HOME

Bestsellerautor Daniel Kehlmann: Der "Ruhm" und die Folgen

1,4 Millionen Exemplare hat Autor Daniel Kehlmann von seinem Roman "Die Vermessung der Welt" allein in Deutschland verkauft. Mit seinem neuen Buch mit dem vielversprechenden Titel "Ruhm" versucht Kehlmann, seinen Bestseller vergessen zu machen.

Von Tanja Beuthien

"Ruhm" ist nicht irgendein Buch. Es ist DAS BUCH nach dem Bestseller "Die Vermessung der Welt": Übersetzt in vierzig Sprachen, verkauft (allein in Deutschland) mit 1,4 Millionen Exemplaren. Und Daniel Kehlmann ist nicht irgendein Schriftsteller. Er ist DER DEUTSCHSPRACHIGE SCHRIFTSTELLER, Liebling der Literaturkritiker und Liebling der Leser: Jung genug, um interessant zu sein, intelligent genug um zu amüsieren, berühmt genug, um zu imponieren. Daniel Kehlmann weiß das alles. Und er hat lange darüber nachgedacht.

Vier Jahre ist es her, dass sein Roman über den Naturforscher Alexander von Humboldt und den Mathematiker Carl Friedrich Gauß zum überraschenden Bestseller avancierte. Und es muss eine quälende Zeit gedauert haben, bis ihm klar wurde, dass "der Vorteil eines Bestsellers darin liegt, dass man nie wieder einen Bestseller schreiben muss." Dennoch sind die Vorschusslorbeeren der "Nachwuchshoffnung" verbraucht. Er sei schließlich jetzt "kein Anfänger mehr", äußerte Daniel Kehlmann kürzlich in einem Interview im stern: "Jetzt muss es zur Sache gehen. Wenn ich jetzt nicht die Dinge mache, die mich als Künstler definieren sollen, dann ist es zu spät."

Moderner Realismus und postmoderne Form

So ist sein vierter Roman gleichzeitig "DAS BUCH EINS" nach der "Vermessung der Welt", der "RUHM" nach dem Erfolg. Der Titel ist natürlich nicht größenwahnsinnig, sondern ganz und gar ironisch gemeint. Auch darüber hat Daniel Kehlmann viel nachgedacht. Genauso über die Form: "Ein Roman in neun Geschichten" lautet der Untertitel. Er wolle das "Prinzip des Episodenfilms auf den Roman übertragen", ein "Ineinander von menschlichem Realismus und postmoderner Form" schaffen, sagt er über sein jüngstes Werk. In Interviews spricht er über "die unterschiedlichen Ebenen der Fiktionalität" und das "architektonische Gefüge" des Ganzen, über die Buñuel-Hommage und den Raymond-Carver-Realismus der einzelnen Geschichten: Ihm sei ein "zersplitterter, multiperspektivischer Roman" gelungen. "Ich glaube, dass es formal das Avancierteste ist, was ich je gemacht habe. Ich bin damit künstlerisch am weitesten vorangekommen."

Die neun Kurzgeschichten ergeben zusammengenommen eine Handlung mit doppeltem Boden. Die Idee ist nicht neu, doch beherrscht Kehlmann das literarische Spiel mit Virtuosität. Ein Techniker erhält auf seinem Handy seltsame Anrufe, die eigentlich einem anderen gelten. Ein Schauspieler fällt aus der Welt, als sich plötzlich niemand mehr bei ihm meldet. Ein Schriftsteller verwandelt sein gesamtes Umfeld gnadenlos in Literatur. Und hadert mit seiner Romanfigur, die nicht den Tod sterben will, für den er sie erfunden hat. Es geht "ums Vergessenwerden, ums Verschwinden, um das Sichverlieren oder die Auflösung", sagt Daniel Kehlmann. Auch darüber hat er sich spürbar Gedanken gemacht. Und natürlich um die Bedeutung des Ruhms, um die Grenze zwischen Realität und Fiktion und den Ausbruch aus dem eigenen Leben.

Perfekt komponiert, aber ohne Zauber und Magie

Die Intention ist deutlich, und Kehlmann sorgt dafür auf 203 Seiten dafür, dass sein Leser sie keinen Augenblick vergisst. Wenn er über seinen Schriftsteller Leo Richter schreibt, er sei ein "Autor vertrackter Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwarteter Volten von einer leicht sterilen Brillanz", so ist das natürlich "keine Selbstbeschreibung, es ist eine Falle". Und doch wird man den Verdacht nicht los, dass hier einer sein eigenes Unbehagen in ironische Worte verpackt. Denn der Roman ist nicht, wie die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, "auf bemerkenswerte Weise misslungen." Er ist perfekt komponiert, er ist intelligent und mit leichter Hand geschrieben, er ist unterhaltsam, mehrfach ironisch gebrochen und erfüllt alle Anforderungen, die der Autor selbst an sich stellt. Und doch besitzt er nicht den Sog der "Vermessung der Welt", nicht den skurrilen Zauber, die Magie des Künstlerromans "Ich und Kaminski". Die Figuren bleiben Konstrukte einer hoch artifiziellen literarischen Spielerei, sie rühren nicht ans Innerste. Oder sie haben nicht "genug menschliche Substanz", wie Kehlmann das nennen würde .

Für den Verkauf ist das erst einmal unwichtig. Schließlich ist "Ruhm" nicht irgendein Buch, sondern am Erstverkaufstag bereits auf Rang vier der Amazon Bestsellerliste (nach Stephenie Meyers "Bis(s) zum Morgengrauen"). Der Roman "hat jetzt eine große Medienpräsenz, und ich werde sie auch haben. Ich mache das für den Moment mit, weil ich dem Buch viele Leser wünsche. Aber dann ist auch bald wieder Schluss", hat Daniel Kehlmann gesagt. "Dann kann ich mich wieder auf Leben und Arbeit konzentrieren". Und vielleicht ein bisschen weniger Nachdenken.