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Zwischen Regen und Traufe: Apple und das große China-Dilemma

Nach langem Tief geht es für Apple in Riesenmarkt China endlich wieder nach oben. Doch ausgerechnet jetzt wächst der Druck in der Heimat USA zwischen Hongkong-Protesten und Handelskrieg immer weiter. Und Apple muss zwischen Regen und Traufe wählen.

Tim Cook

Apple kommt um den riesigen Markt in China nicht herum

Picture Alliance

China ist der größte Markt der Welt – auch für Apple. Doch während sich der iPhone-Konzern im Rest der Welt weitgehend erfolgreich gegen den einbrechenden Smartphone-Markt stemmen konnte, verlor Apple ausgerechnet im Land mit den meisten Smartphone-Kunden stetig an Boden. Das neue iPhone 11 scheint endlich die Kehrtwende zu bringen. Doch plötzlich findet sich der Konzern wegen der Hongkong-Proteste zwischen den Fronten. Und wird von beiden Seiten gezwungen, Farbe zu bekennen. 

Dabei sah die Lage gerade so gut aus: Mit dem iPhone 11 gelang Apple endlich die Balance aus enorm attraktiver Hardware und einem etwas niedrigeren Preis (Hier lesen Sie unseren Test). Nach allen Prognosen sind die Verkaufszahlen des neuen Modells mehr als überzeugend. Vor allem die Prognosen für China dürften Tim Cook und sein Team mehr als gefreut haben: Um sagenhafte 230 Prozent sollen die chinesischen iPhone-Verkäufe im September nach oben geschossen sein, meldeten letzte Woche Analysten. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum waren die Verkäufe dort zum iPhone-Start nur 110 Prozent nach oben gegangen. 

Für Apple dürfte es ein Moment des Aufatmens gewesen sein. Seit China 2015 mit Vorstellung des iPhone 7 das erste Mal die USA als Markt mit den meisten iPhone-Käufen überholt hatte, gingen die Zahlen im Land mit dem größten Wachstumspotenzial nur noch nach unten. Vor allem die immer besser werdende Konkurrenz aus dem Land der Mitte selbst sorgte dafür, dass Apples Marktanteil dort immer weiter sank. Das sich das jetzt ändert, dürfte auch am Erfolg 2015 liegen: Mit dem iPhone 7 ist das mit Abstand meistverbreitete iPhone in China jetzt drei Jahre alt. Neben den Neukunden gibt es also auch viele Wechsler. Ob die tatsächlich noch mal für Rekordkäufe gesorgt haben, wird sich am 30. Oktober zeigen, wenn Apple seine Quartalszahlen präsentiert.

Zwischen den Fronten

Bis dahin dürften Tim Cook und seinem Führungsteam aber noch einige Kopfschmerzen bevorstehen. Nach dem Apple ohne eigenes Verschulden zwischen die Fronten von Donald Trump Handelskrieg geriet, droht nun noch größeres Ungemach: Wegen der Proteste in Hongkong wird Peking immer nervöser - und fordert auch von Apple allerlei Zugeständnisse.

Zuerst begann es mit Kleinigkeiten. Einigen Nutzern fiel auf, dass nach einem Update auf iPhones in Hongkong auf einmal die Fahne des abtrünnigen Taiwan nicht mehr aufzufinden war. Das war vorher nur im chinesischen Festland der Fall. Vermutlich wollte man so vermeiden, dass die Demonstranten in Hongkong die Taiwanesische Flagge als Symbol für die Unabhängigkeit benutzen konnten. Bis auf vereinzelte Reaktionen blieb das Echo aber zunächst gering.

Doch dann warf Apple vor zwei Wochen die App "hkmap.live" aus dem App Store. Über sie hatten sich die Demonstranten zum Teil organisiert. Als offizielle Begründung nannte Apple den Missbrauch der App. Weil dort auch Polizei-Standorte gelistet seien, hätten sie Demonstranten für Angriffe und Hinterhalte für die Sicherheitskräfte genutzt, erklärte Apple. "Diese App verstößt gegen unsere Richtlinien und lokale Gesetze, und wir haben sie aus dem App Store entfernt", so der Konzern.

