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125 Jahre "Heidi": Schweizer Naturkind mit Frankfurt-Trauma

Die Geschichte des Waisenkindes "Heidi", die zuerst auf der Alm aufwächst und später in Frankfurt an Heimweh erkrankt, hat Millionen Kinder berührt. In diesem Jahr wird die Kinderbuch-Heldin 125 Jahre alt.

"Heidi" gehört zu den bekanntesten literarischen Figuren überhaupt und prägte weltweit das Bild der Schweiz - und auch das von Frankfurt. Das erste der beiden Heidi-Bücher von Johanna Spyri (1827-1901) erschien nach Angaben der Zürcher Johanna Spyri-Stiftung Anfang 1880, genau vor 125 Jahren. Innerhalb nur weniger Wochen hatte die Autorin die Geschichte niedergeschrieben. Bis heute gehört "Heidi" zu den erfolgreichsten Erzählstoffen der Kinderliteratur.

Laut Spyri-Museum im schweizerischen Hirzel, der Geburtsstadt der Autorin im Kanton Zürich, wurde das Buch in 50 Sprachen übersetzt und in ebenso vielen Millionen Exemplaren gedruckt. "Für mich war Heidi neben dem Nesthäkchen die erste literarische Freundin", sagt eine 81-jährige Frankfurterin. Was heute für viele Harry Potter ist, war früher oft "das Heidi", wie es auch im zweiten Roman immer genannt wird ("Heidi kann brauchen, was es gelernt hat" aus dem Jahr 1881).

Bekannt durch eine japanische Zeichentrickserie

Spätere Generationen lernten die Geschichte des naturnahen Waisenkindes mit "Frankfurt-Trauma" vielfach nicht als Buch, sondern als Spiel- oder Trickfilm kennen. Besonders bekannt wurden der amerikanische Film mit Shirley Temple (1937) sowie eine japanische Zeichentrick-Serie aus den 70er Jahren. In Deutschland erreichte deren Jodel-Titelsong von Christian Bruhn Kult-Status - zumindest bei den 1970er-Geburtsjahrgängen. Inhaltlich hält sich die animierte Serie erstaunlich nah an das Buch. Allerdings fehlen der japanischen Produktion oft die für Spyri wichtigen europäisch-religiösen Bezüge. Veränderungen der Heidi-Handlung waren übrigens schon recht früh möglich, da das Urheberrecht damals bereits 30 Jahre nach dem Tod der Autorin erlosch. Heute dauert dies 70 Jahre.

Die Leiterin der Forschungsabteilung der Johanna Spyri-Stiftung in Zürich, Verena Rutschmann, weiß viel über Heidi und ihre Erfinderin. Die als Johanna Louise Heusser geborene Spyri, die gerne Droste-Hülshoff und Goethe las, habe zeit ihres Lebens unter den gerade für Frauen strengen bürgerlichen Konventionen des 19. Jahrhunderts gelitten. Dies verarbeitete sie offenbar auch in den Frankfurt-Passagen der Heidi-Geschichte, in denen das Mädchen von der Enge der Stadt, in der man nicht gefahrlos hinauslaufen kann wie auf der Alm, sowie den strengen Erziehungsmethoden des Fräulein Rottenmeier krank wird.

Spyri kannte Frankfurt nur von der Durchreise

Durch ihre Familie und ihren Glauben - sie war pietistisch erzogen - war Spyri öfter in Bremen. Warum sie sich als krankmachende Stadt Frankfurt aussuchte, ist nicht ganz klar. "Sie kannte Frankfurt nur von der Durchreise, aber wahrscheinlich wollte sie keine vom Adel geprägte Großstadt und auch keine katholische nehmen", meint Rutschmann. Zudem sollte die Stadt weiter weg von den Alpen sein als etwa München. So kam es zur Wahl der Handelsstadt am Main. Im früher sehr bürgerlichen Frankfurt konnte Spyri literarisch das Leid des Naturkindes voll entfalten, sagt Rutschmann. Heidis Erfinderin litt übrigens, trotz eines äußerlich reichen Lebens, jahrelang an Depressionen. Einziges Heilmittel für die Autorin - und so auch für ihre Figur Heidi - wurde der Glauben.

Für die Schweizer ist "Heidi" bis heute wichtig: Eine ganze Region im Norden Graubündens rund um das Städtchen Maienfeld wird heute als "Heidiland" vermarktet. Der Stadtpräsident Christian Möhr auf deren Internetseite: "Den relativ hohen Bekanntheitsgrad verdankt Maienfeld natürlich dem Heidi." Zu Heidis 125. Geburtstag wird in diesem Sommer dort auch ein Musical aufgeführt.

Wer möchte, kann Heidi in diesem Monat in und um Frankfurt als Theaterstück sehen. Zwischen Alpenglühn und Großstadt-Trauma zeigt das Berner Theater Kolypan "Heidi" in einer 60 Minuten-Fassung.

Gregor Tholl/DPA / DPA