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Die Medien-Kolumne: Die Tränen des Bildchen-Sammlers

Polaroid, Yps-Heftchen oder Raider-Schokoriegel - wenn Kultmarken verschwinden, leben nostalgische Kindheitserinnerungen auf. Jetzt erwischt es die guten alten Panini-Bundesliga-Sammelhefte - nach 34 Jahren. Schuld ist die gierige Zentralvermarktung der Deutschen Fußball Liga.

Von Bernd Gäbler

Ich hatte erst wenige Bildchen, aber nach den ersten "Wundertüten" war bereits eine seltsame Häufung zu beobachten: Das gleiche Trikot trugen Hans Eisele, Klaus-Dieter Sieloff und Erwin Waldner. Nur wegen dieser Häufung wurde ich für die nächsten Jahre also Fan des VfB Stuttgart. Ich tauschte die Brustbildchen, bis ich die Mannschaften jeweils fast vollständig zusammen hatte, klebte sie eifrig in Alben; führte Statistiken über die Bundesligaeinsätze der abgebildeten Spieler.

In jedem Mann steckt ein Kind. Erinnerungen stimmen die Menschen milde - besonders, wenn es um die eigene Person geht. Eine zarte Nostalgie stellt sich ein. Und weil es so scheint als vollziehe jeder Mensch die Menschheitsentwicklung noch einmal en miniature im eigenen Leben nach, gibt es auch jeweils eine Phase des Daseins als Jäger und Sammler. Die Erinnerung daran, wie man selber als Kind Fußballbilder gejagt und gesammelt hat, ist ein wenig anrührend, weil man sich selbst in einer äußerst naiven Variante entgegentritt. Und verbunden ist die Erinnerung immer mit dem einen Namen: Panini!

Die Marke als Gattungsname

Natürlich gab es auch andere Bilder. In den Kölln-Flocken waren welche versteckt, auch in Hanuta-Päckchen oder in Duplo-Stangen. Es gab Zigaretten- und Margarine-Bildchen; aber zur Legende wurden nur die Panini-Bilder mit den Konterfeis der Bundesligaspieler. Wie "Uhu" oder "Tempo" wurden Panini-Bilder zum Gattungsbegriff. Dabei ist das Geschäft der Bilder-Firma Panini nicht einmal auf den Fußball fokussiert. Ob Harry-Potter, Pokemon oder das Personal von Star Wars als Sammelalben-Bilder - offenbar sammeln insbesondere Jungen zu allen Zeiten in einem bestimmten Alter besonders gerne Aufkleber.

Und Panini ist der Marktführer dieser Branche. Aber das Fußball-Bild - das ist nun einmal Panini. 34 Jahre lang gab es sie in Deutschland. Manche Menschen bleiben ewig Kinder und sammeln deswegen auch schon genauso lange. Es gibt Sammel-Päpste, Bücher zum Thema, Tauschbörsen im Internet - und sicher wird es auch nach Panini weiterhin Bilder der Fußballhelden geben. Aber dennoch: Eine Epoche geht zu Ende.

Eine 34 Jahre währende Dokumentation des Zeitgeistes

Die Panini-Bildchen sind mehr als Nostalgie-Auslöser oder Dokumentarmaterial des Fußballs. Schon das Design der Trikots zeigt den Wandel der Moden, gelegentlich gewagte Farben und spielerische Formen, immer wieder abgelöst von funktionaler Strenge. Und gelacht werden darf über die Frisuren: Zunächst ist da noch viel Frisiercreme und klare Linienführung glatt nach hinten, dann gehören eine ganze Periode lang Schnäuzer und Vokuhila zur Standard-Konfektionierung des Profi-Fußballers.

Schnäuzer und Vokuhila

Trotz dieser Verfremdung kann man viele noch sofort erkennen: den jungen Lothar Matthäus mit Milchgesicht; Andi Brehme mit Schreckensfrisur; Horst Köppel, schon in jungen Jahren mit eher schütterem Haupthaar. Und es blicken einen Kicker aus den Tiefen der Vergangenheit an, die nur noch den Extrem-Fans ein Begriff sind: der Bremer Helmut Jagielski; Peter Kaack von Eintracht Braunschweig etwa oder auch Dieter Haßdenteufel vom 1. FC Saarbrücken.

Die Panini-Bilder sind Zeugnis des eigenen Alterns und des vergangenen Stils. Unfreiwillig dokumentieren sie über eine recht große Zeitspanne hinweg auch die Entwicklung der deutschen Alltagskultur und Geschmacksbildung. Mit einem Schlag werden jetzt diese Brücken zur Vergangenheit eingerissen. Nie wieder soll es Panini-Bundesliga-Bilder geben!

Die DFL-Zentralvermarktung

Schuld an dieser medialen Epochenzäsur ist die Zentralvermarktung der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Die Vereine und erst recht die einzelnen Spieler sollen möglichst wenig eigenen Spielraum für etwaigen Vermarktungsaktionen haben. Also entdeckte die "Merchandising-Kommission" der Fußball-Liga ein Geschäftsfeld, aus dem noch nicht ausreichend Ertrag gepresst wurde: das weite Feld der Foto- und Druckrechte für Sammelbildchen. Rasch wurde dies nun auch der Zentralvermarktung der Bundesliga unterstellt.

Während den Fan nur interessiert, ob die Neuzugänge auch rechtzeitig und vollständig erfasst sind, meinten die Fußball-Geschäftsleute, dass das Panini-Gebot von 11,25 Mio. Euro für die Bilderrechte einfach zu niedrig sei. Wunschgemäß sprang eine US-Firma ein und bot 1,15 Mio. Euro mehr. Für diesen sensationellen Betrag nun wurden alle Traditionen gekappt. Panini behauptet zwar, dass sich im betriebseigenen Tresor die Einzelverträge mit Spielern und Vereinen stapeln, darf aber ab der nächsten Saison keine Bildnisse oder "Wundertüten" mehr mit Kickern, Vereinslogos oder Bundesliga-Emblem vertreiben. Mit kleinlicher Gier wendet sich die DFL ab von einer der kleinen schönen Geschichten rund um den Fußball.

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