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Paul Maar: "Sams"-Erfinder verrät, wie man die Kinder des digitalen Zeitalters zum Bücherlesen verführt

Wie bringt man Kinder trotz Smartphone und iPad noch dazu, sich in ein Buch zu vertiefen? Fragen wir Paul Maar, Erfinder des Sams, der seit Jahrzehnten junge Menschen fürs Lesen begeistert.

Interview: Ulrike von Bülow und Anika Geisler

Sams-Erfinder Paul Maar erklärt, wie man die Kinder zum Lesen bringt

"Sams"-ErfinderPaul Maar, 80, im Buchladen Collibri in Bamberg, für den er diese Leseecke mit Burg und Eule gestaltet hat

Herr Maar, Ihre Sams-Bücher fesseln Kinder seit mehr als 40 Jahren. Wenn man heute in einer Kita-Gruppe zuschaut, wie Erzieherinnen daraus vorlesen, sitzen selbst die zappeligsten Jungs noch still und hören zu. Was hat das Sams, was andere Kinderbuchfiguren nicht haben?

Es hat erfreulicherweise etwas Zeitloses, man kann fast sagen, es ist ein moderner Klassiker geworden. Ich erlebe es oft bei Lesungen, wie jetzt gerade in Frankfurt, da waren 200 Kinder, der Saal war ausverkauft. Da kommen immer auch die Eltern mit, und die freuen sich genauso und sagen zu mir: Herr Maar, das Sams war eines meiner Lieblingsbücher, als ich ein Kind war, und jetzt lese ich es meinem Sohn vor, und der findet es auch gut.

Ist es das Anarchische, was das Sams ausmacht? Kinder lernen Regeln, aber dann sehen sie dieses kleine Wesen, das einfach macht, was es will.

Das genießen die Kinder, dass das Sams Dinge tut, die ein normales Kind nicht darf. Besonders, wenn sie Helikopter-Eltern haben, die ja immer häufiger werden(lacht); dann ist ihr ganzes Leben ja sehr geregelt und kontrolliert. Ein zweites Element sind sicher die Wunschpunkte …

… die das Sams im Gesicht hat, mit denen es Wünsche erfüllen kann.

Jedes Kind hat heimliche Wünsche. Ich kriege viele Briefe von Kindern, oft schreiben sie mir etwas und schieben das Sams vor. "Hallo Paul Maar, abends, wenn ich im Bett liege, stelle ich mir vor, dass das Sams kommt und sagt: Elvira, du hast einen Wunsch frei! Dann sage ich: Ich wünsche, dass Papa von dieser blöden Frau weggeht und wieder zu uns in die Familie kommt."

Maar zeichnet das Sams in Bücher, die ihm zum Signieren gebracht werden

Maar zeichnet das Sams in Bücher, die ihm zum Signieren gebracht werden

Wie schreiben die Kinder Ihnen, mit dem Computer?

Nee, die schreiben meist mit der Hand, und das finde ich auch sehr schön. Es schreiben mehr Mädchen als Jungs, sagen wir: 60 zu 40 Prozent. Mädchen schreiben höflicher, sensibler. Auch von den Wünschen her. Sie wünschen mir manchmal Glück und Gesundheit. Jungs wünschen sich vom Sams eher eine Playstation, mehr Taschengeld oder dass sie ihren Lieblingsfußballspieler mal persönlich kennenlernen.

Man sieht Kinder heute viel mit dem Smartphone, dem iPad …

Ja, leider.

Wie begeistert man sie da noch fürs Lesen?

Ich denke, man legt den Grundstein damit, dass man den Kindern Geschichten erzählt. Oder vorliest. Es entsteht eine emotionale Verknüpfung: Da ist ein Erwachsener, der widmet sich ganz mir, dem Kind. Bügelt nicht nebenher und schaut auch nicht die "Sportschau". Dieser Erwachsene – ob Vater, Mutter oder Opa – ist ganz für mich da. Es entsteht eine heimelige Atmosphäre, das Kind kann sich ganz eng anlehnen. Da entsteht diese Verknüpfung: Geschichten sind etwas ganz Warmes, Emotionales. Und wenn das Kind später eine Geschichte liest, ein Buch, dann steigt in ihm wieder dieses Gefühl auf.

