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Arbeitsplatz Universität: Akademiker in der Armutsfalle

Hoch motiviert, qualifiziert und unterbezahlt. Bei der angespannten Haushaltslage an deutschen Universitäten wird eine sichere Karriereplanung immer schwieriger. Statt unbefristetem Super-Job winkt der Putz-Nebenjob. In Uni-Kreisen spricht man von "wissenschaftlichem Prekariat".

Von Maximilian Grosser

Knapp 660 Euro für 19 Stunden Arbeit in der Woche - das ergibt 10,17 Euro Stundenlohn. Keine schlechte Bezahlung für einen Nebenjob in Ostdeutschland, wo der durchschnittliche Lohn für solche Beschäftigungen bei ca. sechs bis sieben Euro liegt. Doch Robert Feustels Anstellung ist kein Nebenjob. Der neunundzwanzigjährige Politikwissenschaftler arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni Leipzig, er hat einen Uni-Abschluss, gibt ein Seminar und arbeitet für seinen Professor. Feustel verbringt deutlich mehr Zeit im Büro, als er laut Vertrag müsste. "Es ist mittlerweile üblich, halbe Stellen zu bezahlen und 40 Stunden arbeiten zu lassen", sagt Feustel. Er hat zwei Kinder, seine Freundin, die noch studiert, bekommt Arbeitslosengeld II. "Allein von dem Geld, das die Uni mir zahlt, könnte ich keineswegs leben", erklärt Robert Feustel. Das Geld reicht monatlich gerade für die Fixkosten, so dass er Nebenjobs annehmen muss. Feustel gehört so zu den rund 30.000 wissenschaftlichen Mitarbeitern an deutschen Unis, die lehren, forschen und Projekte organisieren und für nur knapp 20 Stunden oder weniger bezahlt werden. Für diese Existenzform hat sich mittlerweile der Begriff "wissenschaftliches Prekariat" eingebürgert.

Die Situation des Politikwissenschaftlers ist an deutschen Unis inzwischen Standard. Denn immer mehr Studenten drängen nach ihrem Abschluss auf die wenigen Promotionsstellen, die aber kaum Zeit lassen, an der Doktorarbeit zu schreiben. Trotzdem ist Feustel glücklich mit seinem Job, auch wenn er weiß, dass er unterbezahlt ist. Aber der Politikwissenschaftler kennt es nicht anders und hat sich darauf eingerichtet, dass seine Karriere nicht planbar ist "Ein Promotionstitel ist gut für den Arbeitsmarkt", so Feustel. Anderen fällt es schwerer, sich immer wieder neu auf Stellen bewerben zu müssen, in der Hoffnung irgendwann einmal auf einer festen Stelle zu landen.

Fehlende Planbarkeit zehrt an den Nerven

Der Durchlauf an Nachwuchswissenschaftlern an den Unis ist schneller geworden. Die Haushalte stagnieren und so werden die Arbeitsplätze für junge Wissenschaftler aufgeteilt in halbe Stellen oder gar Drittel- und Viertel-Stellen. Manche arbeiten sogar kostenlos. Der Soziologe Matthias Neis, 34, von der Uni Jena beobachtet in den letzten Jahren eine steigende Tendenz zur Prekarisierung des wissenschaftlichen Nachwuchses. 75 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter sitzen mehrere Jahre auf befristeten Stellen und müssen auf das Wohlwollen ihrer Vorgesetzten für eine Verlängerung hoffen. Knapp 40 Prozent von ihnen arbeiten dazu noch in Teilzeitverträgen. Fehlende Planbarkeit sieht Neis als eines der größten Probleme an. Die Chance auf eine unbefristete Stelle für den akademischen Mittelbau sei von vielen Faktoren abhängig - "von Glück, Beziehungen oder der richtigen Spezialisierung", meint Neis. Aber es gäbe kein Erfolgsrezept für den richtigen Weg. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften ist die Gefahr, mit seiner Qualifikation irgendwann nichts anfangen zu können, besonders groß. Aber auch die Naturwissenschaften sind von diesen Problemen betroffen. Die Qualität der Lehre wird sich in den nächsten Jahren dadurch zwangsläufig verschlechtern.

