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Angeblicher Alleskönner Wave: Ein Blick in Googles Wundertüte

Wie wird künftig kommuniziert? Google glaubt, die Lösung gefunden zu haben. Mit Wave soll alles einfacher werden. stern.de surft auf der ersten Welle und hat sich die Preview angeschaut.

Von Gerd Blank

"Hast du schon eine Einladung?" Kaum etwas adelt ein Mitglied der digitalen Bohème derzeit mehr, als von Google zum neuesten Dienst Wave eingeladen zu werden. Wer schon einen der limitierten Zugänge hat, wird von Kollegen, Freunden und sogar Fremden angebettelt: "Bitte, lade mich doch auch ein!" Denn Google lässt jedes neue Mitglied acht weitere Menschen anwerben. Mit diesem Schneeballsystem wächst die Gemeinschaft schnell an, aus dem exklusiven Kreis entsteht so eine große Gemeinschaft.

Das hat auch schon bei Google Mail funktioniert. Auch bei diesem Freemail-Service wurden zunächste einige wenige Nutzer eingeladen, die aber wiederum weitere Personen von den Vorteilen überzeugen konnten. Das Prinzip dahinter ist klar: Wenn mir ein Service von einem Freund empfohlen wird, muss er gut sein. Ein Test der Stiftung Warentest zeigt aber, dass eine gute Bewertung nicht nur ein Freundschaftsdienst ist: Google Mail schnitt als bester kostenloser E-Mail-Dienst ab.

Hype oder Massenphänomen?

Wie aus einem Hype für wenige Nutzer ein Massenphänomen wird, weiß Google also. Doch was kann Wave? Ist es so gut, wie einige vermuten, oder macht Google lediglich die Welle? Der erste Blick ist auf jeden Fall erst einmal sehr unspektakulär, wie immer, wenn man einen Google-Dienst das erste Mal öffnet. Das Browserfenster wird zu einer Art Kommandozentrale, die sehr stark an die Oberfläche eines Freemail-Anbieters erinnert. Oben links gibt es auch eine Inbox für eingegangene Nachrichten. Doch damit hört die Gemeinsamkeit auch schon auf. In einem Video erläutert ein Google-Mitarbeiter, was man mit Wave machen kann.

Wave ist keine weitere E-Mail-Option, auch wenn viele Ideen der Kommunikation per Mail in das neue Konzept einfließen. Der Unterschied zwischen Mail und Wave lässt sich relativ einfach erklären: Will man per E-Mail mehrere Personen erreichen, schickt man mehrere E-Mails. Bei Wave gibt es nur eine Nachricht, die von allen Empfängern gleichzeitig genutzt werden kann. Ja, genutzt, denn sie wird nicht nur gelesen, sondern lässt sich, wie wir es aus der normalen Kommunikation kennen, weiterspinnen. Jede neue Kommunikation wird als neue "Wave" gestartet. Wie in einem Chat können alle Teilnehmer ihre Gedanken einstreuen, es entsteht ein echtes Gespräch. Mehr noch: War man mal kurz nicht am Bildschirm und hat einen Teil der Unterhaltung verpasst, lässt sich per Playback jede neue Mitteilung mit Zeitstempel auch später verfolgen. Auch Bilder lassen sich in die Gespräche einfügen, oder - falls man kurz abschalten will - Spielchen wie Sudoku spielen.

Bei anderen Diensten abgeschaut

Die Wave-Entwickler haben sich viele Social-Community-Dienste genau angeschaut. So findet man Elemente aus Facebook und Twitter sowie aus Kommunikationstools wie Chat und natürlich E-Mail. Doch statt alle Kommunikationsmöglichkeiten nebeneinander anzubieten, vermengt Google Wave alles. Es kommt so nicht mehr darauf an, über welchen Kanal die Nutzer miteinander sprechen. Es geht nur noch um das Thema und nicht mehr um die Form. Die benutzten Gesprächswellen lassen sich jederzeit wieder aufrufen und weiterführen. Gesprächsteilnehmer werden einfach mit der Maus per Drag and Drop aus der Kontaktliste hinzugefügt - oder wieder aus dem Gespräch entfernt.

Mit Google Wave lassen sich Partys organisieren und Abstimmungstools einbauen. Natürlich können Landkarten eingebaut werden, schließlich gibt es ja Google Maps. Sogar Videotelefonie ist mit Wave möglich. Und hat man Freunde aus Frankreich, braucht man nicht einmal französisch zu lernen: Google Wave übersetzt den Text während der Eingabe. Wave lässt sich auch auf Webseiten und Blogs einbinden, was die Kommunikation der Leser untereinander vereinfacht.

Nur der Anfang

Doch das ist nur der Anfang, Google wirbt darum, dass Entwickler für die offene Plattform weitere Tools entwickeln. So wird sicher künftig E-Mail integriert und eine Anbindung zu anderen Kommunikationsdiensten geschaffen. So testet Google in den USA gerade einen eigenen Telefondienst, der zu Google Wave passt. So könnten, bei einer vernünftigen Spracherkennung, Personen per Telefon an einer Welle teilnehmen. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Ganz klar, bei Google Wave handelt es sich derzeit nur um eine Preview, nicht alles funktioniert so, wie es später einmal soll. Und da nur ein begrenzter Personenkreis zu diesem ersten Blick eingeladen wurde, finden hauptsächlich Selbstgespräche statt. Doch es wird auch deutlich, dass die großen Innovationen nicht bei Apple oder Microsoft entstehen, sondern bei Google. Google hat das Suchen vereinfacht, Betriebssystem und Browser veröffentlicht und mischt auch erfolgreich im Handymarkt mit. Nun gibt das Unternehmen mit Wave möglicherweise die Antwort auf die Frage, wie wir in der immer komplizierten Welt miteinander reden. Google, die Einheitssprache, die jeder versteht.