Nun gibt es aber Kinder, die Eltern haben, da liest niemand vor.

Ich habe das Bamberger Literatur-Festival angeregt, das kommt jetzt ins vierte Jahr. Dazu gibt es Lesungen in kleinen Orten um Bamberg herum, ich lade Kinderbuch-Kollegen wie Kirsten Boie ein, und wir lesen in kleinen Ortsbibliotheken. Dahin kommen dann Schulklassen, vielleicht 50 Kinder pro Lesung. Und da spürt man durch Rückfragen: Von diesen Kindern lesen vielleicht zehn regelmäßig. Für die anderen ist es oft ein Aha-Erlebnis. Ich versuche, mit den Lehrern und Bibliothekaren Kontakt zu halten, weil ich gern eine Rückmeldung haben möchte. Die sagen: "Stellen Sie sich vor, der Mehmet, der noch nie ein Buch aus der Klassenbücherei ausgeliehen hat, der hat jetzt zum ersten Mal eins mit nach Hause genommen."

Welche Kinderbücher empfehlen Sie?

"Rico, Oscar und die Tieferschatten" von Andreas Steinhöfel, die finde ich ausgezeichnet, weil es realistische Bücher sind, also nicht nur fantastische.

Und sehr modern: Da gibt's alleinerziehende Mütter, Paare, die sich neu finden; nicht nur heile Welt.

Ja. Und ich habe kürzlich eins entdeckt, "Schlafen Fische?" von Jens Raschke. Das ist ein sehr einfaches, dünnes Buch, aber so profund und tiefgründig, das würde ich jedem empfehlen. Eine traurige Geschichte, da geht es auch um den Tod. Die sollten Kinder vielleicht zusammen mit den Eltern lesen.

"Solange ich noch Ideen habe werde ich schreiben"

"Solange ich noch Ideen habe werde ich schreiben"

Wie bewahrt man sich – Sie sind 80 Jahre alt – einen Draht zu Kindern?

Das weiß ich nicht. Ich schreibe die Bücher auch gar nicht bewusst für eine bestimmte Altersgruppe, sondern immer nur für das Kind in mir.

Hält Sie das jung? Sie könnten ja auch seit 15 Jahren fröhlicher Rentner sein und die Beine hochlegen.

Vielleicht ist es so etwas wie eine Droge. Wenn ich mich an den Computer setze und spüre, jetzt habe ich eine tolle Idee, dann ist Schreiben so ein Hochgefühl, dass es fast wie eine aufputschende Droge ist.

Im September erscheint Ihr neues Buch: "Snuffi Hartenstein und sein ziemlich dicker Freund". Da geht es um zwei unsichtbare Hunde. Wie kommen Sie auf Ihre Ideen?

Ich war bei der Buchmesse zu einem Gespräch vor Publikum eingeladen. Da fragte eine Mutter mit ein bisschen Zittern in der Stimme: Es sei vielleicht eher ein Psychologe zuständig als ein Autor, aber: Ihr Sohn sei jetzt sechs und habe einen unsichtbaren Freund, mit dem spreche er. Jetzt gehe es sogar so weit, dass sie für den einen extra Teller hinstellen müsse. Ob das gefährlich sei, fragte sie mich.

Konnten Sie ihr die Angst nehmen?

Ich sagte: Ich kann Ihnen gratulieren, Sie haben einen besonders fantasievollen Sohn! Und spätestens in der Pubertät schickt er seinen unsichtbaren Freund wieder weg. Da meldete sich eine andere Frau und fragte: Aber wohin schicken die ihre Freunde denn dann? Und da sagte ich: Dankeschön, das können Sie in meinem nächsten Buch nachlesen. Da geht es jetzt nämlich um einen Jungen, der allein in der Klasse sitzt und einen unsichtbaren Hund hat.