US-Firmen in der Kritik

Mit der Reaktion dürfte Apple aber nicht gerechnet haben. Tagelang wurde in US-Medien über die in Deutschland eher wenig beachtete Maßnahme debattiert. Sie wurde als Einknicken vor dem chinesischen Staat wahrgenommen. Den Höhepunkt fand der Widerstand aus Politik und Gesellschaft am Wochenende: In einer gemeinsamen Erklärung verurteilten Politiker der sonst so verhassten Demokraten und Republikaner Seite an Seite Apples Vorgehen.

So unterschiedliche Politiker wie der ultrakonservative Ted Cruz und die Liberalen-Ikone Alexandria Occasion-Cortez hatten plötzlich einen gemeinsamen Feind gefunden. Sie verurteilten Apples Entscheidung streng, heißt es in dem Brief. "Fälle wie dieser erwecken echte Bedenken, ob Apple und andere große US-Konzerne sich lieber chinesischen Forderungen unterwerfen, statt Zugang zu einer Milliarde chinesischer Kunden zu verlieren", heißt es in dem Brief. 

Apple befindet sich in einer äußerst unbequemen Position, die der Konzern mit anderen US-Unternehmen teilt. Auch die Basketball-Liga NBA und der Spiele-Hersteller Activision-Blizzard versuchten, die China-Politik aus dem Geschäft zu halten. Zusammen mit weiteren Unternehmen finden sie sich deshalb auf Boykott-Listen, die über soziale Medien wie Reddit rasant verbreitet werden. Während die Firmen die Politik am liebsten vermeiden wollen, erwarten ihre Kunden ein klares Statement zur freien, demokratischen Gesellschaft, der sie ihren Erfolg verdanken.

Qual der Wahl

Für Apple und die anderen Konzerne steht nun die Wahl zwischen Regen und Traufe an. Sollten sie sich klar für eine der Positionen entscheiden, drohen auf der anderen Seite massive Umsatzeinbrüche. Google hatte diese Entscheidung bereits vor fast zehn Jahren getroffen. Weil man die eigenen Suchergebnisse in China nicht zensieren wollte, zog sich der Internetgigant vom dortigen Markt zurück. Immer wieder erwägte man, mit einer eigenen, zensierten Suchmaschine zurückzukehren. Letzten Dezember verwarf man dann das "Dragonfly" genannte Projekt – nach Protesten aus der eigenen Belegschaft.

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Bei Apple ist noch keine so klare Entscheidung zu erkennen. Apple-Chef Tim Cook kündigte zwar vor wenigen Stunden an, zukünftig dem Vorstand einer der wichtigsten Business-Universitäten Chinas anzugehören. Überbewerten sollte man das aber nicht: Er schließt sich damit nur anderen Slicon-Valley-Größen wie Facebook-Chef Mark Zuckerberg und Tesla-CEO Elon Musk an. Ein anderer Schritt zeigt, dass Apple die Abhängigkeit von China eher verringern möchte: Der Konzern nahm letzte Woche erstmals eine Fabrik in Indien in Betrieb. Dort werden die nach wie vor wichtige iPhone XR produziert.

Die Furcht vor dem Bann 

Die Angst der Konzerne vor dem verlorenen Markt ist nicht unberechtigt. Gerade erst zeigte China am Beispiel der US-Serie "South Park" sehr klar, wie man mit Kritik aus den USA umgeht. Nachdem die Macher in einer der jüngsten Folgen Chinas Zensur aufs Korn nahmen, wurde die Serie dort mit einem Schlag verboten. Die Macher reagierten, indem sie noch einmal nachlegten und den chinesischen Präsidenten Xi Jinping direkt beleidigten.

Die Episode bekommt besondere Würze, weil "South Park" sich gerade mitten im Wettbieten um die internationalen Streamingrechte befindet. Auch Apple hatte sich ursprünglich für die auf bis zu 500 Millionen Dollar teuren Rechte für seinen im November startenden Streaming-Dienst Apple TV+ interessiert.

Jetzt sind der Konzern und auch Konkurrent Netflix ausgestiegen. Neben dem hohen Preis soll auch die Angst vor der Wut der Chinesen eine Rolle gespielt haben.

Quellen: The Verge, Tagesschau, DPA, IBTimes, Statista, IDC, Bloomberg