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"Mittelreich": Bierbichlers böser Blick auf Bayern

Der große Schauspieler Josef Bierbichler hat einen großen Roman geschrieben. Auch wenn er selbst Bauernkind und Wirtshauserbe ist - eine Autobiografie ist "Mittelreich" nicht. Es ist viel mehr.

Es lässt sich einfach nicht unterdrücken. Immer wieder schiebt sich der Schauspieler Josef Bierbichler hinein in den Roman von Josef Bierbichler. Der Leser hört Bierbichlers Stimme diesen Text lesen, er gibt der Hauptfigur Bierbichlers massige Gestalt. Dass in diesem bayerischen Urgestein viele Rollen stecken, war immer klar. Aber dass auch ein Autor darunter sein würde, war dann doch nicht unbedingt zu erwarten.

Mit 63 Jahren hat Bierbichler seinen ersten Roman veröffentlicht. "Mittelreich" begleitet eine mittelreiche Bauern- und Gastwirtsfamilie an einem nicht genannten See im Voralpenland vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Im Mittepunkt steht "der Seewirt", Hof- und Hotelerbe wider Willen. Um ihn herum die strengen Eltern, die bigotten Schwestern, Frau und Kinder, Knechte und Tagelöhner, die Sommergäste in der Seewirtschaft und zwangseinquartierte Flüchtlinge.

Zusammenstoß mit der Moderne

Stoff für prächtige Szenen eines "clash of cultures" früherer Zeiten: Als "langhaarige Nackerte" aus der Stadt das Seeufer entdecken, zieht der Wirt mit Jauche einen sauberen Kreis um den Liegestuhl der Eindringlinge. Als die Scheune brennt, kommt der Nachbar, ein Maler, bestaunt die verkohlten Reste als Kunstwerk der Natur und bekommt vom Seewirt senior dessen Ausdeutschung des Wortes Kunst um die Ohren gehauen: "Kunst mich vielleicht am Arsch lecken."

Seedorf, Seegrub, Seestadt heißen die Schauplätze des Romans, sie stehen stellvertretend für jede dörfliche Gemeinschaft in Auflösung. Der Glaube verliert an Bedeutung, Maschinen ersetzen die Arbeitskräfte, das Wirtschaftswunder gebiert Spekulanten. All das thematisiert Bierbichler nicht platt-direkt, sondern in Nebensätzen: Knecht Viktor verhandelt im Vordergrund des Bildes mit einem arroganten Bankangestellten über die Anlage seiner Ersparnisse, während im Hintergrund die Studentenrevolte vorbeitrippelt.

Der böse Blick

Was das Buch besonders interessant macht, ist der Kontrast zwischen der teils geschliffenen Sprache und dem unbehauenen Personal, zwischen der Herzensbildung des Beobachters und der emotionalen Verkümmerung der Beobachteten. Das tut manchmal richtig weh: Erst nach ihrem Selbstmord entdeckt die Dorfgemeinschaft das lebenslange Trauma des Fräulein von Zwittau - es war halb Mann halb Frau. Die Dörfler kommentieren: "Das sind ganz andere Menschen, diese Flüchtlinge, die passen einfach nicht in unsere Gegend."

Bierbichler dürfte dieses Milieu gut kennen. Er ist selbst Bauernsohn vom Starnberger See, Internatszögling und Wirtshauserbe. Man spürt die Sympathie für diese Menschen, aber auch die Ablehnung vor allem ihrer oft rechten Gesinnung. Als ein Verfolgter seine Leidenszeit schildert, reagiert der Stammtisch "ein wenig irritiert, aber nicht übermäßig angetan". Bierbichler aber wettert: "Deshalb sollen sie alle verbluten, die einen Schlusstrich ziehen wollen. Sie sollen verbluten an ihrem eigenen deutschen Blut."

Glück des Schreibens

Blut fließt aber auch so genug in diesem Roman. Da werden real Schweine geschlachtet, irreal der bayerische Thronfolger verwurstet und halb real kinderschänderische Mönche ausgeweidet. Das erinnert an Bierbichlers ersten eigenen Text, "Verfluchtes Fleisch", der 2001 im Verlag der Autoren herauskam. Darin war noch viel von ihm selbst die Rede. In "Mittelreich" "kommt mein Leben ja nicht vor. Fast nicht", sagte Bierbichler jetzt im Interview mit dem "Spiegel" und berichtet: "Ich mag den Glückszustand, wenn es beim Schreiben erst hakt und dann endlich doch vier Seiten weitergeht."

Dass in einem großen Schauspieler auch ein großer Autor steckt, ist nicht unbedingt zu erwarten. Den Worten anderer Gestalt zu verleihen, dafür mag ein anderes Talent vonnöten sein als dafür, selbst Worte zu finden für das zu Gestaltende. Josef Bierbichler ist das gelungen. Sätze wie diese beweisen es: "Die Sehnsucht nach Liebe hockte auf seinem Bett, unerreichbar wie die Gleichheit."

Sandra Trauner/DPA / DPA
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