Sie haben Ihr erstes Buch noch mit der Hand geschrieben, dann kam die Schreibmaschine, die für junge Leute aussieht wie ein Ding aus einer fernen Zeit. Heute hat jedes Kind ein Handy, schreibt Kurznachrichten, in denen Grammatik keine Rolle mehr spielt. Machen Sie sich Sorgen, dass wir sprachlich verblöden?

Verblöden nicht. Es entsteht eine neue Jugendsprache, die interessant ist. Aber ich bedauere, dass es Bestrebungen gibt, die Handschrift abzuschaffen. Nur noch Großbuchstaben oder Druckschrift: In den USA wird wohl gar keine Handschrift mehr gelernt, sondern gleich am Computer geschrieben. Da geht sehr viel verloren. Ich glaube, man kann sich über die Handschrift selber bilden und fortentwickeln.

Macht, was es will: Das Sams hält sich an keine Regeln und kann mit seinen Wunschpunkten Dinge wahr werden lassen, von denen Kinder träumen

Macht, was es will: Das Sams hält sich an keine Regeln und kann mit seinen Wunschpunkten Dinge wahr werden lassen, von denen Kinder träumen

Es wird diskutiert, ob Kinder durch intensive Nutzung digitaler Medien suchtgefährdet sind. Wie wird das in Ihrer Familie gehandhabt, fummeln Ihre Enkel permanent am Handy herum?

Es gab bestimmte Regeln bei unseren Kindern und deren Kindern: nie bei Tisch ein Handy. Dazu kamen bestimmte Zeitbeschränkungen. So ein Handy ist sehr ablenkend. Lesen ist ja etwas, in das man versinken muss, aber die moderne Kindheit sieht immer mehr so aus: Das Kind fängt an zu lesen, dann kommt die erste Whatsapp von einem Freund und lenkt es ab. Dann bimmelt das Handy erneut, und es ist eine E-Mail. Schließlich gibt ihm jemand einen Tipp, dies und das bei Facebook nachzuschauen. Spätestens jetzt legt das Kind das Buch zur Seite, weil es die Konzentration nicht mehr hat.

Aber leben nicht auch Eltern so etwas vor? Man sieht ja inzwischen häufig Familien in Restaurants, und da haben alle ein Handy in der Hand …

Ja, und das ist nicht schön, wenn sich Vater, Mutter und zwei Kinder gar nicht mehr unterhalten und jeder nur auf sein Smartphone schaut. Eine Chance wäre, aber ich glaube, das schaffen die wenigsten Eltern: die Handys zu Hause zu lassen, wenn man in den Urlaub fährt. Und man nimmt stattdessen Bücher mit. Dann kommt man in eine Ruhephase und greift zum Buch und merkt: Oh, ist ja ganz spannend!

Warum haben Bücher noch immer die meiste Kraft, die Fantasie anzuregen?

Wenn ich in einem Buch schreibe: "In einem tiefen, dunklen Wald …", dann können sich ängstliche Kinder einen helleren Wald vorstellen, wo Licht durch die Bäume fällt. Die mutigeren stellen sich einen besonders tiefen und dunklen Wald vor. Allein das Wort Wald entwickelt eine individuelle Fantasie der Kinder, die kein Fernsehspiel, kein Film in ihnen erwecken kann. Ein Fernsehspiel gibt uns einen Wald vor, und zwar den, der möglichst nah am Ort der Produktion liegt und am günstigsten zu erreichen ist. Alle sehen denselben Wald und können sich keinen anderen mehr vorstellen. Aber wichtig finde ich, dass durch Bücher auch die emotionale Intelligenz angeregt wird. Dass man durch Bücher lernt, sich in andere hineinzuversetzen. Die Gedanken und Empfindungen anderer zu lernen – und sich so über die eigenen Empfindungen klar zu werden.

