das ich 2014 gelesen habe. Von mir hätte sie den Nobelpreis bekommen.