Der Druck, mehr in Forschung und Lehre zu arbeiten, lässt den wissenschaftlichen Mitarbeitern wenig Zeit, um zum Beispiel Seminare noch ausreichend vorzubereiten. Auch können Studierende kaum noch befriedigend betreut werden. Und es zeichnet sich die Tendenz ab, dass weniger Wissenschaftler an den Unis bleiben wollen - entweder schauen sie nach dem freien Markt oder einer Anstellung im Ausland. Die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse durch befristete Stellen führt dazu, dass der Mangel an Spitzenkräften, wie jetzt schon in den Ingenieurswissenschaften, auch andere Fächer erreichen könnte. Deutschland als Wissenschaftsstandort werde so seine Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich einbüßen, sagt Matthias Neis.

Letzter Ausweg: Taxi fahren

Alexander Weiss, 39, ist in seiner akademischen Karriere schon einige Schritte weiter. Der Juniorprofessor für Alte Geschichte forscht gerade als Stipendiat an der Macquarie University in Sydney, Australien. Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung gewährt ihm ein großzügiges Stipendium. Seit Oktober 2007 lebt er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in der australischen Hauptstadt. Aber auch Alexander Weiss muss hoffen, dass er in Deutschland eine der wenigen Professorenstellen bekommt, sonst bleibt ihm, wie er sarkastisch meint, nur "die Option Taxi-Fahrer". Derzeit schaut er sich auf dem englischsprachigen Uni-Markt um. Dort sind mehr Stellen vorhanden und die Bezahlung ist um einiges besser. "Mich hat fast der Schlag getroffen, als ich erfahren habe, was die dort verdienen." Seine Kollegen in Sydney bekommen 25-40 Prozent mehr Gehalt als er mit seiner Juniorprofessor in Deutschland. Das Geld - 3400 Euro (nach der Evaluation kommen 260 Euro dazu) - reiche gerade mal dafür, seine Familie zu ernähren - "wir können aber keine Rücklagen ansparen."

Nach zwölf Jahren ist in der Regel Schluss

Die Juniorprofessur wurde in Deutschland als Prestigeprojekt eingeführt, um Uni-Karrieren planungssicher zu machen. Endlich sollten Akademiker die Chance bekommen, mit herausragender Leistung ohne Habilitation eine feste Professorenstelle zu bekommen. Aber gerade einmal zehn Prozent von den knapp 1000 Juniorprofessoren wird die Chance gewährt, nahtlos in eine Professorenstelle hinüber zu wechseln. Alle anderen müssen sich, wie bisher, auf die unbefristeten Stellen bewerben. Wer nach zwölf Jahren keine feste Stelle an der Uni findet, steht am Ende seiner akademischen Laufbahn und hat geringe Chancen, in einem Alter von knapp 40 Jahren noch Arbeit in der freien Wirtschaft zu finden. Eine Verlängerung über die zwölf Jahre hinaus ist nur möglich, wenn die Stelle überwiegend aus Drittmitteln finanziert wird; unter bestimmten Bedingungen können auch Erziehungszeiten angerechnet werden."Die Karriere ist nicht planbarer, sondern risikoreicher geworden", sagt Alexander Weiss. Die Juniorprofessur wird wohl keine Erfolgsgeschichte werden.

Aber statt sich dagegen zu wehren, sind viele Nachwuchswissenschaftler mit Konkurrenzdenken und Angst um die eigene Karriere beschäftigt. Zwar spürt Robert Feustel auch Solidarität unter den Kollegen. Aber nennenswerte Proteste gibt es kaum. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter nutzen ihre Netzwerke untereinander eher dazu, um zu schauen, wo es noch Drittmittel für neue Projekte gibt oder andere Lösungen für die prekäre Situation zu finden sind. Robert Feustel ist inzwischen klar, dass sich an seiner Situation und der seiner Kollegen in den nächsten Jahren nichts ändern wird.