In Ihrem Elternhaus war Lesen verpönt. Ihr Vater, ein sehr strenger Herr, hielt es für Zeitverschwendung.

Der beste Weg, Kinder zum Lesen zu bringen, ist, es ihnen zu verbieten. Ich weiß es aus eigener Erfahrung, es war ein innerer Widerstand gegen das Leseverbot meines Vaters. Er hatte ein Malergeschäft und gute Argumente: "Seit einer halben Stunde sitzt du da und liest. Wenn ich den Raum anstreiche, brauche ich zwei Stunden. Und sehe: Toll, ich hab da was geschafft! Und was kommt bei dir heraus? Geh mal in den Hof und feg die Blätter weg, dann weißt du, dass du was geleistet hast!"

Hat er sich später mal bei Ihnen entschuldigt?

Nein, nicht direkt. Aber als mein erstes Buch einen Preis bekam, lief er in Schweinfurt …

… wo Sie aufwuchsen …

… durch die Fußgängerzone, hatte das Buch unter dem Arm – und wenn er einen Ruderfreund traf, sagte er: Ach guck, zufällig habe ich ein Buch dabei, das ist von meinem Sohn, er hat einen Preis dafür gewonnen! Da war er stolz.

"Mann kämpft gegen Wal, Wal gewinnt" : Erraten Sie diese Literatur-Klassiker anhand eines einzigen Satzes?

Sie haben Ihre Kindheit einmal als "extrem" bezeichnet. Wegen Ihres Vaters?

Auf der einen Seite war da dieser sehr strenge Vater. Der jahrelang abwesend war im Weltkrieg. Ich bin Jahrgang 37. Schweinfurt war eine der am meisten bombardierten Städte. Ich habe angezogen im Kinderbett geschlafen. Sirenen gingen, wir mussten in den Luftschutzkeller, die störrische, korpulente Oma mitschleifen, Köfferchen mit Unterlagen und Essen, wieder zu spät, an der eisernen Tür klopfen, erste Bomben fielen, und alles vibrierte, dann ging das Licht aus, meine Stiefmutter versuchte, mit der zitternden Hand eine Kerze anzuzünden. Da hat sich die Angst auf mich übertragen. Das war keine heile Kindheit.

Schmunzeln Sie deshalb heute, wenn Sie von "Helikopter-Eltern" sprechen? Menschen, die von allem zu viel haben und ihre Kinder mit ihrer übertriebenen Sorge kleinhalten.

Ja, manchmal. Ich erlebe das oft, in Bamberg gibt es ein Café mit einem Spielplatz daneben. Da kann man Kinder beobachten. Und zwei Sorten Eltern. Da sind die einen, unbesorgt, sie winken, und ihr Kind klettert das Gerüst hoch. Und dann sind da die anderen, Mütter, die immer dahinterstehen, wenn ihre Kinder versuchen, vorsichtig zu klettern. Da überträgt sich die Angst der Mütter auf die Kinder, und die werden keine sehr mutigen Kinder werden. Wir sind in der Nachkriegszeit über Ruinen geklettert, Kinderbanden, wir hüpften von drei Meter hohen Mauern herunter als Mutprobe. Ich habe aus der Zeit Freundschaften, die bis heute halten. Vielleicht könnten die Kinder heute manchmal ein kleines bisschen weniger gut behütet sein. Es würde ihnen nicht schaden.

Wie lange wollen Sie noch schreiben?

Solange ich noch Ideen habe! Ich habe mit meiner Frau eine Schiffsreise an der norwegischen Küste gemacht, zu den Lofoten, da hat man mir so viel von den Trollen erzählt – also habe ich jetzt mal eine Trollgeschichte geschrieben.

3 Tricks, die zum Lesen motivieren