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Buchmarkt: Klassiker gegen die Krise

Die "Bild"-Zeitung tut es, die "Süddeutsche" schon lange: Immer öfter bringen Zeitungsverlage Bucheditionen auf den Markt. Die klassischen Literaturverlage fürchten, dass die Buchlandschaft langfristig Schaden nimmt.

Von Carsten Heidböhmer

Auch Siegfried Lenz darf sich mit seiner "Deutschstunde" in die Phalanx der "50 großen Romane des 20. Jahrhunderts" einreihen

Auch Siegfried Lenz darf sich mit seiner "Deutschstunde" in die Phalanx der "50 großen Romane des 20. Jahrhunderts" einreihen

Ob in der Chefetage der "Süddeutschen Zeitung" Sektkorken knallten, ist nicht bekannt. Gründe zum Feiern gibt es derzeit genug: Der Verkauf brummt, man rechnet mit einer zweistelligen Rendite. Das lässt aufhorchen: Besitzen doch Erfolgsmeldungen im arg gebeutelten Zeitungsmarkt seit längerem großen Seltenheitswert. Seit 1994 ist die Gesamtauflage der Zeitungen in Deutschland kontinuierlich zurückgegangen. Brechen für die Branche wieder goldene Zeiten an?

Nicht immer die Hauptwerke im Sortiment

Weit gefehlt! Bei den Daten handelt es sich um die Verkaufszahlen der "SZ-Bibliothek". Diese verlagseigene Buchreihe präsentiert den Lesern jede Woche einen von "50 großen Romanen des 20. Jahrhunderts", die dieser dann käuflich erwerben kann. Im Sortiment finden sich Bestseller von Milan Kundera, John Irving und Umberto Eco ebenso wie Klassiker der Moderne aus der Feder von Günter Grass, Elias Canetti, Thomas Bernhard, Siegfried Lenz. So beeindruckend diese Aufzählung ist - es fällt doch auf, dass von einigen Autoren eher marginale Werke aufgenommen wurden. So ist Franz Kafka nicht etwa mit einem seiner Hauptwerke "Der Prozess" oder "Das Schloss" vertreten, sondern mit dem Romanfragment "Amerika". Von John Steinbeck ist anstelle seines großen Romans "Früchte des Zorns" das ausgesprochene Nebenwerk "Tortilla Flat" aufgeführt.

Trotz dieser Schönheitsfehler: Mit dieser Buchreihe hat sich der "Süddeutsche Verlag" ein neues Standbein neben dem Zeitungsgeschäft aufgebaut. Ein Gewinn bringendes dazu. Rund fünf Millionen Mal haben sich die ersten 25 der auf 50 Bände angelegten Reihe verkauft - weit mehr als erwartet.

"Bild" liefert Bestseller

Da erfolgreiche Konzepte immer Nachahmer finden, überlegte sich die "Bild"-Zeitung ein ähnliches Projekt. Wo die "Süddeutsche Zeitung" ihr bürgerlich-liberales Publikum mit Literatur-Klassikern des 20. Jahrhunderts bedient, zielt das Boulevard-Blatt auf den Massenmarkt. Die "Bild Bestseller Bibliothek" präsentiert seit dem 7. Oktober wöchentlich einen populären Schmöker. Fast alles, was Rang und Namen hat, ist dabei: Stephen King, Michael Crichton, Johannes Mario Simmel und die gute alte Agatha Christie. Die ersten beiden Bände dieser Reihe führen erwartungsgemäß die "Hitliste Trendsetter Buch". Und das mit deutlichem Abstand.

Die Redakteure helfen mit

Deutschland liest wieder - auch dank "Bild" und "Süddeutsche". Ein Grund zur Freude? Rudolf Frankl beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. Der Marketingleiter des Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) in München befürchtet für die Buchlandschaft vielfältige negative Konsequenzen. Kurzfristig hätten die Verlage Umsatzeinbußen bei den Titeln zu verzeichnen, die von den Zeitungshäusern billig auf den Markt geworfen würden. Noch schwerer wiege da aber die Wettbewerbsverzerrung: Durch die massive Bewerbung in den Zeitungen genössen die Sondereditionen einen ungeheuren Startvorteil. Denn geworben würde auch da, wo keine Anzeige drauf steht: So ließen sich angesehene "Süddeutsche"-Redakteure das Marketing einspannen und stellen jeden Samstag den neuesten Band auf der ersten Seite des Feuilleton ausführlich vor. Derartiges redaktionelles Engagement sei bei Büchern anderer Verlage äußerst selten.

Was kostet Qualität?

Das größte Problem sieht Frankl aber darin, dass derartige Billigaktionen langfristig das Konsumverhalten beeinflussen könnten: Der Kunde bekomme den Eindruck, Qualität sei auch für weniger Geld zu haben. Dabei falle unter den Tisch, dass es ja die traditionellen Verlage seien, die schriftstellerische Talente erst entdeckten und unter Kosten und Mühen dem lesenden Publikum bekannt machten, ehe sich diese zu Bestsellern oder später zu Klassikern entwickeln. Buchprojekte wie das der "Süddeutschen Zeitung" schöpften nur noch den Rahm ab. Die vielen Jahre verlegerischer Tätigkeit würden da einfach mal übersprungen.

Eine ganz andere Frage ist, ob die gekauften Bücher wirklich auch alle gelesen werden. Nicht wenige kaufen sich die komplette "SZ-Bibliothek" bewusst, weil sie sich im heimischen Bücherregal gut macht. So gesehen sind die klassischen Verlage gar nicht so teuer: Ein 20-Euro-Schmöker, der wirklich gelesen wird, ist dann doch weitaus günstiger als eine ganze Reihe Bücher für 196 Euro, bei der nur die Rücken interessieren.